Amphi 2015

30. Juli 2015 von Marcus Pohlmann

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Genre: ,

Veranstaltungsdatum: 25.07.2015 bis 26.07.2015

Veranstaltungsort: Lanxess Arena »

Eigentlich bin ich kein wirklicher Freund von Festivals und besuche lieber Konzerte einzelner Bands. Lediglich bei den kleineren, regionalen Veranstaltungen wie beispielsweise dem Binger Open Air oder der Folklore in Wiesbaden schaue ich gelegentlich vorbei. Eher spontan entschloss ich mich trotzdem, in diesem Jahr mit dem Amphi doch noch eine größere Veranstaltung der schwarzen Szene zu besuchen. War das Festival in den vorangegangenen Jahren am Kölner Tanzbrunnen beheimatet, so mussten sich die Veranstalter aus verschiedenen Gründen für 2015 eine neue Örtlichkeit suchen. Ein Ausweichplatz fand sich, nur wenige hundert Meter entfernt, in der Lanxess Arena, einem Hallenkomplex der für die unterschiedlichsten Events genutzt wird.

Campen war für mich keine Option, und so machte ich mich kurzfristig auf die Suche nach einem Hotel, möglichst in der Nähe des Festival-Geländes. Sowohl das Dorinth wie auch das Radisson Blu kannte ich von mehreren Messebesuchen und von beiden Hotels ließ sich die Arena bequem zu Fuß erreichen. Während das eine Hotel schon ausgebucht war, gab es im anderen noch Kapazitäten, und so orderte ich kurzentschlossen ein Zimmer, auch wenn mir die Preise (selbst ohne Frühstück) die Tränen in die Augen trieben.

Die Anreise verlief angenehm ereignislos und auch kostengünstige Parkplätze in der Nähe des Hotels waren in ausreichender Menge vorhanden. Das Einchecken stellte sich zwar als etwas kompliziert heraus, funktionierte dann aber schließlich noch irgendwann. Während ich in der Lobby des Hotels wartete, hatte ich Zeit die anderen Gäste zu beobachten, die sich hier aufhielten. Sehr schön waren die Blicke, welche die Geschäftsleute und Besucher der nahen Messe den Grufties zuwarfen, die in Lack, Leder, Spitze und Uniform durch die Halle liefen. Nachdem ich dann doch irgendwann mein Zimmer beziehen konnte und das Gepäck sicher verstaut hatte, machte ich mich auf den Weg in die Stadt um ein wenig zu konsumieren. Auch hier war es interessant die Reaktionen der Einwohner und Touristen auf die schwarz gewandeten Gestalten zu beobachten die schon in großer Zahl die Fußgängerzone heimsuchten. Nach einer Runde Extrem-Shopping hatte sich meine Barschaft schon bedenklich gelichtet und ich machte mich langsam auf den Weg zurück ins Hotel. Dabei nahm ich einen winzigen Umweg in Kauf und stattete dem Festival-Gelände einen kurzen Besuch ab, um mir mein Eintrittsband für den nächsten Tag zu sichern und mich vorab etwas zu orientieren. Gerne hätte ich mir auch schon ein Programmheft zur besseren Planung mitgenommen, doch leider waren diese noch nicht erhältlich.

