Wolsung

25. Juli 2013 von Marcus Pohlmann

Wolsung

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Erscheinungsdatum: 01.10.2012

Sprache: Englisch

Polen ist hierzulande vor allem für seinen ausgesprochen guten Wodka und die deftige Küche berühmt. Nicht ganz so bekannt ist, dass sich in den letzten Jahren in unserem Nachbarland eine lebendige Spieleszene entwickelt hat, die neben Brettspielen auch Tabletops und Rollenspiele umfasst. Ein Beispiel dafür ist das, bereits im Jahr 2009 veröffentlichte, Rollenspiel Wolsung vom Verlag Kuznia Gier. Erst seit Kurzem ist dieses, von den Autoren als „Steam Pulp Fantasy“ bezeichnete, Setting nun auch in englischer Sprache erhältlich. Und mit der Redaktion Phantastik hat sich der Verlag einen deutschen Vertriebspartner ins Boot geholt, der schon über einige Erfahrungen in verwandten Genres verfügt.

Das erste Kapitel nimmt nur wenige der 512 Seiten in Anspruch und bietet lediglich einige erläuternde Worte zum Spiel selbst. Auch eine Liste der Inspirationsquellen, bei denen sich die Autoren bedient haben und die auch Spielleiter und Spielern gute Dienste leisten wird, findet sich hier. Das Spektrum reicht dabei von klassischer Literatur wie beispielsweise Jules Verne oder Arthur Conan Doyle über das Actionkino à la Indiana Jones oder Tomb Raider bis hin zu Computerspielen.
Für die Spieler wird es mit dem zweiten Kapitel so wirklich interessant, da hier die Charaktererschaffung im Vordergrund steht. Zu Beginn wird der Archetyp jedes Charakters festgelegt, dabei stehen Draufgänger, Forscher, Ermittler oder Angehörige der feinen Gesellschaft zur Auswahl, diese sagen in erster Linie etwas über die Lebensanschauung des Charakters aus. Erst danach legt der Spieler die Rasse seines Charakters fest, wobei er zwischen acht Völkern wählen kann. Natürlich gibt es Menschen, Zwerge und Elfen, aber auch Oger, Gnome, Orks, Halblinge und Trolle sieht das System vor. Jede dieser Rassen verfügt über ganz eigene Vorzüge und Nachteile und bietet für jeden Spielstil und Hintergrund die passende Bandbreite. Damit ist die Charaktererschaffung keineswegs abgeschlossen muss auch noch eine Nationalität festgelegt werden, die im ersten Moment aber nur wenig Einfluss auf den Charakter hat. Schließlich darf auch eine Liste mit Berufen nicht fehlen, welche noch einmal mit ihren Besonderheiten den Charakter abrunden. Auch hier decken die Autoren ein recht großes Spektrum, vom Antiquar über den Detektiv bis hin zum Technomancer, dem klassischen verrückten Wissenschaftler, ab. Zu guter Letzt gibt es noch eine Reihe von Attributen, Fähigkeiten und besonderen Vor- und Nachteilen, die einen Charakter den letzten Schliff geben.
Erstaunlich kurz ist das Kapitel ausgefallen, das sich mit den eigentlichen Regeln auseinander setzt. Im Kern geht es lediglich darum mit einer bestimmten, von der jeweiligen Fähigkeit und dem Erfahrungsgrad abhängigen, Anzahl zehnseitiger Würfel, eine vom Spielleiter festgelegte Schwierigkeit zu erreichen. Fehlschläge lassen sich dabei immer noch durch den Einsatz von, zu Beginn der Spielsitzung gezogenen, Karten und Chips abmildern. Diese bringen Boni oder gar Extra-Würfel, sodass auch gewagte Aktionen Chancen auf Erfolg haben. Neben den Würfen auf eine feste Zielzahl gibt es zudem noch die Konfliktsituationen, die sich in die drei Untergruppen Kampf, Verfolgung und Diskussion aufteilen. Diese kommen allerdings nur bei wirklich wichtigen Ereignissen innerhalb des Szenarios zum Einsatz, da die Regeln etwas aufwändiger sind und die Konsequenzen beim Scheitern wesentlich gravierender. Auch werden in diesem Kapitel die Grundlagen für den Einsatz von Magie erläutert, die im Spiel zwar keine zentrale, aber doch eine wichtige Rolle spielt.
Das vierte und umfangreichste Kapitel widmet sich dem Hintergrund der Spielwelt. Hier erfahren die Spieler alles, was sie über das Zusammenspiel von Magie und Technologie wissen müssen, aber auch Politik, Geschichte, Wirtschaft und Geographie der jeweiligen Länder werden ausführlich behandelt. Die Spielwelt von Wolsung ähnelt dabei sowohl im Aussehen als auch in der politischen Struktur unserer eigenen Welt. Auch die technologischen Entwicklungen haben durchaus ihre irdischen Entsprechungen gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Was die Angelegenheit jedoch besonders interessant macht, ist die Einbindung der fantastischen Elemente, seien dies nun Rassen wie Zwerge und Orks, der Einsatz von Magie oder die Legenden der Spielwelt aus denen der Spielleiter eigene Abenteuer bauen kann. Diese Grundprämisse erinnert ein wenig an Shadowrun oder das grandiose Computerspiel Arcanum aus dem Jahr 2001. Doch haben die Autoren auch nicht an eigenen, merkwürdigen Ideen gespart, beispielsweise die Halbling-Mafia, einen untoten Reichskanzler oder den Einfluss von Drachen.
Besonders Spielleiter werden im fünften Kapitel angesprochen. Hier bekommen sie die obligatorischen Hinweise zum Leiten einer Runde, viel wichtiger sind aber die ausführlichen Vorschläge zum Ausgestalten von Abenteuern. Hier geht der Band intensiv auf jede Nation, Organisation, Religion, Magieschule oder Legende ein und erlaubt es so dem Spielleiter seinen Nutzen daraus zu ziehen. Neben diesen ganzen Informationen enthält der Teil des Bandes auch die Abenteuer „In The Shadow Of The Silent Forest“, „Around The World In Eighty Days“ und „The Sky Over Heimburg“, die alle gut geeignet sind, den Spielern relativ einfach die fantastische Welt von Wolsung näher zu bringen.
Das letzte Kapitel nimmt sich schließlich allen Kreaturen an, die den Charakteren im Laufe ihrer Abenteuer begegnen und gegebenenfalls das Leben schwer machen können. Zumeist reichen einige Zeilen mit Beschreibung und die regeltechnischen Angaben aus. Manche Personen und Wesen werden dagegen ausführlicher beschrieben, teilweise auch mit entsprechenden Illustrationen oder Hinweisen zum Spielen mit möglichen Ansatzpunkten für ein Abenteuer. Die Bandbreite hier reicht von Standard-Gegnern wie Zombies oder einfachen Straßen-Schlägern zu solch exotischen Kontrahenten wie dem Toten Prinz, einem mächtigen Vampir oder dem berühmten Troll-Boxer Max Schmeling. Die letzten Seiten des Bandes sind schließlich einem Index vorbehalten, der die Orientierung in diesem umfangreichen Buch erheblich erleichtert.

