The Tiger Lillies – Onepenny Opera

08.05.2022 von Marcus Pohlmann

The Tiger Lillies - Onepenny Opera

Musiker:

Label:

Genre:

Laufzeit: 61 Minuten

Tracklist:
01 - King of the Cut-Throats
02 - Macky is a Swine
03 - Down with the Poor
04 - Married
05 - Bastard
06 - Police
07 - Hit Me
08 - Soho Moon
09 - Selfish Git
10 - Poor Maid
11 - Free
12 - Face
13 - Alabama Song
14 - Death Row
15 - Finale I
16 - Stupid Clown
17 - Finale II
18 - Victory Song
19 - Mack the Knife

Erscheinungsdatum: 01.04.2022

Sprache: Englisch

Die Uraufführung der One Penny Opera in der sehr speziellen Version von The Tiger Lillies liegt ziemlich genau drei Jahre zurück. Ich hatte seinerzeit das Glück, einen der raren Plätze für den Auftritt in London zu ergattern. Die Rezension des Konzertes findet sich HIER. Auch die Aufnahmen für das dazugehörige Album waren bereits 2019 abgeschlossen. Dennoch hat es bis zum April dieses Jahres gedauert, bis das bandeigene Label Misery Guts Music die Onepenny Opera veröffentlichte.

Was steckt drin?

Im Digi-Pack befindet sich neben der eigentlichen CD auch ein Booklet mit den Texten sämtlicher Stücke. Im Innenteil sind zudem die beteiligten Musiker und Techniker aufgelistet. Eine digitale Veröffentlichung oder gar das Album auf Vinyl gibt es (noch) nicht – außerdem bekammt man es nur im Shop der Band.

Was wird gespielt?

Die Onepenny Opera basiert auf Die Dreigroschenoper, die Bertolt Brecht und Kurt Weill 1928 auf die Theaterbühne gebracht haben. Dieses Stück hat wiederum seinen Ursprung in der Beggar’s Opera von John Gay aus dem Jahr 1728. Um noch mehr Verwirrung zu stiften, haben The Tiger Lillies bereits 2001 die Two Penny Opera veröffentlicht, die sich dem gleichen Thema annimmt. Drei Stücke dieser alten Aufnahme haben es auf das neue Album geschafft.

Da hier eine zusammenhängende Geschichte erzählt wird, fasse ich diese in groben Zügen zusammen. Wer sich mehr für die Details interessiert, dem sei eine der zahlreichen Verfilmungen empfohlen. Gerne das Original von 1931 – teils mit der Besetzung der ursprünglichen Theateraufführung.

Bei der Uraufführung

Bei der Uraufführung

Im Mittelpunkt steht Macheath, auch bekannt als Mack the Knife – in der deutschen Version Mackie Messer. Dieser unangenehme Zeitgenosse ist ein Dieb, Mörder, Betrüger und berüchtigt in der Londoner Unterwelt. Nachdem Mack Polly, die Tochter von Jonathan Jeremiah Peachum, einem anderen Gangster geheiratet hat, beschließt dieser, Macheath an die Polizei auszuliefern. Polly erfährt davon und warnt ihren Gatten, der sich zu Jenny, einer ehemaligen Geliebten flüchtet. Die verrät ihn jedoch an den korrupten Polizeichef Brown. Dessen Tochter, eine weitere Ex von Mack, verhilft ihm aber zur Flucht. Diese endet erneut im Gefängnis und mit einem Todesurteil. Während er am Galgen auf seine Hinrichtung wartet, wird Macheath überraschend begnadigt und zudem in den Adelsstand erhoben. Künftig beseitigt er für die Königin unliebsame Zeitgenossen und versorgt den Prinzgemahl mit Prostituierten.

Der Opener „King of the Cut-Throats“, beginnt wie viele Stücke, mit einer kurzen, gesprochenen Einleitung. Hier erfährt der Hörer etwas zum Setting und zu den Geschehnissen. Lockeres Klaviergeklimper und eine Westerngitarre sorgen für eine entspannte Atmosphäre. Der sehr markante Falsettgesang von Martyn Jacques klingt ungewöhnlich gelöst und kommt im Plauderton daher. Der Text dreht sich dagegen um die Vorstellung und Untaten von Macheath – und steht damit im krassen Gegensatz zu Musik und Gesangsstil. Ein rundum gelungener Einstieg in die Geschichte.