War der Freitag noch sonnig und bei Temperaturen um die 30 Grad durchaus sommerlich gewesen, so zeigte mir ein Blick aus dem Fenster am Samstag morgen, dass wohl der Herbst über Nacht Einzug gehalten hatte. Dicke, schwere Wolken hingen über der Stadt und die ersten Tropfen klatschten gegen das Fenster meines Zimmers. Auch die Bäume auf dem Parkplatz bogen sich unter den gelegentlichen Windböen bedenklich. Da ich mir diesmal ausnahmsweise das Frühstück im Hotel sparen wollte, machte ich mich zuerst in Richtung des hiesigen Supermarktes auf, um einige Vorräte zu ergänzen. Zwischenzeitlich verstärkte sich der Regen etwas und auch der Wind frischte merklich auf. Dennoch ging es, nach einem kurzen improvisierten Frühstück, in die nahegelegene Arena. Ob es an der frühen Uhrzeit oder am bescheidenen Wetter lag, konnte ich nicht sagen, auf jeden Fall hielt sich der Besucherandrang in einem sehr überschaubaren Rahmen. Die Kontrolle an den Gittern nahm, zumindest bei mir, nur wenig Zeit in Anspruch und ich konnte das Gelände betreten und mich orientieren, kannte ich die Lanxess Arena doch bisher nur von außen. Über dem Eingang lachte mir ein knallbuntes Konzertplakat von Violetta, einem Retortenstar aus dem Disney-Konzern entgegen, auch mit Ankündigungen für Howard Carpendale, Mario Barth oder die Bläck Fööss wurde nicht gegeizt, was so gar nicht zur Atmosphäre eines „schwarzen“ Festivals passen wollte. Bevor ich mich jedoch weiter umsehen konnte wurde ich von einer Lautsprecherdurchsage aufgefordert mich auf Grund eines aufkommenden Unwetters in der Halle in Sicherheit zu bringen. Kurz darauf wurden weite Teile des Außenareals komplett abgesperrt und die Zelte standen mit flatternden Planen traurig und verlassen im Regen. So blieb mir nichts anderes übrig, als mich in den Rundgang zu begeben der um die Arena herum lief. Neben einigen Merchandise-Ständen waren es vor allem die zahlreichen festinstallierten Essens- und Getränkeanbieter die, nicht unbedingt positiv, auffielen. Nachdem ich mir am Info-Stand endlich ein Programm besorgt hatte, wollte ich dem derben Gebolze auf den Grund gehen, das aus den geöffneten Türen zur „Arena Stage“ drang. Bis zum Auftritt von Schöngeist, eigentlich der erste Act des Tages, war noch fast eine Stunde Zeit, und dennoch stand dort eine Band auf der Bühne und spielte vor einer Handvoll Zuschauer. Es dauerte ein paar Minuten, bis ich Centhron identifizieren konnte, die eigentlich erst viel später am Tag draußen auf der „Green Stage“ spielen sollten. Wenn es eine entsprechende Ansage gab, so war sie komplett an mir vorbei gelaufen und auch auf den zahlreichen Monitoren im Hallenbereich war keine Programmänderung zu sehen. Irgendwann kam dann auch die Durchsage, dass wegen der Unwetterwarnung der Außenbereich vorerst gesperrt blieb und die Lesung von Christian von Aster auf den Sonntag verlegt werden sollte. Zu den anderen Auftritten gab es zu diesem Zeitpunkt noch keine weiteren Informationen und da Schöngeist nicht unbedingt meinen musikalischen Geschmack trafen, machte ich mich wieder auf den Weg nach draußen.

Mittlerweile waren deutlich mehr Besucher auf dem Amphi eingetroffen und mangels Ausweichmöglichkeiten drängten sie sich praktisch alle im Rundgang, der um die Arena führte. So schoben sich die Besucher langsam in die eine oder andere Richtung, wobei Spurwechsel schon bald nicht mehr ohne den Einsatz von Ellenbogen oder Stiefeln möglich waren. Nachdem ich einige Bekannte getroffen hatte, gaben diese mir den Tipp, doch einmal in die Magistrale, ein Nebengebäude, zu gehen und mir dort die Auslagen der Stände anzuschauen. Tatsächlich war es hier deutlich leerer als in der eigentlichen Halle, was damit zu tun haben könnte, dass es weder Schilder noch andere Hinweise gab, die auf diesen Teil des Festivals hindeuteten. Nachdem ich mich ein wenig umgeschaut hatte, wagte ich noch einen Abstecher in die Arena, wo mittlerweile Chrom dabei waren vor vollem Innenraum und gut besetzten Rängen zu spielen.

