Lucina Soteira – Tempel

26.11.2023 von Marcus Pohlmann

Lucina Soteira - Tempel

Musiker:

Label: ,

Genre: , ,

Laufzeit: 42 Minuten

Tracklist:
01 - Tempel
02 - O Caligo
03 - Fire
04 - No Way Back
05 - Mein Wille
06 - Safe
07 - Die with my head held high
08 - Pure Love
09 - Amor Vincit Omnia

Erscheinungsdatum: 10.11.2023

Sprache: Deutsch / Englisch / Latein

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Mangelnde Kreativität und Produktivität kann man Luci van Org sicherlich nicht vorwerfen. Die Berlinerin veröffentlicht seit den 1990er Jahren mehr oder minder regelmäßig Musik, die von lockerem Pop über Techno bis hin zu Neuer Deutscher Härte reicht. Daneben betätigt sie sich als Drehbuch- und Romanautorin, beispielsweise HIER und pflegt Kooperationen mit anderen Künstlern. Nachdem in den vergangenen Jahren immer wieder kleine Ausschnitte ihres neuesten Projektes zu hören waren, ist nun das Album Tempel erschienen. Frau von Org veröffentlicht „A psychedelic ritual“, so der Untertitel, unter dem Projektnamen Lucina Soteira.
Um den Vertrieb des Silberlings kümmert sich das Label Foxy Records aus dem bayerischen Kulmbach, die eine ganze Reihe Künstler abseits des Mainstream betreuen.

Was steckt drin?

Wer sich für das Album interessiert, hat zum einen die Möglichkeit einen physikalischen Tonträger zu erwerben. Das Digi-Pack mit seinen neun Tracks kommt zusammen mit einem kleinen Booklet. Ansonsten gibt es natürlich auch die Option Tempel, oder einzelne Stücke daraus, digital zu kaufen.

Was wird gespielt?

Der Opener und zugleich Titeltrack „Tempel“ stellt direkt unter Beweis, dass es Luci van Org und ihre drei Mit-Musiker mit der psychedelischen Komponente ernst meinen. Der Bass blubbert konstant vor sich hin, während die Akkustik-Gitarre für den Hauptteil der musikalischen Untermalung verantwortlich ist. Dagegen sorgt die E-Gitarre für einige harte Kontraste und schräge Effekte. Obwohl sich das Schlagwerk nicht in den Vordergrund drängt, liefert es doch eine gewisse Konstanz. Über dem musikalischen Konstrukt liegt jedoch der markante Gesang. Dieser kommt manchmal zart und spröde aus den Boxen, dann wieder fast als Schrei, nur um dann zu gemurmelten Beschwörungsformeln zu wechseln. Dabei springt die Sängerin fließend zwischen deutschen, englischen und lateinischen Texten. Das alles ergibt zwar keine sonderlich eingängige, aber doch eine sehr spannende Mischung.
Die ersten Sekunden von „Fire“ gehören Bass und Schlagzeug, die auch im weiteren Verlauf dem Stück seine Struktur geben. Die verfremdeten Gitarrenriffs sind direkt den 1960er Jahren entsprungen – und erinnern mich an einen Filmsoundtrack aus dieser Zeit. Insgesamt präsentiert sich die Musik etwas rockiger als auf den vorangegangen Tracks. Dazu passen die kraftvollen Vocals – grade der deutsche Part unterstreicht diesen Eindruck. Obwohl es sich hier im das kürzeste Stück auf Tempel handelt, bleibt es mir doch am längsten in den Gehörgängen hängen. Für mich eines der Highlights auf diesem Album.
Meines Wissens handelt es sich bei „Safe“ um das erste Stück, das unter dem Projektnamen Lucina Soteira schon 2020 und ohne Mitmusiker veröffentlicht wurde. Hier sind bereits alle Merkmale vorhanden, die sich drei Jahre später auch auf dem Album wiederfinden. Vielleicht ist der psychedelische, experimentelle Charakter noch nicht ganz so ausgeprägt – aber doch bei genauem Hinhören zu erkennen. Textlich bewegt sich Frau van Org dagegen auf ungewohnt optimistischen, romantischen Pfaden.
Ähnlich ruhig geht es bei „Die with my head held high“ zu. Schlagzeug und akustische Gitarre geben bei dieser kleinen Geschichte um würdevolles Ableben den Ton an. Im zweiten, englischen gesungenen, Teil geht es etwas druckvoller zu. Verzerrte Gitarreneffekte, aggressivere Drums und kraftvollere Vocals sorgen für einen deutlichen Kontrast im Vergleich zum ersten Part. Erst gegen Ende kehrt die feierliche Stimmung zurück. Das Stück spricht mich auf mehreren Ebenen an und ist mein persönlicher Favorit auf dem Album.
Mit dem letzten Track „Amor Vincit Omnia“ bewegen sich Lucina Soteira in eher gängigen Rock-Gefilden. Gitarren, Bass und Schlagzeug liefern eine eingängige, aber wenig herausragende musikalische Grundstruktur. Einzig beim Refrain höre ich leichte Funk-Anleihen, die den Sound auflockern. Für mich nicht so vielschichtig wie die andern Tracks auf dem Album und teilweise sogar etwas bieder.

Gehört die CD in den Player?

Tempel wirkt ein wenig aus der Zeit gefallen. Mehr als nur gelegentliche Anleihen an Psychedelia und Prog Rock aus den späten 19960er und frühen 1970er bestimmen den Sound des Albums. Dazu kommen andere Versatzstücke, beispielsweise Liedermacher-Akkustik, Deutschrock, Blues oder Stoner Rock. Das funktioniert weitgehend recht gut und ergibt einen ungewöhnlichen, eigenständigen Sound. Ähnlich merkwürdig ist die Vermischung von deutschen, englischen und lateinischen Texten. Aber auch hier ist eine schlüssige Struktur zu entdecken – die allerdings nicht immer nahtlos ineinandergreift. Einige der Stücke machen es dem Hörer nicht unbedingt einfach, einen Zugang zu ihnen zu bekommen. Aber es lohnt sich durchaus etwas Geduld aufzubringen, da Frau van Org hier ein sehr ungewöhnliches Album vorlegt, dass mir sowohl vom Konzept als auch von der Umsetzung her sehr gut gefällt.
Ähnlich wie auch der Sound greift die Gestaltung des Digi-Packs und des zwölfseitigen Booklets auf vergangene Epochen zurück. Hier würde ich allerdings auf die 1920er tippen. Bilder der (maskierten) Mitmusiker und von Luci van Org ergänzen die Texte und Produktionsangaben.

Foxy Records haben auf ihrer Homepage Information zu Album und Musikerin zusammengestellt. Zudem sind hier einige der Videos verlinkt. Einen kompletten Überblick bietet der YouTube-Kanal von Lucina Soteira.

Mainstream oder leichte Kost findet der Hörer bei Tempel nicht. Dafür gibt es hier den nächsten, hörenswerten Schritt in der Entwicklungsgeschichte einer ungewöhnlichen Künstlerin.

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