
Kategorie: Kartenspiel
Autor: Sarah Shipp
Zeichner: Mercedes Palacios
Entwickler: Tabletop Tycoon
Verlag / Publisher: Corax Games
Genre: Historisch, Strategie
Spieleranzahl: 2 bis 6 Spieler
Altersempfehlung: ab 14 Jahren
Spieldauer: ca. 30 Minuten
Erscheinungsdatum: 25.10.2023
Sprache: Deutsch
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Während der viktorianischen Epoche waren die Möglichkeiten für gesellschaftlichen Aufstieg sehr eingeschränkt. Zumindest als Frau hatte man jedoch die Option in die gehobenen Schichten einzuheiraten – einen gewissen finanziellen „Anreiz“ vorausgesetzt. Und um dieses Ziel zu erreichen, war einigen Damen jedes Mittel recht. Dies ist die Prämisse von Schwarze Witwen, in denen bis zu sechs Spieler versuchen, in den Adelsstand zu gelangen – und dabei buchstäblich über Leichen gehen. Ursprünglich veröffentlicht wurde das Spiel von Tycoon Games, für die deutsche Portierung sind Corax Games verantwortlich.
Was steckt drin?
Das Gros des Spielmaterials besteht aus Karten, die sich in drei Kategorien einteilen lassen. Da wären die zwölf Startbauernhöfe, die jeder (künftigen) Witwe als eine Art Startkapital dienen und ein bescheidenes Einkommen generieren. Insgesamt 24 potentielle Ehemänner buhlen um die Gunst der Damen. Diese unterteilen sich wiederum in Arbeiter und Adlige. Jeder bringt einen Vorteil – zumindest so lange er unter den Lebenden weilt. So kann der Farmer Bauernhöfe zu Geld machen, ein Viscount ignoriert geflissentlich die Affären der Gemahlin und ein Earl hilft bei der Respektierlichkeit. Jede Karte verfügt neben einer Illustration des Gatten über die Angabe der zu zahlenden Mitgift, der maximal akzeptablen Verrufenheit, der bereits erwähnten Sonderregeln und der Höhe des Erbes – im Falle des tragischen Ablebens. Der letzte Ehemann, der Duke, ist davon ausgenommen. Wer es schafft, ihn zu ehelichen, gewinnt die Partie.
Den größten Raum nehmen jedoch die Hauptkarten ein. Von diesen sind gut 90 Stück in der Schachtel und das treibende Element der Spielmechanik. Die Karten haben unterschiedliche Funktionen, so erhöhen beispielsweise die Überseeanlagen im Erbfall die Belohnung, neue Ländereien sind gut für den Ruf, bringen stetige Einnahmen und können mit weiteren Karten aufgewertet werden. „Hilfsmittel“ wie Äxte, Pistolen oder Pülverchen helfen dabei den unliebsamen Gemahl zu entsorgen. Gesellschaftliches Engagement, Getratsche oder auch eine Wiederheirat sind ebenfalls in diesem Kartendeck zu finden.
Je nach Funktion haben die Karten verschiedene Angaben, wie Kosten, Belohnungen, Verrufenheit oder besondere Effekte. Für jede der heiratswilligen Damen steht ein eigenes Tableau zur Verfügung. Dieses enthält neben einem Portrait auch eine kurze Hintergrundstory. Außerdem findet sich hier Verrufenheitsleiste, eine Rundenübersicht und eine Erklärung der verwendeten Symbole. Marker für Kronen (die Währung des Spiels), Beförderungen, Verrufenheit und die Anzeige der Spielrichtung vervollständigen das Spielmaterial. Die Anleitung umfasst 16 Seiten und enthält neben den Regeln auch einige historische Beispiele für tatsächliche „Schwarze Witwen“.
Wie wird’s gespielt?
Die Ehemänner werden entsprechend ihrer sozialen Schicht ausgelegt, während die Hauptkarten einen Nachziehstapel bilden. Jede angehende Witwe erhält ein Damentableau, fünf Münzen Grundkapital und zwei zufällige Startbauernhöfe. Außerdem dürfen sie sich noch einen Gemahl aus dem niedrigsten Stand aussuchen, die Mitgift zahlen und ihren Verrufenheitszähler auf den passenden Wert ziehen. Damit sind die Vorbereitungen auch schon abgeschlossen.
