Turbostaat – Das Island Manöver

3. Juni 2010 von Marcus Pohlmann

Turbostaat - Das Island Manöver

Musiker:

Label:

Genre: ,

Laufzeit: 37 Minuten

Tracklist:
01 – Kussmaul
02 – Surt und Tyrann
03 – Fraukes Ende
04 – Pennen bei Glufke
05 – Ufos im Moor
06 – Das Island Manöver
07 – Urlaub auf Fuhferden
08 – Fünfwürstchengriff
09 – Strandgut
10 – Täufers Modell
11 – Bossbax
12 – Oz Antep

Erscheinungsdatum: 01.04.2010

Sprache: Deutsch

Nur selten gelingt es Punkbands aus ihrer kleinen beschaulichen Nische auszubrechen und bei einem Major Label anzuheuern. Und noch weniger Bands gelingt es dabei nicht in die Kommerz-Falle zu tappen und sich selbst treu zu bleiben. Nun legen Turbostaat aus dem hohen Norden schon ihr zweites Album bei Warner Music vor und von Angepasstheit sind sie noch immer ziemlich weit entfernt.

Krachig, laut und gewaltig beginnt „ Kussmaul“, der Opener des Albums und der Hörer bekommt einen kleinen Vorgeschmack, auf das was ihn in den nächsten fast vierzig Minuten erwartet. Raue, schrammelnde Gitarren, schnörkelloses Schlagzeug und wummernder Bass bilden das Fundament des Songs. Wer mit dem Schaffen von Turbostaat bisher nicht Berührung kam wird spätestens jetzt mit den teils sehr befremdlichen, kryptischen Text konfrontiert, der sich erst nach aufmerksamem Hören als Abrechnung mit Nationalismus und braunem Gedankengut entpuppt. Das Erste was dem Hörer bei „Surt und Tyrann“ auffällt sind die schrägen Gitarren, die immer wieder einen Kontrapunkt zum Rest der Instrumente setzen und sich mit dem, schon fast gesprochenen, Gesang abwechseln. Die Stimmung von „Fraukes Ende“ lässt sich am besten mit einem Zitat aus dem Lied selbst wiedergeben: „Hört sich traurig an – ist es auch!“. Dies umschreibt sehr gut den Inhalt und die Musik passt sich dem an und ist, für das Verhältnis der Band, sehr langsam. „Pennen bei Glufke“ setzt sich mit Einsamkeit und der Pseudo-Gemeinschaft in den „Social Networks“ auseinander. Ein dominantes Schlagzeug und ein eingängiger Refrain sorgen dafür, dass man unwillkürlich mitwippen muss. Wütend und aggressiv preschen bei „Ufos im Moor“ die Instrumente nach vorne um zum Ende hin in einen etwas ruhigeren Ton überzugehen. Der Text ist wie gewohnt merkwürdig und verlangt dem Hörer einiges ab um einen Sinn dahinter zu finden. Der Titeltrack, „Das Island Manöver“, beginnt trügerisch langsam und lässt sich viel Zeit den Hörer in Sicherheit zu wiegen. Erst nach gut zwei Minuten steigern sich Geschwindigkeit und Lautstärke und der Gesang setzt ein. Das harmlos betitelte „Urlaub auf Fuhferden“ entpuppt sich beim Zuhören als bitterböses Stück über Einsamkeit und Freitod. Der Anfang von „Fünfwürstchengriff“ erinnert an einen Klassiker der Neuen Deutschen Welle und gehört wahrscheinlich zu den leichter konsumierbaren Tracks des Albums. Begleitet von einem sehr eingängigen Gitarrenpart behält das Schlagzeug unbeirrbar seinen Kurs bei und lädt zum Mitwippen ein. Nach diesem kurzen Ausflug in leichtere Gefilde widmet sich die Band mit „Strandgut“ wieder schwerer verdaulicher Kost. Nicht übermäßig schnell oder aggressiv lenkt die Musik nicht vom Text ab der wieder tiefe Einblicke in menschliches Verhalten zulässt. Vom Arbeitsalltag erzählt „Täufers Modell“, allerdings in der sehr eigenwilligen Art von Turbostaat. Wütend prügeln die Instrumente ihren Part bei „Bossbax“ durch während der Sänger seinen Teil eher herausbrüllt als zu singen. Immer wieder gibt es gut hörbare Passagen, die aber schnell wieder von einem organisierten Lärm abgelöst werden. Einen würdigen Abschluss findet das Album mit „Oz Antep“, einem weiteren sehr merkwürdigen Track mit verquerem Text und einem Wechselbad der Musik.

Nebenbei kann man die Stücke von Das Island Manöver nur schwerlich konsumieren. Kein massenkompatibler Fun-Punk, kein Radio-Mainstream und sicherlich keine Party-Musik sondern wütende, nachdenkliche Lieder mit teilweise schon schmerzlicher Intensität. Die Musik ist wütend, laut, meist schnell und bringt sogar gelegentlich sehr eingängige und melodische Passagen hervor.
Dazu kommen die gesprochenen, gebrüllten oder tatsächlich auch mal gesungenen Vocals, deren Stimme und Tonfall irgendwie nicht so recht passen wollen. Zusammen mit den abstrusen Texten, deren Sinn sich, wenn überhaupt, nur nach mehrmaligem Hören erschließt ergibt sich ein verstörender und faszinierender Gesamteindruck des Albums. Von der technischen Seite gibt es keinen Grund zum Nörgeln, die Produktion ist sauber, ohne übertrieben zu wirken, Das beiliegende Booklet beinhaltet die Texte der einzelnen Lieder und eine kleine Illustration, die den Inhalt des Stückes einigermaßen treffend wiedergibt.

Das Island Manöver ist das musikalische Äquivalent eines Autounfalls; nicht schön, aber man kann sich der Faszination nur schwer entziehen.

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