The Dead Brothers

24.06.2019 von Marcus Pohlmann

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Veranstaltungsdatum: 19.06.2019

Veranstaltungsort: Urania Theater

Eine meiner spannendsten musikalischen Neuentdeckungen im letzten Jahr war das Album Angst von The Dead Brothers (eine ausführliche Rezension dazu gibt es HIER). Seitdem hielt ich, leider vergeblich, Ausschau nach einem der raren Konzerte der Schweizer Band. Anfang Mai wurde meine Geduld belohnt und einige Auftritte angekündigt – zwei davon sogar in Deutschland.

Hannover kommt dabei nicht in Frage, da es zu weit weg und terminlich unpassend ist. Köln liegt zwar eigentlich auch nicht in meinem unmittelbaren Einzugsbereich, ist aber doch in gut zwei Stunden mit dem Auto zu erreichen. Auf meine Akkreditierungsanfrage erhalte ich praktisch sofort eine Zusage (vielen Dank an Andreas Rösler für das Booking, die Organisation und natürlich die Pressekarte) und so steht meinem Abstecher in die Domstadt nichts mehr im Wege.

Rock ‘n’ Roll

Glücklicherweise ist es nicht ganz so heiß, als ich meinen klimatisierten Arbeitsplatz nachmittags verlasse und den Wagen auf die A3 lenke. Ich erreiche Köln, völlig untypisch, in Rekordzeit. Da die Parkplatzsituation in Köln-Ehrenfeld eher bescheiden ist, parke ich lieber auf der anderen Seite der Stadt, in Deutz. Mir bleibt sogar noch die Zeit für einen kleinen Stadtbummel und ein Eis (für lächerliche 1,50€ die Kugel). Nachdem ich meine Einkäufe sicher im Kofferraum verstaut habe, bringt mich die Straßenbahn schließlich mit nur wenigen Zwischenstopps zu meinem Ziel. Das Urania Theater liegt mitten in einem Wohngebiet und schon aus einiger Entfernung kann ich den Sound-Check der Band hören. Einige Gäste haben es sich bereits draußen gemütlich gemacht, nippen an ihrem Kölsch und warten darauf, dass sich die Türen öffnen. Ich überbrücke die Zeit, schaue mir die kuschelige Location an und unterhalte mich mit den anderen Besuchern.

Das Konzert

Kurz nach 19.30 Uhr ist es dann soweit und ich betrete den Saal. Die Sitzreihen ziehen sich steil nach oben und ich wähle einen zentral gelegenen Platz. Von hier habe ich einen guten Überblick über die Bühne und den Zuschauerraum. Bald treibt ein plötzlich einsetzender Regenschauer auch die anderen Gäste in den Raum und die Reihen füllen sich augenblicklich. Nur wenige der knapp 140 Sitze sind noch frei geblieben – dafür haben es sich einige Besucher an den Aufgängen bequem gemacht.

Perfekt aufeinander abgestimmt

Beinahe pünktlich um 20 Uhr ziehen die fünf Musiker feierlich in den Saal ein. Vor allem der Cornemuse Suisse (eine Art Dudelsack) und das Helicon (ein Verwandter der Tuba) sorgen dabei für die notwendige Präsenz. Das folgende Intro, nur mit mehrstimmigem Gesang und Violine, klingt dann eher nach traditionellem Brauchtum.

Erst danach nehmen The Dead Brothers ihre Positionen auf der Bühne ein, schnappen sich ihre Instrumente und beginnen mit “Dark Night“, einem langsamen Blues. Vereinzelte dissonante Töne, die beklemmende Stimmung, eine ungewöhnliche Instrumentierung, der abseitige Text und besonders der Falsett-Gesang des Stückes erinnern mich dabei frappierend an die von mir sehr geschätzten The Tiger Lillies. “Death Came” führt diesen eingeschlagenen Pfad weiter fort. Mehrstimmiger Gesang und ein sonorer Trommel-Rhythmus sorgen für eine feierliche Atmosphäre – der gelungene Soundtrack zu einer Beerdigung.

Dead Alain Croubalian leitet “Black Moose” mit einer kleinen Geschichte über Religion, Mord und Totschlag ein. Musikalisch stehen Blues und Americana bei diesem Stück Pate. Banjo, Flöte und Percussion nehmen einen zentralen Platz ein, während das Helicon einen überdeutlichen, wuchtigen Kontrast setzt. Für mich zweifellos eines der Highlights des Konzertes. Dead Matthias Lincke ist mittlerweile von der Mandoline zur Violine gewechselt und liefert einige Soli bei “Heart Of Stone” und “I Can’t Get Enough”. Beide Stücke laden zum Kopfnicken ein – an den Saalrändern wird sogar verhalten getanzt. Schließlich kommt die Band zu “Everything’s Dead“, meinem Lieblingsstück vom aktuellen Album. Auch nach dem x-ten Mal hören hinterlässt das Lied immer noch einen tiefen Eindruck auf mich – selbst wenn hier der Gesang vielleicht eine Spur zu leise ausgefallen ist. Mein bisheriger Höhepunkt bei diesem insgesamt tollen Konzert!

