Lovecrafter Nr. 0

21. November 2016 von Marcus Pohlmann

Das großartige Fanzine Cthulhus Ruf, dessen Schwerpunkt auf Material für das Rollenspiel H.P. Lovecrafts Cthulhu lag, wurde leider im Sommer nach nur zehn Ausgaben eingestellt. An dessen Stelle soll nun der Lovecrafter treten, herausgegeben von der Deutschen Lovecraft Gesellschaft e.V. und konzipiert als eine Mischung aus Vereinsmagazin, Support für das Rollenspiel und Sammelbecken für Informationen rund um Leben und Werk des 1937 verstorbenen Schriftstellers. Die 60 Seiten starke Nr. 0 des Fanzines wurde auf der diesjährigen SPIEL in Essen vorgestellt und konnte dort, auch von Nicht-Vereinsmitgliedern, erstmalig käuflich erworben werden.

Acht Seiten sind für Inhaltsverzeichnis, Vorwort und einige Vereinsinterna reserviert, danach folgt der erste eigentliche Artikel. Dabei handelt es sich um ein Interview mit Philipp Hermann, dem Schöpfer der Encyclopaedia Necronomica, die vor kurzem über eine Crowdfunding-Plattform veröffentlicht wurde. Ziel dieses Werkes war es die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Werken Lovecrafts und anderer Autoren aufzeigen und so auch “Nicht-Kultisten” den Einstieg in den Cthulhu-Mythos erleichtern. Der interessierte Leser bekommt in dem Interview Einblicke in den Entstehungsprozeß des Buches, kann einen Blick auf die verwendeten Artworks werfen und lernt den Macher etwas besser kennen.
Daran schließt sich ein Rückblick auf das Live-Rollenspiel-Event zu Gatsby und das Große Rennen (die Rezension zum Abenteuer gibt es HIER) im Januar 2016 an. Einige begleitende Texte und Bilder der Veranstaltung vermitteln den Zuhausegebliebenen einen Eindruck von dem, was sie verpasst haben.
Mit “Jahreswechsel im Hansen-Haus” liefert der Lovecrafter dem Leser dann auch etwas spielbares Material. In der Silvesternacht 1930 treffen sich in diesem kleinen Abenteuer fünf Studienfreunde in einem abgelegenen Haus im Norden Deutschlands. Wie bei solchen Treffen üblich brodeln hinter der freundschaftlichen Oberfläche Konflikte, die im Laufe des Abends immer stärker aufbrechen. Ob diese Konflikte nur in der Vergangenheit der Charaktere zu suchen sind oder verschiedene mysteriöse Artefakte einen Einfluss haben, gilt es bis Mitternacht herauszufinden.
Diesem Abenteuer folgt ein weiteres Interview, diesmal mit den Verantwortlichen des Berliner Golkonda Verlags. Neben neuen Übersetzungen verschiedener Lovecraft-Werke steht bei der Verlagsarbeit vor allem die Sekundärliteratur zum Autor im Mittelpunkt. Vieles dreht sich dabei um die deutsche Version von I am Providence von S. T. Joshi, die im Winter erscheinen soll.
Der letzte Artikel des Heftes ist, etwas provokant, betitelt mit “Lovecraft – Ein Autor verstaubter Horrorgeschichten?” und setzt sich letztendlich mit der Frage auseinander ob das kosmische Grauen des Cthulhu-Mythos auch heute noch funktionieren kann. Autor Steffen Waschul pickt sich dabei die Geschichte von Herbert West, dem Re-Animator heraus und stellt dabei die literarische Vorlage aus dem Jahr 1922 und den 1985 erschienenen Splatter-Film gegenüber.

Alles in allem legt die Deutschen Lovecraft Gesellschaft e.V. mit der Null-Nummer ihres Vereinsmagazins eine recht ausgewogene Mischung vor. Die Artikel und Interviews liefern einige interessante Einblicke rund um das Thema „Lovecraft“, auch abseits des Rollenspiels. Mir hätte dabei allerdings noch ein Überblick zu den zahlreichen Film- und Spielprojekten gut gefallen, die sich derzeit mit dem Cthulhu-Mythos beschäftigen. Das Abenteuer von Simone Bischoff ist nicht unbedingt typisch für H.P. Lovecrafts Cthulhu bietet den Spielern dafür aber viele Möglichkeiten sich intensiv mit ihren eigenen Charakteren und denen der Mitspieler auseinander zu setzen. Auch die Bilder vom “Gatsby-Event” machen Lust auf mehr und dienen gleichzeitig als Inspirationsquelle.
Ein stärkerer Fokus auf das Rollenspiel wäre mir persönlich zwar lieber gewesen, aber die Ausrichtung des Lovecrafter ist ja von den Machern bewußt recht breit gewählt. Wie (und ob) sich der inhaltliche Schwerpunkt noch verschieben wird, werden dann die kommenden Ausgaben zeigen.
Gestaltung und Druck bewegen sich, für ein Fanzine, auf einem extrem hohen Niveau. Das Format liegt irgendwo zwischen DIN A4 und DIN A5 (aber immer noch im Goldenen Schnitt) und kann auch vom Layout voll überzeugen. Die Auswahl des Bildmaterials ist durchgängig gelungen und steht früheren Veröffentlichungen in nichts nach.

Aus Sicht des Rollenspielers bietet der Lovecrafter Nr. 0 nicht wirklich viel verwertbares Material, taucht dafür aber tiefer in die Materie ein und riskiert einen Blick über den Tellerrand.

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