Zwischenzeitlich verspürte ich nun doch ein kleines Hüngerchen, daher setzte ich mich ernsthaft mit dem Angebot der Caterer in der Halle auseinander. Hier gab es fast ausschließlich Junkfood zu durchaus sportlichen Preisen und für Vegetarier oder gar Veganer blieb fast nur die Möglichkeit auf Pommes frites auszuweichen. Nach einem kurzen Rundgang entschied ich, dass ich nicht soooo hungrig war, dass ich 3,90 Euro für einen Burger, der offensichtlich schon mehrere Stunden unter einer Hitzelampe gelegen hatte, ausgeben würde. Daher begnügte ich mich mit einer (abgestandenen) Cola und nahm mir vor, nachher in einem der zahlreichen Fastfood-Läden in unmittelbarer Umgebung der Halle meinen Bedarf an Fett, Zucker und Kohlehydraten zu decken.

Da mir das weitere Gedränge mittlerweile gewaltig auf den Nerv ging, verabschiedete ich mich zurück ins Hotel, mit einem kleinen Umweg über eine nahe gelegene Imbiss-Bude. Im Hotel überbrückte ich die Zeit bis zu den nächsten interessanten Konzerten, indem ich mitgebrachten Schreibkram erledigte und zwischendurch immer wieder einen Blick auf die Internet- und Facebook-Präsenz des Festivals warf, doch auch hier waren die Informationen bestenfalls vage oder widersprüchlich. Kurz vor 16 Uhr startete ich dann einen zweiten Anlauf. Das Wetter hatte sich nur unwesentlich beruhigt und auch die Unwetterwarnung war noch in Kraft, aber ich wollte mir zumindest die Gelegenheit nicht entgehen lassen, mir ein Autogramm von Der Fluch zu holen. Nach einigem Suchen fand ich sogar die Stelle, wo die Band sich niedergelassen hatte, auch hier wäre eine bessere Ausschilderung sicherlich hilfreich gewesen. Da sich nicht viele Besucher auf diesen Teil des Festivals verirrt hatten, blieb mir wenigstens Zeit für ein kleines Schwätzchen mit Deutscher W., dem Sänger der Band. Auch er hatte zu diesem Zeitpunkt keinerlei Informationen wann, wo und ob sie überhaupt auftreten würden. Auf den Gängen und im Netz machten immer mehr Gerüchte die Runde, dass beispielsweise das Außengelände am Samstag gar nicht mehr freigegeben würde, der Auftritt von Neuroticfish komplett gestrichen wäre und noch einige andere unschöne Dinge. Offizielle Informationen vom Veranstalter waren weiterhin Mangelware und die aushängenden Programme schon lange überholt.

Danach hatte ich wieder ein wenig Lust auf Musik, deswegen war ich schließlich ja nach Köln gekommen. Daher traf es sich recht gut, dass auf der „Arena Stage“ grade The Crüxshadows aus Florida ihr Set starteten. Optisch konnte die Band wieder voll überzeugen, aber der Sound war teilweise grenzwertig. Die Bässe waren im Innenraum kaum erträglich, während die Vocals stellenweise nicht vorhanden waren. Mit ähnlichen Problemen hatten zwar bisher alle Bands zu kämpfen gehabt, die ich auf dieser Bühne gesehen hatte, aber hier war es dann doch etwas extrem.

Mittlerweile kam von offizieller Seite die Bestätigung, dass heute im Außenbereich keine Konzerte mehr stattfinden würden. Aber der Veranstalter versprach alles zu tun, damit die Bands auftreten konnten. Das tröstete zwar ein wenig, änderte aber nichts an der Tatsache, dass ich zwei Bands auf jeden Fall verpassen würde.

