Es wird Nacht im Berlin der Wilden Zwanziger

31.03.2018 von Marcus Pohlmann

Es wird Nacht im Berlin der Wilden Zwanziger

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ISBN: 978-3836563192

Format: Buch mit CD

Seiten: 224

Preis: 50,00

Erscheinungsdatum: 24.11.2017

Sprache: Deutsch

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Das Interesse an den 1920er Jahren hat in letzter Zeit auch hierzulande spürbar zugenommen, nicht zuletzt Dank der Fernsehserie Babylon Berlin. Zahlreiche Romane, Bildbände und Sachbücher nehmen sich dieser Epoche an und leuchten das Leben zwischen den Kriegen aus. Der Taschen-Verlag widmet sich mit dem Band Es wird Nacht im Berlin der Wilden Zwanziger ebenfalls diesem Thema, allerdings in einem eher ungewöhnlichen Format.

Der großformatige, über 220 Seiten starke, Hardcover-Band mit Leinen-Bindung von Autor Boris Pofalla und Illustrator Robert Nippoldt nimmt den Leser mit auf einen Streifzug durch die Stadt. Dabei werden ihm einige ihrer bekannteren Bewohner vorgestellt, er erfährt etwas über die gesellschaftlichen und technischen Entwicklungen der damaligen Zeit und macht einen Bummel durch das Nachtleben der Stadt. Dazu passend findet sich am Ende des Bandes noch eine CD, die den dazugehörigen Soundtrack liefert.
Einige der vorgestellten Persönlichkeiten dürften dem Leser auch heute noch bekannt sein, beispielsweise Physiker Albert Einstein, Publizist Kurt Tucholsky, die Comedian Harmonists, Schauspielerin Marlene Dietrich oder auch Dramatiker Bertolt Brecht. Viele andere sind dagegen weitgehend in Vergessenheit geraten, obwohl sie zu ihrer Zeit Beeindruckendes (oder Unerhörtes) geleistet haben. So war die Tänzerin Anita Berber für ihre künstlerischen Darbietungen ebenso berüchtigt wie für ihren exzessiven Lebensstil. Der Schauspieler Emil Jannings bekam als bester Hauptdarsteller den ersten Oscar überhaupt, Tenor Joseph Schmidt fiel durch seine kleine Körpergröße und sein gewaltiges Stimmvolumen auf und im Salon der High-Society-Dame Betty Stern gaben sich die künftigen Stars der Weimarer Republik die Klinke in die Hand. Zu jeder dieser Persönlichkeiten gibt es einen erklärenden Text, angereichert mit Zitaten von Zeitzeugen und einer Reproduktion der Unterschrift. Ergänzt wird der Eintrag, der meist eine Doppelseite einnimmt, durch einen Steckbrief mit biografischen Angaben und einer kleinen Illustration. Diese wird in anderen Einträgen genutzt wird, um auf die entsprechende Person zu verweisen.
Neben den Personen widmet sich der Band auch einigen Sehenswürdigkeiten und bietet weitere Hintergrundinformationen über das Leben in Berlin. So bekommt der Leser einen kurzen Einblick in die Entstehung von Metropolis, macht einen Streifzug durch die Modewelt und lernt die angesagten Tänze kennen. Dazu kommen Berichte über sportliche Ereignisse, wie das Sechstagerennen oder den Weltmeisterkampf von Max Schmeling oder die, damals weltweit einzigartige, deutsche Filmindustrie. Ebenfalls viel Aufmerksamkeit widmet der Band der Berliner Halbwelt, beispielsweise den Gebrüdern Sass, die als Bankräuber berüchtigt waren, dem Ermittler und Kriminologen Ernst Gennat oder auch der Prostitution, die in der Stadt verbreitet war.
Ergänzt wird Es wird Nacht im Berlin der Wilden Zwanziger durch einige doppelseitige Illustrationen, beispielsweise Filmplakate, Alltagsszenen und Stadtansichten, Bild- und Buchnachweisen. Erläuternde Texte liefern zusätzliche Informationen über die Lebensverhältnisse, die politische Entwicklungen vom Ende des Ersten Weltkrieges bis zur Machtübernahme Hitlers oder das kulturelle Leben in der Stadt.
26 Stücke mit einer Laufzeit von beinahe 80 Minuten haben die Macher auf die beiliegende CD gebracht. „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ von Marlene Dietrich könnte vielleicht sogar noch bekannt sein, ebenso wie „Die Seeräuberjenny“ aus der Dreigroschenoper oder der „Creole Love Call“ der Comedian Harmonists. Die restlichen Titel (und auch die Interpreten) sind mittlerweile dem Vergessen anheim gefallen, bieten aber einen guten Überblick über die musikalischen Vorlieben der Zeit. Instrumentalstücke wie „Morphium“ finden sich neben frühen Filmmusiken, beispielsweise „Fidèle“, gesungen von der Schauspielerin Brigitte Helm, seichter Unterhaltung wie „Am Amazonas“, aber auch politischen Stücken („Der Marsch ins Dritte Reich“). Zu jedem Lied gibt es eine kurze Anmerkung mit Informationen zu den Interpreten und zur Entstehung.

Vom sperrigen Titel Es wird Nacht im Berlin der Wilden Zwanziger sollte sich der Leser nicht abschrecken lassen. Der Autor liefert hier einen gut recherchierten Überblick über das Leben in der Stadt und über einige ihrer berühmteren Einwohner ab. Die Texte sind werden durch Zitate von Zeitzeugen zusätzlich aufgewertet und vermitteln ein sehr lebendiges Bild der Personen und Ereignisse. Der Band ist deutlich mehr als ein reines Nachschlagewerk und kann mit seinem durchdachten Konzept gefallen.
Die Aufmachung des Buches ist großartig, anders lässt es sich eigentlich nicht sagen. Druck und Weiterverarbeitung sehen ausgesprochen gut aus und verleihen dem Band eine hochwertiges, edles Aussehen. Die Illustrationen nutzen meist einen starken Schwarz-Weiß-Kontrast, punktuell um einen dezenten Bronzeton ergänzt. Auch die restliche Seitengestaltung nutzt diese drei Farben im Wechsel als Hauptfarben, für den eigentlichen Text und als Auszeichnungsfarbe. Die Zeichnungen sind den zeitgenössischen Fotos nachempfunden – besonders die ganzseitigen Bilder kommen dabei eindrucksvoll zur Geltung.
Auf der Internetpräsenz des Taschen-Verlags kann der interessierte Leser in das Buch hinein blättern und bekommt weitergehende Informationen zu Illustrator und Autor.

Sowohl Freunden der 1920er als auch Buchliebhabern liefert der Verlag mit Es wird Nacht im Berlin der Wilden Zwanziger ein richtiges Schmuckstück und eine unterhaltsame Lektüre.

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