Schwarze Gedanken

24.02.2018 von Marcus Pohlmann

Schwarze Gedanken

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ISBN: 978-3551765307

Format: Hardcover

Seiten: 72

Preis: 14,99

Erscheinungsdatum: 01.02.2018

Sprache: Deutsch

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Einer breiten Leserschaft ist der, vor gut 20 Jahren verstorbene, belgische Comic-Zeichner André Franquin vor allem durch Spirou und Fantasio und den chaotischen Büroboten Gaston bekannt geworden. Richten sich diese beiden Reihen eher (aber nicht nur) an Jugendliche, so sind die hier vorliegenden Schwarze Gedanken eindeutig für ein erwachsenes Publikum bestimmt. Zum 40jährigen Jubiläum der Serie veröffentlichen Carlsen Comics einen 72 Seiten starken Hardcover-Band, der sämtliche, seinerzeit in verschiedenen Zeitschriften erschienenen, Comics zusammenfasst.

Bereits das erste Bild auf dem Schmutztitel zeigt dem Leser die Richtung, in die dieser Band geht: Ein Samurai begeht traditionell Seppuku und erkennt an den herausquellenden Eingeweiden, dass er an Krebs erkrankt war.
Ein starrer, strukturierter Aufbau fehlt den einzelnen Geschichten. Die meisten Comics erstrecken sich über eine Seite, allerdings variiert Franquin dabei die Anzahl der Panels – manchmal reichen ihm nur vier oder fünf Bilder um seine Pointe unterzubringen. Gelegentlich beschränkt er sich allerdings auch auf kürzere Strips, von denen dann zwei oder drei auf einer Seite untergebracht sind. Ebenso wie eine Struktur lässt der Autor auch ein durchgängiges Thema vermissen – allerdings nimmt er sich gerne bestimmte Personengruppen vor. So versterben beispielsweise Jäger recht häufig (zur Freude der Tiere) bei der Ausübung ihres Berufes. Auch Militärs und Politiker kommen in den Comics regelmäßig vor – und werden dabei nicht unbedingt von ihrer besten Seite dargestellt. Ein Bezug zu (seinerzeit aktuellen) gesellschaftlichen Themen ist oft gegeben, so übergießt sich beispielsweise ein Demonstrant, während der Ölkrise der 1970er, auf offener Straße mit Benzin und zündet sich an. Die umstehenden Passanten sind entsetzt – doch nicht über den grausigen Selbstmord, sondern über die sinnlose Benzinverschwendung. Ein anderer Charakter wird durch den Kalten Krieg so in Angst vor einem Bombenangriff versetzt, dass er in seinem Garten einen Bunker bauen will. Bei den Ausschachtungsarbeiten löst er dabei versehentlich eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg aus und sprengt sich in die Luft. Aber auch alltägliche Szenen haben in den Schwarze Gedanken ihren Platz, so der nicht sachgemäße Umgang mit einer Kettensäge oder der Selbstmörder, dem es gelingt, sich gleichzeitig zu Erhängen, zu Ertrinken und bei einem Autounfall zu sterben.
Als kleinen Abschlussgag wird in fast jedem Comic die Signatur des Autors für eine Pointe genutzt, beispielsweise durch einen Bagger beiseite geräumt, oder von einem starken Raucher eingenebelt.

Schwarze Gedanken gehören eindeutig zu den boshaftesten Bildergeschichten die ich kenne. Franquin nimmt alltägliche Situationen, von einigen Ausnahmen abgesehen, und überspitzt diese bis hart an die Schmerzgrenze des Lesers – teilweise auch ein Stückchen darüber. Erschreckend ist dabei für mich, dass die einzelnen Comics auch so lange nach ihrer ursprünglichen Veröffentlichung immer noch funktionieren und aktuell sind. Anscheinend hat sich in den letzten Jahren nur wenig geändert: Das Militär erfüllt sich, gestützt von Politik und Industrie, jeden Wunsch, Menschen- und Tierrechte bleiben auf der Strecke und die Umweltverschmutzung bekommen wir auch nicht in den Griff. All das hat der Autor schon in den 1970ern mit spitzer Feder auf Papier gebracht. Die Sammlung des Materials ist, soweit ich das sehe, vollständig, allerdings vermisse ich Informationen zu André Franquin selbst und der Entstehung dieser Comics. Dafür muss der interessierte Leser auf den parallel von Carlsen Comics veröffentlichten Band Es waren einmal Schwarze Gedanken zurück greifen.
Der Zeichenstil den Franquin in Schwarze Gedanken nutzt, ist ausgesprochen ungewöhnlich. Häufig sind die Figuren komplett schwarz gehalten, mit weißen Details; nur selten nutzt er die klassische Farbgebung. Die Farbe Schwarz kommt großzügig für Hintergründe, aber auch Motive zum Einsatz. Dabei sind die Zeichnungen durchaus detailliert und in einem cartoonartigen Stil gehalten. Der Hardcover-Band selbst macht einen sehr wertigen, aber auch düsteren Eindruck, was zu einem guten Teil am schwarzen Vorsatzpapier liegen dürfte.

Die Schwarze Gedanken haben seit ihrem erstmaligen Erscheinen praktisch nichts von ihrer Aktualität und Bissigkeit verloren. Ob dies nun an Franquins Weitsicht liegt oder daran, dass sich unser Verhalten nicht geändert hat, muss der Leser selbst entscheiden.

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