Nach einer kurzen Umbaupause folgten die EBM-Pioniere von DAF, mit denen ich persönlich nicht wirklich etwas anfangen kann. Aber immerhin gelang es ihnen, so etwas wie Stimmung in der Halle aufkommen zu lassen. „Sato-Sato“, „Der Räuber und der Prinz“ oder auch „Der Mussolini“ sorgten für tanzende und feiernde Menschen vor der Bühne und zumindest höfliches Interesse der Besucher auf den Rängen. Auch hier war der Sound zu Beginn nicht optimal, wurde aber im Laufe des Auftritts deutlich besser. Mit rund 70 Minuten wurde der Band dann auch die bisher längste Spielzeit an diesem Festivaltag eingeräumt. Und als besonderes Schmankerl für die Fans kündigte Sänger Gabi Delgado an, dass die erst im Januar bestätigte Trennung der Band hinfällig wäre und die beiden weiter zusammen Musik machen wollten.

Nachdem ich schon auf Neuroticfish und Der Fluch verzichten musste (ich habe es schon mehrfach erwähnt), war ich froh, dass wenigstens die Kanadier von The Birthday Massacre wie geplant auftreten würden. Und so blieb ich gleich in der Halle, wechselte aber vom Innenraum hoch auf den Rang ans gegenüberliegende Ende der Arena wo es noch reichlich freie Sitze gab und ich die Füße etwas hochlegen konnte. Wie zu erwarten lag der Fokus des, deutlich gekürzten, Sets auf den Stücken des aktuellen Albums Superstition. Die Show, die Sängerin Chibi und ihre fünf Mitmusiker ablieferten war dann auch das Beste, was ich bisher an diesem Tag gesehen hatte. Leider war nach rund 40 Minuten aber schon Schluss und ich machte mich auf die Suche nach etwas Frischluft und einer kleinen Stärkung.

Die Unwetterwarnung war immer noch nicht aufgehoben, daher waren nur wenige, kleine Außenflächen freigegeben und mit Gitterwänden gesichert worden, so dass sich der geneigte Besucher doch ein wenig eingesperrt vorkam. Die Windböen und Regenschauer taten dann auch ihr übriges, mich wieder schnell in die Halle zu treiben. Doch auch in der Halle seine Runden ziehen und zum wiederholten Male die Auslagen der Stände zu begutachten war auf Dauer nicht wirklich spannend, so dass ich schließlich kurz darauf dem Festival ein zweites Mal an diesem Tag den Rücken kehrte. Diesmal war mein Ziel nicht das Hotel, sondern ein nahe gelegenes Brauhaus, das für seine deftige, regionale Küche bekannt (und berüchtigt) ist. Nach einem exzessiven Abendmahl hatte sich das Wetter erstaunlicherweise stabilisiert, der Regen war fast völlig verschwunden und auch der Wind war auf ein akzeptables Maß zurück gegangen. Kurz spielte ich mit dem Gedanken noch einmal aufs Festivalgelände zurückzukehren, um wenigstens noch Front 242 und And One zu sehen, doch die einsetzende Fressnarkose zwang mich geradezu ins Bett, wo ich auch fast direkt einschlief.

Der Sonntag startete deutlich freundlicher, die Wolken hatten sich komplett verzogen und der Wind war, bis auf ein leichtes Säuseln, nicht mehr vorhanden. Da die Unwetterwarnung schon am gestrigen Abend aufgehoben worden war, stand einem angenehmeren zweiten Festivaltag nichts mehr entgegen.

Die Veranstalter hatten noch spät am Samstag eine neue Running Order veröffentlicht und bemühten sich, wie versprochen, so viele Bands vom Vortag wie nur irgend möglich auf den drei Bühnen unterzubringen. Natürlich nicht Neuroticfish und Der Fluch, weswegen ich eigentlich ja hier war; schade, aber nicht zu ändern. Auch die Lesung von Christian von Aster wurde klammheimlich unter den Tisch fallen gelassen.

