Warum (Literatur-)Kritik nicht einfach ist

24. Mai 2016 von Averan

Montagmorgen, 7:30 Uhr in den sozialen Medien. Ich entdecke eine interessante Diskussion zum Thema (Literatur-)Kritik, zu der ich selbstverständlich auch meine zwei Cent beitragen möchte. Es geht dabei um eine Aussage, die auf den ersten Blick richtig erscheint. Teile davon erscheinen auch nach mehrmaligen Überdenken und sogar einer Nacht drüber schlafen richtig. Dennoch stört mich etwas daran.

Genug vorgegriffen, fangen wir doch mit der These an, die Gegenstand meiner Überlegungen ist.
Ein Tweet macht die Runde, Karla Paul (@Buchkolumne) twitterte:

Ich kann an solchen Aussagen einfach nicht kommentarlos vorbeigehen. Diese These kann man nun natürlich auf alle Medien ausweiten, beispielsweise auf Filme oder Musik.

Die Frage ist nur, was ist in diesem Fall gut? Ich schaue gerne schlechte Filme. Deshalb sind sie noch lange nicht gut, ich mag sie, weil sie eben schlecht sind! Von daher kann ich nur sagen: Nein, so einfach ist es nicht!

Wann ist etwas gut?

Herr der Ringe © Klett-Cotta Verlag

Herr der Ringe, 6. Auflage 2014 – Ein Buch sie zu knechten …
© Klett-Cotta Verlag

Ob und wie etwas für jemanden „gut“ ist, liegt natürlich im Auge des Betrachters. Das ist der Kernpunkt der persönlichen Meinung, sie gibt immer nur die Meinung des Kritikers wieder! Ich kenne so viele Menschen, die „Herr der Ringe“ großartig finden, es mehrmals gelesen haben. Ich hingegen bin froh, dass ich es geschafft habe mich einmal durch die Geschichte zu kämpfen, noch einmal muss ich das nicht haben. Klar, es ist ein Klassiker, ein wichtiges Buch in der Literatur, das Kernwerk der High Fantasy. Aber gut finde ich es trotzdem nicht. Ich finde es sogar sehr langatmig.

Hör ich da Schnappatmung? Mir doch egal! Das ist nämlich das Schöne an der eigenen Meinung, sie gehört mir allein und niemand muss mit ihr übereinstimmen. Dafür darf sich jeder seine eigene Meinung bilden. Das macht aber meine persönliche Meinung nicht weniger wahr. Es ist einfach eine Frage des Geschmacks!

Aber: Ich finde es ist trotzdem ein Buch, welches man gelesen haben sollte. Man muss es dann auch nicht gern getan haben, man darf es aber auch sehr gern getan haben. Hauptsache man hat es überhaupt einmal getan. Denn: Das Buch ist trotzdem auf seine Art und Weise gut! Als ich es las, war ich nur in einer komischen Stimmung, mein persönliches Empfinden bezieht sich auf viele äußere Einflüsse, ich wurde ständig aus dem Lesefluss durch Störungen gerissen, konnte nur schlecht wieder reinfinden und so zog sich das Lesen immer mehr in Länge. Das alles beeinflusst meine persönliche Meinung.

Etwas Gutes darf man auch nicht mögen!

Betrachten wir mal ein anderes Medium, die Musik. Hier sind die Geschmäcker so vielfältig, da streiten sich sogar viele darüber was gut und was nicht gut ist. Hier kann man auch noch differenzieren, es geht nicht nur um das Wort, sondern auch um einzelne Instrumente und das Zusammenspiel dieser. Ein guter Gitarrist, der sein Handwerk beherrscht, kann noch so gut sein, wenn das Schlagzeuger nicht im Takt ist und der Gesang einer rolligen Katze alle Ehre macht, kann die Musik im Gesamtbild gar nicht gut sein.

Dann gibt es aber Bands, die einfach perfekt zusammenpassen, super Musik machen, es auch noch perfekt produzieren lassen und ich mag es trotzdem nicht. Oft kann ich das in Genres verpacken, Schlager beispielsweise. Die können noch so gut sein, ich mag sie trotzdem nicht. Auf der anderen Seite gibt es aber Musik, die nicht ganz so perfekt ist, die ich aber richtig toll finde! Sie hat ihren ganz eigenen Charme, eben, weil sie nicht dem gängigen Mainstream entspricht. Ich finde sie gut und deswegen ist sie auch gut – für mich. Und das ist das Entscheidende. Und dann gibt es noch die Musiker, die oft von der Allgemeinheit als gut empfunden werden (die Verkaufszahlen sprechen für sich), die es schaffen sich auf der Bühne trotzdem zu verspielen, macht sie das jetzt weniger gut? Weniger Perfekt? Darf man sie nun nicht mehr mögen, oder dafür umso mehr? Und was ist mit den Songs, die ich so gut finde, dass ich sie immer und immer wieder hören will und irgendwann einfach nicht mehr hören kann? Mich an ihnen überhört habe? Sind sie jetzt deshalb schlecht, weil ich sie nicht (mehr) gern höre?