Martyn Jacques im Rampenlicht

Martyn Jacques im Rampenlicht

Wie auch „Police“ und „Finale I“ wurde „Bastard“ bereits 1999 aufgenommen. Dabei waren neben Martyn Jacques und Adrian Stout ausnahmsweise zwei Gastmusiker an der Produktion beteiligt. Adrian Huge, der bei The Tiger Lillies schon öfters hinter dem Schlagzeug Platz genommen hat und an der Gitarre Blixa Bargeld, der vor allem durch seine Arbeit mit den Einstürzenden Neubauten bekannt ist. Akkordeon und Percussion nehmen einen herausragenden Platz im Stück ein – was jedoch heraussticht ist die singende Säge. Diese hält sich meist dezent im Hintergrund, kreischt aber zwischendurch schrill auf. Der Text wird in einem entspannten Singsang vorgetragen und erzählt von Jenny, einer Prostituierten, und wie diese ihre Freier ausnimmt. Im Refrain geht es dagegen um das Verhältnis von Jenny und Macky. Hier wird die Stimme des Sängers aggressiv und steigert sich zum Schrei. Das Stück lebt von diesen Kontrasten und zählt für mich zu den Highlights.

Bei „Soho Moon“ handelt es sich fast schon um ein tragisches Liebeslied. Gesungen aus der Sicht von Jenny, die von Macheath betrogen wurde und sich nun rächen will. Akkordeon, Piano und die Singende Säge geben den Ton an, während Schlagzeug und Bass nur sehr verhalten zum Einsatz kommen. Dem Gesang kann man die Mischung aus Trauer, Enttäuschung und Resignation anhören – während der Text auf die sonst üblichen Obszönitäten verzichtet.

Der „Alabama Song“ ist wahrscheinlich das bekannteste Stück der Dreigroschenoper – nicht zuletzt durch die Cover-Version von The Doors. In dieser Aufnahme wird komplett auf den charakteristischen Rhythmus und die Orgel verzichtet, die das Stück eigentlich ausmachen. Stattdessen ist die Ukulele das vorherrschende Instrument – neben dem Klavier im Intro. Der Track präsentiert sich eher als Hymne für ernsthafte, verzweifelte Trinker, was dann wiederum sehr gut zum Kontext des Theaterstücks passt.

Mit „Stupid Clown“ nähert sich die Onepenny Opera ihrem Höhepunkt – Macheath wird zur Hinrichtung geführt. Martyn Jacques nutzt dies, um die Diskrepanz zwischen Arm und Reich aufzuzeigen. Ein ungewöhnlich sozialkritischer Text, natürlich wieder überzogen – dennoch treffend. Musikalisch untermalt wird das Ganze von einer Art „Zirkusmarsch“, aber verzerrt und mit bedrohlichen Untertönen. Mein persönlicher Favorit auf dem Album.

Das charakteristische „Mack the Knife“ hat sich die Band für das Ende aufgehoben. Der Text entstammt weitgehend dem Original von Brecht und beschreibt ausführlich die Hauptfigur des Macheath. Die musikalische Untermalung ist extrem entschleunigt und setzt auf einen Kontrast zwischen Säge und Ukelele. Dazwischen tummeln sich vereinzelte Klavierakkorde, das Twang einer Surfgitarre und eine dezente Basslinie. Ein passender Abschluss das gelungenen Albums – der den Charakter von Macky auf den Punkt bringt.

Gehört die CD in den Player?

Hörer, die mit der sehr speziellen Musik der Band nichts anfangen können, wird auch dieses Album nicht überzeugen. Martyn Jacques, Sänger, Multiinstrumentalist und Kopf, ist immer dann am besten, wenn er sich in den Tiefen menschlicher Abgründe suhlen kann. Die Onepenny Opera bietet ihm dafür eine gelungene Vorlage – nicht umsonst wird der Stil von The Tiger Lillies gerne als „Brechtian Punk Cabaret“ bezeichnet. Für mich beinhaltet die CD eigentlich alles, was die Band ausmacht. Angefangen bei den zynischen Texten, gespickt mit schwarzem Humor, über die ungewöhnliche Instrumentierung bis hin zum Falsett des Sängers.

Adrian Stout als Erzähler

Adrian Stout als Erzähler

Vor allem der verstärkte Einsatz der Singenden Säge und des Theremin fällt mir bei einigen Stücken sehr positiv auf. Dies verleiht den dem Album das gewisse Etwas. Einzelne Anklänge von Country sind dagegen eher befremdlich, halten sich aber in überschaubaren Umfang. Die drei älteren Stücke fügen sich nahtlos in die Produktion an und passen inhaltlich in den Kontext. Auch sonst gibt es technisch nichts auszusetzen – wobei einige Instrumente nur mit Kopfhörer richtig zur Geltung kommen.

Wer das Album erwerben möchte, wird auf der Homepage von The Tiger Lillies fündig. Auf anderen Plattformen ist die CD, zumindest meines Wissens nach, nicht erhältlich. Dort gibt es auch weitere literarische Vorlagen, deren sich die Band im Laufe ihrer Karriere angenommen hat, beispielsweise von Shakespeare, Lovecraft und Poe.

Die Onepenny Opera bietet eine freie (und böse) Interpretation des klassischen Stoffes – einschließlich zwei Stücken von Kurt Weill.

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