Das Festivalgelände machte am zweiten Tag dann auch einen völlig anderen Eindruck: die zahlreichen Zelte mit Klamotten, CDs und verschiedensten Getränken und Lebensmitteln hatten geöffnet und die zarten Sonnenstrahlen ermöglichten das in der Szene so beliebte Flanieren über das Gelände. Hier konnte sich der Betrachter dann auch an der ganzen Vielfalt der dunklen Gestalten ergötzen: traditionelle Goths mit toupierten Haaren und Pikes, die Damen und Herren der EBM-Fraktion in voller Kampfmontur, die farbenfrohen Cyberpunks mit den auffälligen Kunststoff-Dreadlocks, aufwändige viktorianische Kostüme und natürlich viele Leute in Lack-, Leder- und Fetisch-Klamotten.

Diesmal wollte ich den Tag nutzen, um möglichst viele Eindrücke vom Amphi mitzunehmen. Schon weit vor dem Mittagessen beschallten [:SITD:] und die Patenbrigade: Wolff mit teils derben Beats die Halle, doch hier hatte ich gestern schon genug Zeit verbracht und so schlenderte ich lieber noch ein wenig über das Gelände um mich mit einigen CDs einzudecken. Das erste Konzert, was für mich an diesem Tag auf dem Programm stand, waren die Pagan-/Goth-Rocker Inkubus Sukkubus, die auf der kleinen „Orbit Stage“ spielten.

Wer auch immer für den Standort dieser Bühne verantwortlich war, hatte sich wahrscheinlich vorgenommen, diesen Platz so ungemütlich wie möglich zu gestalten. Vielleicht 50 Meter hinter der Bühne, also im direkten Sichtfeld der Zuschauer, fuhren im Minutentakt die Züge der Deutschen Bahn, linker Hand befand sich einer der wichtigsten Durchgänge des Festivals, wollte man nicht durch die Halle laufen. Rechts endete das Gelände an einem der beliebten Gitterzäune und auch nach hinten gab es nicht viel Platz um auszuweichen. Das alles auf hartem Betonboden, der längeres Stehen zu einer Tortur machte und garniert mit einem kleinen Bäumchen, das den Blick auf die Bühne zusätzlich einschränkte.

Der erste Teil des Sets wurde nur von zwei akustischen Gitarren bestritten, die Candias großartige Stimme unterstützten. Beim zweiten Teil wurden dann die Stromgitarren ausgepackt, wobei Drums und Keyboards aus der Konserve kamen, und ich würde fast soweit gehen und behaupten, dass Bass und Gitarre ebenfalls nicht live waren. Alles in allem kein schlechter Auftritt, aber in diesem Fall hätte ich doch „handgemachte“ Musik und kein Halbplayback bevorzugt.

Bis zum Auftritt der Creepshow hatte ich noch ein wenig Zeit und wollte einen Blick auf die „Green Stage“ werfen. Hier ballerten sich grade die Damen und Herren von Pokémon Reaktor fröhlich durch ihr Set. Dem Publikum schien es zu gefallen, doch ich musste mich beeilen, wollte ich mir den Auftritt der kanadischen Psychobillies nicht verpassen. Da das Frühstück morgens ausgefallen war gab es auf dem Weg ein koffeinhaltiges Kaltgetränk (diesmal mit Kohlensäure) und eine mehr oder minder leckere Wurst als Proviant. Die Preise bewegten sich zwar auf unverändert hohem Niveau, aber immerhin war die Auswahl nun deutlich größer und appetitlicher. Anscheinend hatte ich zu lange getrödelt, denn als ich wieder an der „Orbit Stage“ ankam, war das Konzert schon in vollem Gange. Sängerin Kenda wirbelte wild über die kleine Bühne und der Reverend malträtierte seine Orgel. Bass und Gitarre wurden offensichtlich auch gespielt, doch davon kam erstaunlich wenig aus den Boxen. Da sich doch überraschend viele Leute den Auftritt ansehen wollten war der Durchgang links der Bühne komplett blockiert und ich musste einen weiten Umweg in Kauf nehmen, um schließlich doch einen einigermaßen vernünftigen Blick auf die Band zu bekommen. Obwohl sie auf den ersten Blick etwas deplatziert auf diesem Festival wirkte gingen die Zuschauer doch gut mit und feierten die Band ordentlich.

