Drei Minuten Gehör

15. Januar 2016 von Marcus Pohlmann

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Laufzeit: 70 Minuten

Tracklist:
01 – Augen in der Großstadt
02 – Singt eener uffn Hof
03 – Wahre Liebe
04 – Mutterns Hände
05 – Park Monceau
06 – Der Graben
07 – An das Publikum
08 – Das Lied vom Kompromiss
09 – Wenn die Igel in der Abendstunde
10 – Drei Minuten Gehör
11 – Danach
12 – Die Herren Zuhörer
13 – Media in vita
14 – Das Ideal
15 – Ideal und Wirklichkeit
16 – Aus!
17 – Ein älterer, aber leicht besoffener Herr
18 – Aufgewachsen bei
19 – Zur soziologischen Psychologie der Löcher
20 – Jener Tag
21 – Der Graben (feat. Bernd Marquardt)
22 – Wenn die Igel in der Abendstunde (feat. Bernd Marquardt)

Erscheinungsdatum: 01.11.2015

Sprache: Deutsch

Leben und Werk Kurt Tucholskys sind heutzutage leider fast völlig in Vergessenheit geraten, lediglich als Straßenname taucht er gelegentlich noch im Bewußtsein auf. Dabei war der Mann einer der herausragendsten Autoren und Journalisten der Weimarer Republik und zeichnete sich vor allem durch seine politischen Texte und seinen präzisen, manchmal sarkastischen, Blick auf das Leben im Berlin der 20er Jahre aus. Die Stendaler Folk-Band Nobody Knows nimmt sich auf ihrem neuen Album Drei Minuten Gehör einigen Texten des Autors an und gießt diese, unterstützt von mehreren Gästen, in Liedform.

Der Opener „Augen der Großstadt“ beschreibt die Einsamkeit des Menschen in der Großstadt. Die musikalische Umsetzung mit viel Klavier und akustischer Gitarre sowie dem zweistimmigen Gesang von Tabiha Harzer und Max Heckel sorgt dabei für gepflegte Melancholie. Dagegen kommt „Wahre Liebe“ richtig beschwingt daher, vor allem die Mundharmonika gibt dem Stück einen leichten Country-/Western-Einschlag. Textlich bekommt der Hörer hier eine Liebeserklärung der etwas anderen Art präsentiert, die nicht unbedingt sehr schmeichelhaft für die so Besungene ist. „Der Graben“ ist ein engagiert pazifistisches Stück, dass angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen beinahe erschreckend aktuell wirkt. Ruhige Melodiepassagen wechseln sich dabei mit stilisierter Marschmusik ab, was die eindringliche Wirkung des Stückes verstärkt. Beim Instrumentalstück „Drei Minuten Gehör“ kommt wieder die schon bewährte Kombination aus Klavier und Violine zum Einsatz, alles wieder sehr ruhig und fast meditativ instrumentiert. Einem völlig anderen Ansatz folgt „Danach“. Waren die vorhergehenden Stücke tatsächlich in Liedform, so gibt es hier eine gesprochene Rezitation des Textes über das was nach einem Happy End im Film passiert wenn die Kamera wegblendet, begleitet von Bass, Gitarre und Percussion. „Aus!“ beschreibt das Ende einer Beziehung, unterlegt mit schon beinahe depressiven Klavierklängen. Für mich wahrscheinlich das intensivste Stück des Albums, mit einem Text, der eigentlich jede Trennung treffend auf den Punkt bringt. Nach all der Schwermut sorgt „Ein älterer, aber leicht besoffener Herr“ für etwas Auflockerung. Dieser besucht verschiedene Parteiveranstaltungen, und gibt zu jeder der Fraktionen seine hintersinnigen Kommentare ab. Das längste Stück des Albums kommt ganz ohne Instrumente aus, und lässt sich auch ohne großartige Änderungen auf die heutigen politischen Verhältnisse übertragen. Nach mehreren Tracks, die praktisch nur aus gesprochenen Texten bestehen, folgt mit „Jener Tag“, ein sehr ruhiges Klavierstück, welches das Ende das Albums einleitet. Sowohl „Der Graben“ als auch „Wenn die Igel in der Abendstunde“ sind schon in anderen Versionen auf dem Album vorhanden, werden hier etwas anders interpretiert und als Gast übernimmt Bernd Marquardt die Vocals.

Vom ausgelassenen Folk irischer Prägung ist auf dem neuesten Album von Nobody Knows praktisch nichts mehr zu hören. Stattdessen stehen ruhige zuweilen gar melancholische Klänge, meist von Violine und Klavier, im Vordergrund, nur gelegentliche Ausreißer lockern die Stimmung etwas auf. Drei Minuten Gehör ist sicherlich kein einfaches Album, dass der Hörer nebenbei konsumieren kann. Hier lohnt es sich intensiv zuzuhören und sich auch inhaltlich mit den Stücken auseinander zusetzen. Erstaunlicherweise sind viele der gut 80 Jahre alten Texte auch heute noch (oder schon wieder) beängstigend aktuell und verdeutlichen, dass die Menschen nicht wirklich lernfähig sind. Das teilweise ganz auf eine musikalische Begleitung verzichtet wird ist zwar ungewöhnlich, schadet der Wirkung der Texte jedoch nicht. Instrumentierung, Gesang und Text ergänzen sich auf dem Album recht gut, auch wenn es sicherlich keine leichte Kost ist, die uns die Band hier präsentiert.

Ein kleines Booklet liegt dem Digi-Pack bei, das keine Texte, sondern nur die Autorenhinweise enthält und ansonsten mit einigen, teils verfremdeten, Landschaftsaufnahmen aufwarten kann.

Nobody Knows bescheren dem Hörer hier ein sehr nachdenkliches Werk, das es verdient sehr bewusst gehört zu werden.

Ein Gedanke zu “Drei Minuten Gehör”

  1. Max Heckel sagt:

    Hallo, Marcus,
    Vielen Dank mal wieder für das Zeitnehmen und Wirkenlassen dieses für uns etwas andersartigen Werkes. Wir ziehen den Hut!

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