Erfahrenen Rollenspielern wird sicherlich vieles bei Wolsung bekannt vorkommen, so bestehen die Regeln weitgehend aus Versatzstücken anderer Systeme und auch der Hintergrund kann (und will) seine Herkunft nicht verleugnen. Dennoch funktioniert die Kombination aus Würfel, Karten und Chips schon nach kurzer Eingewöhnungszeit recht flüssig und die Spieler können sich voll und ganz auf die Darstellung ihrer Charaktere konzentrieren. Diese können mit aberwitzigen, filmreifen Aktionen davon kommen, ohne dabei großartig Gefahr zu laufen, das Zeitliche zu segnen. Auf der einen Seite sorgt dies natürlich dafür, dass die Spieler Spaß haben, aber auf Dauer dürfte etwas der Kick fehlen, durch unbedachte Aktionen einen liebgewonnenen Charakter zu verlieren.
Ein ganz besonderes Augenmerk haben die Autoren auf die Ausarbeitung ihrer Spielwelt gelegt und versucht, möglichst viele Aspekte sowohl des Fantasy- als auch des Steampunk-Genres abzudecken. Zumeist gelingt ihnen dies auch recht gut, und nur ganz selten hat der Leser den Eindruck, dass der Hintergrund ein wenig zu überfrachtet ist. Dazu kommen noch viele gelungene, originelle Ideen, die wunderbar in das gesamte Konzept passen und dafür sorgen, dass sich das Spiel nicht selbst zu ernst nimmt.
Das Layout des Bandes ist recht zweckmäßig: Zweispaltiger Blocksatz, gelegentlich aufgelockert durch einige schwarz-weiße Illustrationen. Dafür gibt es zwar im Jahr 2013 keinen Design-Preis, doch erfüllt das Buch seinen Zweck durchaus. Negativ auf das Leseverhalten wirkt sich allerdings die Kombination des recht kleinen Formats mit der hohen Seitenzahl aus. Das Buch bleibt nicht aufgeschlagen liegen und das Umblättern beansprucht die Bindung über Gebühr. Schön wäre es auch gewesen, alle benötigten Tabellen und andere wichtigen Angaben gesammelt am Ende des Buches zu finden. Stattdessen sind diese über den Band verstreut und, gerade zu Beginn, hindert dies den Spielfluss ungemein. Auch fehlt mir ein Charakterbogen und ein oder mehrere großformatige Landkarten um den Überblick zu verbessern. Immerhin gibt es das Gesuchte auf der Homepage des Verlags, zusammen mit einem Abenteuer und nützlichen Zusammenfassungen.
Nur um etwaiger Verwirrung vorzubeugen, sollte noch angemerkt werden, dass es unter dem Namen Wolsung auch ein Skirmish-Tabletop von Micro Art Studios gibt, dass sich mit dem hier vorgestellten Rollenspiel Hintergrund und Artworks teilt.

Das selbstgesteckte Ziel ein „Game Of Cinematic Action“ zu veröffentlichen ist dem Autorenteam zweifellos gelungen und bietet kurzweilige Unterhaltung für die Steampunk-interessierte Rollenspiel-Runde.

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