Bis zum nächsten, für mich, interessanten Auftritt hatte ich noch ein wenig Zeit und so schlenderte ich von Bühne zu Bühne um mir ein paar Eindrücke von Sonja Kraushofer mit ihrem klassischen Musikprojekt, den Veteranen Das Ich mit einem offensichtlich gut aufgelegten Stefan Ackermann und den Rockern Darkhaus zu holen. Nachdem letztere mit ihrem Set fertig waren blieb ich gleich an der „Green Stage“, sollte hier doch gleich der Auftritt von Qntal stattfinden. Sigrid Hausen, Michael Popp und ihre Mitmusiker mischen mittelalterliches Liedgut mit moderner Instrumentierung und gaben mit ihrem Konzert einen schönen Überblick über die Bandgeschichte, einschließlich meinem persönlichem Favoriten, dem „Palästinalied“. Sowohl musikalisch wie auch optisch für mich der bisherige Höhepunkt des Festivals und immer wieder ein großartiges Erlebnis. Bevor die nächste Band auf mich wartete, wollte ich noch ein wenig dem Konsum frönen und konnte tatsächlich noch ein wenig Band-Merchandise ergattern, bevor es auch schon mit dem nächsten Konzert weiterging.

Die Damen und Herren von Welle: Erdball sind immer wieder ein Garant für ausgelassene Stimmung und niveauvolle Unterhaltung, daher war es nicht überraschend, dass praktisch das komplette Gelände vor der „Green Stage“, trotz der wieder aufziehenden Regenwolken, gefüllt war. Eine gute Stunde lang präsentierte das Quartett ein Potpourri ihrer größten Erfolge einschließlich solch musikalischer Perlen wie „VW-Käfer“, „Schweben, Fliegen, Fallen“ oder „Starfighter F104G“, komplett mit riesigen Ballons, Papierfliegern und einer Trommeleinlage auf dem Ölfass. Für mich sind die Konzerte der Band immer wieder ein Highlight, alleine der Atmosphäre wegen, die im Publikum herrscht. Während anschließend das Equipment von Samsas Traum aufgebaut wurde fielen die ersten Tropfen und nach wenigen Minuten hatte sich der leichte Regenguss in einen kräftigen Schauer verwandelt. Schließlich wurde es mir doch zu nass und ich ging wieder in die völlig überfüllte Arena zurück, wo Oomph! für Stimmung sorgten.

So kam ich wenigstens trockenen Fußes wieder hinüber zur „Orbit Stage“, wo sich Rome auf ihren Auftritt vorbereiteten. Der Regen hatte sich zwar ein wenig abgeschwächt, dennoch waren vor der Bühne praktisch nur Schirme zu sehen, hinter denen man vage die Band erkennen konnte. Ich arbeitete mich weiter nach vorne, immer bemüht, dass mir niemand die Augen ausstach. Schließlich hatte ich ein lauschiges Plätzchen vor der Bühne gefunden und konnte in Ruhe das Konzert der Luxemburger genießen. Geboten wurde dann auch fast eine Stunde lang Neo-Folk vom Feinsten mit eingängigen Melodien, düsteren Texten und der dazu passenden Stimmung.