Dead Alain hat Für “Did We Fail?” tauscht Dead Alain das Mikrofon mit dem Megafon aus. Diese ungewöhnlich lockere Nummer setzt in erster Linie auf die Percussion, die sich ein eindrucksvolles Duell mit dem Helicon liefert.

Die Band gibt alles

Nach einem kleinen Intermezzo stimmt Dead Leon Schaetti mit einem, mir unbekannten Blasinstrument, den Trauermarsch an. Langsam geht das Stück in den Jazz-Klassiker “Mean Blue Spirits” über und der Rest der Band reiht sich ein. Der Sänger zeigt dabei keine Berührungsängste und mischt sich unter das Publikum. Dead Dide Marfurt liefert zudem ein denkwürdiges Solo mit der Maultrommel ab. “Am I To Be The Only One” sorgt dafür, dass die Stimmung nicht zu überschwänglich wird und nimmt etwas Tempo raus – nur damit es bei “Diamond Mind” wieder angezogen werden kann. Schließlich wird zum ersten (und einzigen) Mal an diesem Abend auf Deutsch gesungen. Immer wenn ich “Angst” höre, muss ich dabei an einen Sirtaki denken. Das Stück nimmt mehr und mehr an Tempo zu, der Gesang überschlägt sich und der Text tut sein Übriges, um den verstörenden Gesamteindruck zu vervollständigen.

Einen sehr deutlichen Folk-Einschlag weist dagegen “Marie Mouri” auf, ursprünglich bekannt geworden durch Linda Ronstadt. Auf der Zielgrade des Konzertes geben The Dead Brothers noch einmal Gas. “Pretty Polly” kann mit einem eingängigen Rhythmus und ungewöhnlichem hohem Tempo aufwarten. Verzerrte Instrumente und der Falsettgesang verleihen der Mörderballade zudem etwas leicht Wahnsinniges – was ganz wunderbar ins Programm des Abends passt. Für das letzte Stück schnappen sich die Musiker ihre Instrumente und gehen auf Tuchfühlung mit dem Publikum. Da klettert Dead Matthias auch schon über Stühle oder Dead Alain setzt sich auf die Stufen. “Mary Don’t You Weep” ist ein traditionelles aufgemachtes Blues-Stück, bei dem jeder Musiker noch einmal Gelegenheit zu einem kleinen Solo hat. Anschließend verschwindet die Band, trotz der lauten Rufe nach einer Zugabe, recht schnell aus dem Saal – und kommt auch nicht mehr zurück.

Unplugged geht auch!

Wie war’s?

Die Zuschauer sind nach gut eineinhalb Stunden verschwitzt, aber glücklich und strömen hinaus. Der Weg nach draußen gestaltet sich etwas jedoch schwierig – als ich endlich den Vorraum erreiche , sehe ich auch den Grund. Die fünf Musiker stehen vor der Theke und geben dort noch eine kleine Unplugged-Zugabe. Selbst als diese beendet ist, bleiben noch viele Gäste. Schließlich genießen The Dead Brothers ihren Feierabend, mischen sich unters Publikum, unterhalten sich, oder frönen entspannt dem Nikotin- und Kölsch-Konsum.

Bevor jedoch die eigentliche After-Show-Party nur zwei Straßen weiter Em drügge Pitter startet, muss ich mich verabschieden. Der Heimweg ist lang und bereits in der Straßenbahn baue ich merklich ab.

An der Theke ist es gemütlich

Die Musik von The Dead Brothers lässt sich kaum in eine Schublade stecken. Sie selbst bezeichnen sich als “The one and only Death Blues Funeral Trash Orchestra” – wobei diese Einordnung auch nicht wirklich weiter hilft. Die Band kombiniert alpenländische Volksmusik, Punk-Anleihen, Country und Blues zu einer ausgesprochen ungewöhnlichen, spannenden Mischung. Hinzu kommen die nicht alltägliche Instrumentierung und die teils morbiden Texte. Sicherlich keine Musik für jede Gelegenheit, aber auf jeden Fall ein Erlebnis!

Das Ambiente des Urania Theater hat sicherlich einen nicht zu unterschätzenden Anteil an der großartigen Atmosphäre dieses (beinahe komplett) ausverkauften Konzertes gehabt. Niedrige Sofas und Sessel, (richtige) Kerzen auf jedem Tisch, eine reichhaltige Spirituosenauswahl und die lockere, familiäre Stimmung waren einfach eine großartige Kombination. Auch von organisatorische Seite aus gab es nichts auszusetzen. Der Sound war sauber und wirklich gut abgemischt und die wenigen Lichteffekte stimmig. Insgesamt ein tolles Konzert, für das ich die Fahrt nach Köln wirklich gerne auf mich genommen habe.

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