Etwas Schlechtes darf man sogar sehr mögen!

Filmplakat Pompeii © Constantin Film

Filmplakat Pompeii – gute und weniger gute Special Effects ohne Happy End.
© Constantin Film

Und damit kommen wir zu meinem Lieblingsthema, den Filmen. Wer es noch nicht weiß: Ich liebe schlechte Filme! Je einfacher die Special Effects, je alberner die Schauspieler, desto mehr macht mir der Film Spaß. Ich schaue sie unheimlich gerne, stelle sie mir auch gerne ins Regal, ich finde sie einfach gut. Und ich finde es gut, dass sie schlecht sind, denn für mich sind sie super! Dann gibt es aber gute Filme in denen am Ende etwas passiert, was mir so wenig gefällt, dass es mir gleich den ganzen Film vermiest. Kein Happy End? Das ist schon ziemlich doof.

Beispielsweise habe ich gestern Abend mit dem Tonfanatiker bei Sky gestöbert und wir haben nach einem netten Film gesucht. Wir fanden Pompeii. Wollten wir den sehen? Eigentlich weiß man ja, wie er ausgeht: Niemand überlebt. Kann man sich also auch sparen, denn ein Film, der kein Happy End hat, ist für den Tonfanatiker nicht sehenswert. Da kann er noch so gut sein, eine Kleinigkeit reicht und der Film ist doof – eben nicht mehr gut. Und das obwohl er eigentlich total gut ist! Gerade Pompeii bietet alles an Effekten, was ich sehr mag, sowohl atemberaubend gute, als auch so schlechte, dass sie jedem B-Movie die Show stehlen. Trotzdem: kein Happy End – kein guter Film. Punkt. Es gäbe da noch andere Aspekte, die den Film einerseits gut, auf der anderen Seite gar nicht gut machen, aber das gehört dann wieder ein eine Filmkritik und nicht hierher.

(Literatur-)Kritik ist mehr als nur die eigene Meinung.

Eigentlich klingt das alles ja bisher logisch, oder? Und das ist es bis zu einem gewissen Punkt auch, aber eben nur bis dahin. Denn es gibt dort draußen im weltweiten Internet mehr als Sternchenbewertungen und Buchblogs, es gibt auch noch Rezensionen. Und da beginnt der Part, bei dem ich sage, es ist nicht so einfach. Denn eine Kritik, oder eine Rezension, ist mehr als nur die eigene Meinung, viel mehr. Es gibt mehr als nur schwarz und weiß. Betrachtet man den mittleren Teil der oben genannten These, stimme ich ihm vollkommen zu! – Aber nur für mich persönlich.

Bei einer Literaturkritik geht es aber nicht darum, ob ich das Buch gern gelesen habe. Hier unterscheidet sich die klassische Literaturkritik von den heutigen Buchblog-Rezensionen. Ich habe im Studium viele Bücher lesen müssen, die ich gar nicht gern gelesen habe. Ich habe die Themen darin gehasst, mochte das spezielle Fach nicht, für das ich es lesen musste. Aber dank des Buches habe ich die Prüfung bestanden und es war gut. Richtig gut. Aber gern gelesen? Niemals!
Gut, das widerspricht der These noch nicht. Doch was ist mit dem Schund, den ich wirklich gern gelesen habe. Voller Tippfehler, mit sprachlichen Schnitzern, aber mit genug Humor und so kurzweilig, dass ich es gern gelesen habe. Gut war es deshalb noch lange nicht. Dann gibt es noch die Bücher, die ich bis kurz vor Schluss gern gelesen habe, das Finale war aber so unlogisch, dass ich es nur enttäuschend – und am Ende gar nicht gut – fand. Dennoch habe ich es gern gelesen, zumindest zu 90% der Zeit. Und es gibt die Bücher, in die ich nur sehr schwer reingefunden habe, bei denen es die ersten 100 Seiten eine reine Qual war. Zum Ende aber wurde es besser, da wurde das Durchhaltevermögen belohnt. Es war anstrengend zu lesen, und wer liest schon gern angestrengt? Aber im Gesamtbild war es dann trotzdem gut.