Gespielt wird in Runden, wobei sich jeder Durchgang in vier Phasen aufteilt. Die Spieler agieren dabei gleichzeitig. In der Kartenphase zieht jeder fünf Handkarten, wählt eine davon aus und gibt den Rest weiter. Die fünfte Karte wird offen auf den Ablagestapel gelegt. Hieran schließt sich die Investitionsphase an. Dabei werden die Karten ausgespielt, deren Kosten bezahlt und die jeweiligen Effekte ausgeführt. Hier hat man die Möglichkeiten, neue Ländereien zu erschließen oder bestehende aufzuwerten. Schließlich lassen sich auch Ereignisse wie Affären abhandeln oder die Gerüchteküche anheizen. Im Verlauf der Ehemannphase können die Spieler Todesursachen auslegen, um den aktuellen Gatten ins Jenseits zu befördern und gleich den nächsten Galan heiraten.
Sollten grade die passenden Karten nicht zur Hand sein, lassen sich auch Aktionen nutzen, beispielsweise „Töte Deinen Ehemann“ oder „Durchbrennen“. Diese haben zwar den gleichen Effekte wie die Karten, wirken sich aber deutlich negativer auf die Verrufenheit aus. Kommt es zu einem (letzten Endes unausweichlichen) Todesfall, so wird dieser ebenfalls in dieser Phase abgehandelt. Nun kassiert die Witwe ihr Erbe, legt ihre Kapitalanlagen ab, behält aber die Ländereien. Die Karte des verblichenen Gemahls wandert auf den Friedhof – den eigenen Ablagestapel. Das Ende einer Runde bildet die Haushaltsphase. Hier überprüfen alle Spieler lediglich, ob sie das Handkartenlimit von drei Karten einhalten. Im nächsten Durchgang wechselt die Draft-Richtung – der restliche Ablauf bleibt unverändert.
Um die Partie zu gewinnen, gilt es insgesamt vier Bedingungen gleichzeitig zu Erfüllen: Die Dame darf keinen Ehemann haben, die Verrufenheit liegt bei „9“ oder darunter, 120 Kronen Mitgift sind vorhanden und schließlich muss sie noch eine Karte mit „Wiederheirat“ ausspielen. Damit ist das Spielziel erreicht und die lustige Witwe kann sich über ihren Aufstieg in den Adelsstand freuen.
Sollten mehrere Spieler gleichzeitig diese Bedingungen erfüllen können, dienen Kronen und Verrufenheit als weiteres Siegkriterium.
Kann das Spiel was?
Ganz von der, gar nicht netten, Thematik abgesehen ist Schwarze Witwen ein sehr gelungenes Draft-Spiel mit wechselnder Spielrichtung und gleichzeitigem Handeln. Den Spielern stehen zudem verschiedene, auch nicht kartenabhängige, Möglichkeiten zur Verfügung, um an Geld und Ehemänner zu kommen. Das macht den Ablauf sehr flexibel und reduziert den Glücksfaktor erheblich. Dadurch ergeben sich Entwicklungsmöglichkeiten für unterschiedlichste Taktiken. Hierbei hängt viel von den eigenen spielerischen Vorlieben ab: Ein sehr aggressives Vorgehen kann gelegentlich zum Sieg führen, allerdings waren meine Testpartien meist eher von langsamem Vermögensaufbau und zögerlichen Mordanschlägen geprägt. Hier gilt es immer die verschiedenen Aspekte, vornehmlich Geld und Verrufenheit, gegeneinander abzuwägen.
Die Synergieeffekte mancher Karten sind dabei sicherlich nützlich, aber auch nicht spielentscheidend. Insgesamt funktionieren die Mechanismen sehr gut und flüssig. Alle Spieler sind ständig eingebunden – was in diesem Falle für mich das einzige Manko ist. Die Interaktion besteht darin, Karten weiterzugeben, oder sich vielleicht einen Ehemann aus der Auslage wegzuschnappen. Mir fehlt hier das „Gegeneinander“, selbst wenn man dabei nur den teuflisch ausgeführten Plan der Konkurrenz beobachtet. Bei höherer Spieleranzahl herrscht ein größerer Konkurrenzdruck, was für mich den Reiz deutlich verstärkt.
Die Aufmachung orientiert sich treffend am viktorianischen Hintergrund. Die Illustrationen sind stimmig, wobei ich mir teils etwas mehr Abwechslung gewünscht hätte – auch was die Karteneffekte angeht. Die Anleitung geht ausführlich auf die verschiedenen Spielsituationen ein und spart nicht an Beispielen. Darüber hinaus sind zahlreiche kurze Texte über historische „Schwarze Witwen“ verstreut, die der Autorin als Inspiration dienten.
Corax Games haben auf ihrer Homepage mehr Informationen zum Spiel bereitgestellt, leider aber auf die Regeln verzichtet. Zumindest die englische Version gibt es HIER.
Mit Schwarze Witwen erhalten die (moralisch flexiblen) Spieler ein originelles Draft-Spiel mit hübscher Aufmachung und einigen taktischen Möglichkeiten.
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