Echo des Wahnsinns

31.10.2017 von Marcus Pohlmann

Eigentlich kenne ich den Sphinx Spieleverlag in erster Linie als Produzent kleiner, einfacher und durchweg fieser Spiele. In Kooperation mit der Deutschen Lovecraft Gesellschaft e.V. veröffentlicht der Verlag nun mit Echo des Wahnsinns eine Comic-Anthologie, die stark vom literarischen Werk H.P. Lovecrafts beeinflusst ist. Elf Geschichten, von verschiedenen Autoren getextet und gezeichnet, präsentieren dem Leser auf über 100 Seiten ihre ganz eigene Sicht des Cthulhu-Mythos. Eine erwähnenswerte Besonderheit ist, dass die Stories zumeist in Österreich angesiedelt sind – von abgelegenen Bergdörfern, einsamen Klöster bis hin zur Metropole Wien selbst.

Der Hardcover-Band wird eröffnet von „Die Ahnung“ aus der Feder von Fufu Frauenwahl. Dieser erzählt die Geschichte eines Malers, der nachts von Visionen geplagt wird und diese auf Papier bringen muss. Unterseeische Landschaften, groteske, tentakelbewehrte Kreaturen und merkwürdige Gebäude bestimmen sein Schaffen, seit er einen französischen Kollegen besucht hat. Schließlich ist es dieser Kollege der Rat weiß und den Künstler wieder in ein normales Leben zurück führt. Für mein Empfinden die atmosphärischste Geschichte in Echo des Wahnsinns und diejenige, die dem Cthulhu-Mythos am nächsten kommt. Gleich drei Autoren, Walter Fröhlich, Andreas Paar und Thomas Aigelsreiter, sind für „Der Berg ruft“ verantwortlich. Hier zieht es den jungen Blasius beharrlich auf den Berg, weder ein Beinahe-Absturz noch der Angriff eines Einsiedlers können ihn von seinem Ziel abhalten. Nach seiner Rückkehr wird er im Dorf, vor allem von der Damenwelt, gefeiert – da fallen gewisse Veränderungen gar nicht mehr so stark auf. Recht unkonventionell präsentiert sich „Verhandlungssache“ von Heinz Wolf. Der Zeichenstil erinnert mich eher an frühe franco-belgische Comics. Auch die Geschichte, mit 20 Seiten die längste des Bandes, entwickelt sich gemächlich und legt viel Wert auf Dialoge und Stimmungen. Hier ersteht ein Flohmarktbesucher ein ominöses, in einer unbekannten Sprache verfasstes Buch. Bei der anschließenden Untersuchung des Bandes macht er eine merkwürdige Entdeckung. Und dann ist da auch noch dieser seltsame Typ, der ihm das Buch wieder abkaufen will… S.R. Ayers führt einen jungen, namenlosen Verlagsangestellten in „Pickmanns Network“ auf der Suche nach dem gleichnamigen Künstler durch Wien. Unter der ursprünglich angegebenen Adresse befindet sich nur ein Schutthaufen. Einziger Anhaltspunkt sind die Bilder des Malers, die den jungen Mann immer tiefer in die Stadt hinein führen. Schließlich gelangt er an sein Ziel, das Atelier von Pickmann, und findet auf sehr unschöne Weise die Inspirationen des Malers. „Formal: Haut“ von Arnulf Rödler führt den Leser in die Weiten des Weltraums. Die Besatzung eines Raumschiffes befindet sich hier auf einer Erkundungsmission in einem Asteroidenfeld, ich vermute, das es sich dabei um die Überreste der Erde handeln soll. Während das Schiff selbst eine fatale Begegnung mit einer riesigen blauen und tentakelbewehrten Kreatur hat, strandet einer der Forscher auf einem der Gesteinsbrocken. Nur zwei Seiten benötigt Anna-Maria Jung für ihren Beitrag „Die sexy Farbe“. Hier sieht ein Almbauer seine Kühe nach einem Meteoriteneinschlag in ganz anderen Licht. Das Ergebnis ist zwar nicht wirklich appetitlich liefert aber, zumindest für mich, die beste Pointe in dem Band. Den Abschluss der Anthologie bildet „Neulich bei Lovecraft’s: Die Blockade“ von Thomas Aigelsreiter. Der Autor gibt dem Leser darin einen, nicht ganz ernst gemeinten, Einblick in das alltägliche Leben von Howard Philips Lovecraft. Dieser hat nicht nur mit einem näher rückenden Abgabetermin zu kämpfen, sondern auch mit seinen zudringlichen Tanten, dem merkwürdigen Dienstmädchen und noch anderen obskuren Gestalten, die ihn allesamt von der Arbeit abhalten.

Ein wirklicher Bezug zum Cthulhu-Mythos ist in den elf Stories nicht immer zwingend gegeben. Auch fehlt mir gelegentlich einfach ein stringenter Handlungsfaden oder Plot. Generell haben die Autoren hier aber eine ganze Reihe stimmiger, atmosphärisch dichter Geschichten oder zumindest Bilder abgeliefert. Manche Stories gefallen mir naturgemäß besser als andere, aber dies liegt wahrscheinlich eher an meinen persönlichen Vorlieben als an der Arbeit des Autors. Alleine die Idee, den Mythos in ein eigentlich fremdes Setting zu übertragen und von verschiedenen Künstlern interpretieren zu lassen, kann nicht hoch genug gelobt werden. Hier ist dem Sphinx Spieleverlag ein, wie ich finde, durchaus ambitioniertes Experiment geglückt, das sich abseits der mittlerweile doch arg strapazierten cthuloiden Pfade bewegt.
So unterschiedlich wie die Geschichten selbst sind auch die Zeichenstile, die in Echo des Wahnsinns zum Einsatz kommen. Von den schon beinahe fotorealistischen Illustrationen Wolfgang Matzls über die Schraffuren von Andreas Drude bis hin zu den überzogenen, cartoonartigen Strichen Anna-Maria Jungs ist im Prinzip alles vorhanden. Die eingeschränkte Farbpalette aus Schwarz, Grau und einem hellen Blau ist dabei durchaus stimmig. Gelegentlich wird sogar das Spiel mit der Farbe zum Stilmittel und Bestandteil der Story.

Mit Echo des Wahnsinns bekommt der Leser keine klassische Interpretation der Geschichten von H.P. Lovecraft, sondern vielmehr ein Sammelsurium an, teilweise durchaus beeindruckenden, Stories mit einem cthuloiden Bezug.

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