Und was machen die Menschen, die allgemein alles immer gern lesen? Hauptsache Text rein, weil sie das Lesen des Lesens willen lieben? Die müssen dann automatisch alles gut finden, was sie lesen? Die finden dann auch Schund richtig gut? Kann sein, eine Regel gibt es dafür aber nicht.

Von daher kann ich nur sagen: Nein, es ist überhaupt nicht so einfach, denn mein persönliches Empfinden, also der subjektive Part beim Lesen eines Buches, ist nur der Bruchteil, der in die Literaturkritik fließt und sagt am Ende der Gesamtwertung nicht wirklich viel aus. Wäre das alles so einfach, könnte sich jeder Buchblogger auch gleich Literaturkritiker schimpfen. Einige von ihnen wissen aber nicht einmal, was eine Rezension überhaupt ausmacht. Da reicht der Klappentext und drei Sätze zum persönlichen Empfinden und schon ist die neue „Rezension“ online.

Ja sicher, eine Rezension kann niemals vollständig objektiv sein, das geht nicht, denn der persönliche Geschmack fließt dort hinein. Aber wichtig ist immer rückblickend das ganze Werk zu betrachten. Nur weil ich jetzt das Buch gerne lese, lese ich es morgen noch lange nicht so gern, oder habe es gestern vielleicht nicht so gern gelesen. Am Ende zählt das Gesamtbild und das persönliche Empfinden beim Lesen entspricht manchmal so überhaupt nicht der persönlichen Gesamtwertung.

Wäre der Hinweis zur Literaturkritik nicht gegeben, würde ich Karla Pauls Aussage absolut zustimmen, aber in diesem Kontext, nach meinen Überlegungen bleibt mir nur meine eigene kleine Nachhilfe zur Literaturkritik: Wer jetzt noch denkt, sie sei einfach, hat sich nicht ausgiebig mit ihr beschäftigt.

3 Gedanken zu “Warum (Literatur-)Kritik nicht einfach ist”

  1. Ich stimme da eigentlich komplett mit Averan überein!
    Es hat natürlich jeder ein Recht auf seine Meinung – wäre schlimm wenn das nicht so wäre, aber etwas mehr Tiefgang als ein „Gefällt mir – tolles Buch oder gefällt mir nicht – der letzte Dreck“ sollte man von einem Rezensenten der seinen Job einigermaßen ernst nimmt schon erwarten dürfen.

  2. Johannes Heck sagt:

    Es ist ja immer etwas schwierig auf so stark verkürzte Statements zu antworten wenn man den Kontext nicht kennt. Das Thema an sich ist aber etwas was mich naturgemäß bewegt und mich auch aktuell wieder beschäftigt.
    Ich kann Karla Pauls Position grundsätzlich nachvollziehen. Wenn etwas das Ziel hat mir eine gut Zeit zu bereiten und dabei erfolgreich ist, dann hat es grundsätzlich seinen Zweck erfüllt. Nenn wir das meinetwegen gut. Die eigentliche Frage ist ja, ob es der Zweck der Literaturkritik (oder ganz profan einer Rezension) ist mich darüber zu informieren ob der Leser/Rezensent beim Lesen Spaß hatte.

    Für mich wäre das eine nahezu wertlose Aussage. Ob ein einzelner Rezipient Spaß hatte oder nicht ist mir vollkommen egal. Wenn ich mich über sowas informieren will, dann reichen Sterne bei Amazon. Eine Kritik muss mir die Informationen liefern, die ich brauche um mir eine eigene Meinung zu bilden. Das persönliche Lustempfinden eines Einzelnen ist dafür irrelevant. Ich habe keine Lust mich jedes Mal in den Rezensenten hineinzufühlen und zu überlegen ob seine Meinung vielleicht auch meine Meinung sein könnte.

  3. Joachim A. Hagen sagt:

    Der Beitrag ist zwar schon einige Monate alt, aber ich sage trotzdem meine Meinung dazu: Die Bewertung eines Buches allein reicht als Kritik nicht aus, sondern muss auch begründet werden.
    Spannungsbogen, Charaktere und Schreibsprache können sehr wohl analysiert werden. Ich kann z.B. feststellen, dass ein Autor seine Charaktere immer durch Zufälle oder Trickschlüsse aus Notlagen rettet, und dann dazu sagen, ob ích das gut oder schlecht finde.
    Pauschalurteile wie „gut“ oder „schlecht“ lassen einen nicht nachvollziehen, wieso jemand zu diesem Schluss kommt.

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