
Kategorie: Spielfilm
Darsteller: Ahney Her, Bee Vang, Clint Eastwood, John Carroll Lynch
Regie: Clint Eastwood
Filmstudio: Warner Bros
FSK: 12
Laufzeit: 116 Minuten
Erscheinungsdatum: 12.12.2008
Sprache: Deutsch
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Meine Nachbarn kommen aus einem anderen Land. Was kann ich tun, was muss ich tun, wie soll ich reagieren, was sagt das über meine eigene Nationalität aus? Für solche Fragen braucht es das Konzept einer gefestigten nationalen Identität und basierend darauf verschiedene Länder, die sich ineinander mengen. Im Falle von Gran Torino (2008) sind das die weiße amerikanische Identität und die Hmong-Identität von Immigranten aus Südostasien. Bzw., eigentlich nicht.
Es geht um amerikanische Zugehörigkeit. Der eine, Walt Kowalski (Clint Eastwood), ist weiß, alt, Kriegsveteran und stolzer Amerikaner. Aber sein Nachname und die Interaktion mit seinem Friseur Martin (John Carroll Lynch) verraten – selbst mit seinen Merkmalen wird er noch als Nachfahre von immigrierten Polen behandelt, genau wie er selbst seinen Friseur als Italo-Amerikaner behandelt. Aber seine südostasiatischen Nachbarn, das ist etwas Anderes. Die hat er auch (nicht) in Korea bekämpft. Aber für ihn sind alle Asiaten gleich – oder doch nicht?
Inhalt des Films
Nachdem er seine Frau verloren hat und nochmals vermehrt feststellen muss, dass seine Söhne samt Familie alles Idioten sind, ist Walt ohnehin nicht sehr gut drauf. Da sind Nachbarn mit einer ethno-linguistischen Minorität vielleicht nicht die beste Voraussetzung, sein grimmiges Gesicht aufzulockern. Wenn dann der schweigsame Thao (Bee Vang) auch noch unfreiwillig versucht, Walts Gran Torino zu stehlen (alles als Initiationsritus für eine asiatische Gang), wundert man sich nicht, dass Flinten gegen Köpfe gehalten werden. „Runter von meinem Rasen!“ usw., usw. Aber glücklicherweise ist da noch Sue (Ahney Her), die Schwester von Thao, die Walt vor übergriffigen Schwarzen rettet und vor übergriffigen Asiaten und plötzlich ist Walt der Mann ohne Namen. Aber gut, ganz ohne Dirty Harry bekommt man Clint Eastwood auch in seinen eigenen, sehr anspruchsvollen Filmen wohl nicht. Leider spitzt sich die Situation immer weiter zu, wie man ja weiß, denn mit Gewalt auf Gewalt zu reagieren, ist nicht immer eine gute Idee.
Grundsätzlich ist es schön und überraschend lustig mitanzusehen, wie Walt immer mehr auftaut und die Hmong-Kultur über Sue kennenlernt. Er nimmt Thao unter seine Fittiche, wird in das Alltagsleben der Familie integriert und beschützt sie mit seiner Kriegserfahrung vor Bandenbelästigung. Doch Walt begeht einen Fehler. Er will ein Exempel statuieren und verprügelt ein Bandenmitglied. Das ist Angriff, keine Verteidigung. Und auf einen Angriff folgt meist ein Gegenangriff. In diesem Fall auf die schwächere Partei – Sue. Sie wird vergewaltigt und schlimm geprügelt. Walt muss also eine Lösung finden, die sowohl die Bande unschädlich macht als auch gleichzeitig die Familie schützt. Er wählt: den Märtyrertod.
Die Inszenierung
Jetzt ziehen Medien- und Kulturwissenschaftler scharf die Luft ein, stoßen sich vom Schreibtisch zurück und murmeln: „Aiaiaiaiai…!“. Und trotzdem liegt Walt (konservativ, rassistisch, von seiner Familie entfremdet, Kirchen-kritisch) tot auf der Straße, die Arme ausgebreitet wie Jesus Christus. Das ist gewagt, genau wie gefühlt alle Dialoge zuvor. Aber das bleibt auch im Kopf. Es ist provokativ, genau wie die Szene mit den sexuell-übergriffigen Schwarzen auf der Straße (ich stelle das bewusst so heraus, da es im Film eben ganz speziell „Schwarze“ sein sollen). Aber Provokation leitet Denkwege ein. Denn was ist Walt nun eigentlich, oder geht es überhaupt um Walt? Der Titel verrät, dass Walt eventuell gleichgestellt ist mit dem Gran Torino – Status, amerikanische Geschichte, Stolz und Gewalt. In Detroit, der Autostadt der USA. Gerne würde man sagen, es geht um Thao und Sue, aber das ist nicht der Fall. Sie sind ebenso Symbolfiguren wie Walt (auch wenn sehr realistisch geschriebene) und transportieren Botschaften über Identität und Kultur und Freundschaft und Aufopferung.
Fazit
Bei aller Tiefe und emotionalen Komplexität, ist Gran Torino trotzdem ein unglaublich lustiger und unterhaltsamer Film. Man geht nicht mit dem Gefühl heraus, jetzt drei Tage darüber nachdenken zu müssen, sondern mit dem Gefühl, sowieso etwas Wichtiges mitgenommen zu haben. Was genau das ist, weiß man vielleicht erst beim nächsten Spike Lee Film…
4 von 5 verbrannten Popcornkörnern.
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