In freudiger Erwartung des Abschlusskonzertes machte ich mich schließlich auf den Weg in den Innenraum der Lanxess Arena. Obwohl The Misison noch immer spielten waren Halle und Ränge halb leer. Wayne Hussey, Frontmann und Sänger der Band, war kaum in der Lage einen Ton zu treffen, was durch eine Grippe-Erkrankung bedingt war, glaubt man Band und Konzert-Veranstalter. Nachdem hier die letzten Takte verklangen waren leerte sich die Halle schlagartig, da jeder noch schnell etwas zu erledigen hatte, bevor endlich das große Finale beginnen konnte. Ich nutzte die Gelegenheit und suchte mir ein Plätzchen schön zentral vor der Bühne gelegen und behauptete dies später auch tapfer gegen Nachzügler. Während der Umbaupause füllte sich die Halle immer mehr, bis schließlich gegen 21.30 Uhr kein freier Platz mehr zu bekommen war. Besucher, die den Fehler machten die Halle jetzt noch für einen kurzen Toilettenbesuch zu verlassen wurde der Eintritt verweigert und auch sonst fanden nicht alle Besucher Zugang zur Arena.

Schließlich war es soweit und nach einer letzten Moderation betraten VNV Nation, verstärkt von zwei Keyboardern, die Bühne der „Arena Stage“. Auch Ronan Harris hatte zu Beginn teilweise massive Probleme mit der Stimme, allerdings war er recht gut in der Lage die Situation zu überspielen und nach dem zweiten oder dritten Lied traf er dann auch endlich die richtigen Töne. Musikalisch bot die Band in rund 75 Minuten eine Mischung aus alten und neuen Stücken, und auch der eine oder andere ungewöhnliche Track schaffte es in die Setlist. Was wirklich begeistern konnte war jedoch die Art, wie der Sänger das Publikum im Griff hatte und es auch in die Show mit einbezog, von der Welle, die mehrfach durch die ganze Halle lief bis hin zu den Feuerzeugen (!) die bei manchen Stücken zum Einsatz kamen. Ein rundum großartiger Auftritt, der den hervorragenden Ruf von VNV Nation als Live-Band untermauert und doch einen versöhnlichen Abschluss für das stellenweise holprige Festival bot. Schließlich war es schon kurz nach 23.00 Uhr und der Ruf nach einer Zugabe musste ungehört verhallen. Unerbittlich flammten die Hallenscheinwerfer auf und beleuchteten, das Chaos aus Getränkebecher, Bierpfützen, Müll und erschöpften Menschen innerhalb der Arena.

Eine Aftershow-Party war, meines Wissens nach, nicht geplant und auch die Stände hatten schon alle geschlossen, so dass noch nicht einmal ein Absacker auf dem Gelände möglich war. So strömte ich dann, zusammen mit den anderen Besuchern, im Nieselregen aus der Arena und machte mich, müde, durstig und mit einem verdächtigen Fiepen im Ohr auf den Rückweg zum Hotel, der mir diesmal viel länger vorkam.

Für das wirklich bescheidene Wetter und die damit verbundenen Einschränkungen, vor allem am Samstag, tragen die Veranstalter selbstverständlich keine Verantwortung. Doch hätten sie das Kommunikationssystem der Halle durchaus dazu nutzen können, die Besucher über die Ausfälle und Verlegungen zu informieren. So kam es mir wie Hohn vor, dass auf den Monitoren der Auftritt von Neuroticfish angekündigt wurde, obwohl dieser schon lange abgesagt war. Auch die Hinweise auf die Magistrale mit ihren schicken Verkaufsständen oder den Autogramm-Bereich waren nur schwer zu finden. Zumal nicht jeder Besucher wusste, dass es überhaupt ein Programmheft mit Lageplan gab. Alleine dieses Heftchen zu bekommen stellte sich als schwierige Aufgabe heraus, und auch allgemeine Fragen konnte das, immerhin freundliche und bemühte, Personal am Infostand, nicht, falsch oder nur rudimentär beantworten.

Praktisch bei jeder Anmoderation wiesen die Veranstalter darauf hin, dass zumindest der Samstag hätte abgesagt werden müssen, wenn das Festival wie in den Vorjahren am Tanzbrunnen stattgefunden hätte. Das ist natürlich richtig und für die logistische Schwerstarbeit bei der improvisierten Running Order gebührt den Organisatoren ein wirklich dickes Lob. Allerdings ändert dies nichts an der Tatsache, dass die Lanxess Arena nichts anderes ist, als eine durchkommerzialisierte Bespaßungsanstalt ohne Charme, Charakter oder Atmosphäre. Sie hat zwar unbestreitbare Vorteile was sanitäre Einrichtungen und Sitzgelegenheiten angeht, eine wirkliche Festivalstimmung wollte sich aber, zumindest bei mir, in diesem sterilen Ambiente nicht einstellen. Dazu kam der teilweise sehr schlechte Sound auf der „Arena Stage“, der abhängig vom eigenen Standort zudem stark variierte. Ob dies ein generelles Problem mit der Akustik innerhalb der Halle ist, oder ob die Tontechniker zwei extrem schlechte Tage erwischt hatten kann ich als Außenstehender nicht beurteilen.

Wirklich gelungen fand ich dagegen das Line-Up, wurden hier dem Besucher doch einige Szenegrößen präsentiert und mit kleineren, aber interessanten Acts ergänzt. Auswahl gab es auch genug, so dass sich niemand langweilen musste, selbst wenn ein leichter Schwerpunkt auf dem elektronischen Aspekt der „schwarzen“ Musik lag. Allerdings hätte ich sehr gut auf die Anmoderationen von Der Tod verzichten können und auch seinen Auftritt hätte ich nicht, oder zumindest nicht in der großen Halle, gebraucht. Aber das sind natürlich nur meine persönlichen Befindlichkeiten.

Die „Green Stage“ mit ihrem terrassierten Gelände eignete sich recht gut für die Auftritte, war doch gewährleistet, dass auch Menschen unter zwei Meter die Chance hatten einen Blick auf die Bühne zu werfen. Flankiert von einer kleinen Chill-Out-Area und zahlreichen Ständen kam hier sogar richtiges Festival-Feeling auf und auch der Ton war, zumindest bei den Bands, die ich hier gesehen hatte, sehr ordentlich. Folglich hielt ich mich auch einen großen Teil der Zeit in diesem Bereich auf. Was auf dem gesamten Festivalgelände extrem unschön war, waren die Unmengen an Müll, vorzugsweise Plastikbecher, die überall in der Gegend herumlagen. In der Halle selbst kamen dann noch riesige Pfützen mit verschütteten Getränken hinzu. Diese sah man zwar Dank der diffusen Beleuchtung nicht, aber ich hatte mehr als einmal Probleme damit mein Schuhwerk vom Boden zu lösen. Für diesen Dreck waren natürlich wir, die Besucher, verantwortlich, allerdings gab es praktisch keine Mülltonnen im Innenraum der Halle und auch auf dem Außengelände wurden sie nur sporadisch geleert. Ein Großteil dieses Problems hätte sich sicherlich mit einem Pfandsystem lösen können; warum hier darauf verzichtet wurde bleibt das Geheimnis der Hallenbetreiber.

Es ist für Veranstalter mit einem enormen Risiko verbunden, ein etabliertes Festival zu verlagern, ganz unabhängig von den Gründen. Die Frage die sich hierbei stellt ist natürlich immer, ob die Besucher auch bereit sind mitzuziehen. Selbst wenn man den ausgesprochen unglücklichen Start am Samstag ignoriert, gibt es doch einige wichtige Baustellen, die dringend bis zum nächsten Jahr behoben werden sollten. Die Resonanz der Besucher, zumindest soweit ich sie mitbekommen habe, war entsprechend durchwachsen. Es gab viel (berechtigte) Kritik, aber auch viel (ebenfalls berechtigtes) Lob, was nun davon letzten Endes überwiegt und den Ausschlag gibt im nächsten Jahr wieder aufs Amphi zu fahren, wird jeder für sich selbst entscheiden müssen.

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