Rezension von Jens Fleischhauer Autor: Müller, Stefan
In Sprachen hat die Syntax die Aufgabe Konstituenten zu größeren Komplexen zu verknüpfen. Dabei geht es etwa darum, in welcher Position die Argumente eines Verbs realisiert werden oder wie eine Frage ausgedrückt wird. Einzelne sprachliche Konstituenten, wie etwa Verben oder Nomen, werden in der Syntax zu größeren Bedeutungszusammenhängen komponiert. Vereinfacht ausgedrückt: Wörter werden zu bestimmten Gruppen kombiniert und diese Gruppen wiederum zu Sätzen.
In der Behandlung der Syntax wird versucht zu analysieren, nach welchen Regeln solche Kompositionen in Sprachen gemacht werden können. Über eine Formalisierung der Beschreibung von syntaktischen Strukturen kann man eine Verallgemeinerung erhalten, die Vorhersagen und Erklärungen erlaubt. Man gibt somit nicht nur eine Liste korrekt gebildeter Sätze in einer Sprache an, eine solche Liste wäre immer endlich und daher unzureichend, sondern man zeigt die Gesetzmäßigkeiten auf, nach denen Sätze einer Sprache generiert werden können. Auf diese Weise verdeutlicht man, dass man versteht, wie Sprache, in diesem Fall Syntax, funktioniert.
Je nachdem wie man in der Syntax formalisiert gelangt man zu anderen Theorien. Jede Theorie hat einen bestimmten Formalismus von dem sie annimmt, dass mit diesem Formalismus die Syntax natürlicher Sprachen adäquater oder im Bezug auf eine bestimmte Problemstellung, etwa die Implementierung natürlicher Sprachen in Computerprogrammen, besser beschrieben wird. In manchen Theorien gibt es Phänomene die nicht ohne weiteres Erklärt werden können, sodass man auch dies als Motivation für andere Ansätze sehen kann. In der Head-Driven Phrase Structure Grammar (HPSG) geht man von so genannten Merkmalsstrukturen aus, die Beschreibungen linguistischer Objekte sind. So werden etwa linguistische Objekte über mit Werten spezifizierte Merkmale dargestellt, ein Beispiel ist das linguistische Objekt Mannes, der die folgenden Merkmale mitsamt der dahinter angegeben Werte enthält (S. 27):
Kasus: Genitiv
Genus: Maskulin
Numerus: Singular
Person: 3
Eine Frage die auftritt ist natürlich, warum man die Merkmale wählt, die angegeben sind und nicht vielleicht mehr oder andere und ob man vielleicht auch andere Objekte mit anderen Werten beschreiben kann. Den Merkmalsstrukturen ist ein ganzes Kapitel gewidmet, in dem vor allem auch die gerade genannten Fragen ausgiebig und unter Verweis auf umfassende Literaturangaben diskutiert wird.
Grammatikregeln werden nun auch in den Formalismus der HPSG übersetzt, sodass man, wie auch in anderen Theorien, syntaktische Bäume angeben könnte, die im Falle der HPSG jedoch Merkmalsstrukturen darstellen. So beginnt etwa das vierte Kapitel mit dem Thema „Die Modellierung von Konstituentenstruktur mit Hilfe von Merkmalsstrukturen“. Das erste was man dort liest ist, dass in der HPSG Lexikoneinträge, morphologische und syntaktische Regeln allesamt auf dieselbe Weise beschrieben werden, nämlich als Merkmalsstrukturen. Soweit sind dies die Grundlagen, die einen sehr vagen Einblick in die HPSG erlauben. Selbstverständlich ist die Darstellung im Buch sehr viel umfangreicher und erläutert das, was ich angerissen habe, in sehr verständlicher und ausführlicher Weise. An zahlreichen Beispielen wird verdeutlicht was eigentlich gemeint ist, sodass ein Nachvollzug des Beschriebenen problemlos gelingen sollte.
Zur Einführung findet man im ersten Kapitel einige Worte zur HPSG, vor allem wird dieser Formalismus im Bezug auf andere Syntaxtheorien eingeordnet und mit der generativen Grammatik in Verbindung gesetzt. Man kann diesen Bezug zur generativen Grammatik an vielen Stellen im Buch wieder finden und es ist sehr viel leichter einen Zugang zu diesem Buch zu finden, wenn einem die Grundbegriffe aus der generativen Grammatik bereits vertraut sind. Dennoch gibt es einführend einige Erläuterungen, etwa zum Begriff der Konstituente, zu Konstituententests, sowie zu den Begriffen Kopf, Argument und Adjunkt. Man findet die notwendigen Erläuterungen also auch in diesem Buch, sodass man als ambitionierter Leser die Grundlagen nicht mitbringen muss.
Das zweite Kapitel hatte ich bereits angerissen, in diesem wird der Formalismus eingeführt, man kann es als eines der zentralsten Kapitel zur HPSG ansehen, da dieser Formalismus, wie beschrieben, das grundlegende Format in der HPSG ist. Mit Valenz und Grammatikregeln befasst sich Kapitel Drei und stellt dort auch alternative Ansätze vor, vor allem hier ist der Bezug auf die generative Grammatik zu spüren. Einen Rückgriff auf im ersten Kapitel erläuterte Grundbegriffe wird im vierten Kapitel gemacht, dort geht es dann um Kopf-Argument-Strukturen. Insgesamt folgen noch sechzehn weitere Kapitel die folgende Themen behandeln: Semantik; Spezifikation und Adjunktion; Lexikon; ein topologisches Modell des deutschen Satzes; Konstituentenreihenfolge; nichtlokale Abhängigkeiten; Relativsätze; Lokalität; Kongruenz; Kasus; Verbalkomplex; Kohärenz, Inkohärenz, Anhebung und Kontrolle; Passiv, Partikelverben: Morphologie und schließlich als letztes findet sich ein Kapitel zur Frage, wie man eine gute Theorie bewertet und welche Evidenzen man finden kann, um zwischen alternativen Theorien zu entscheiden.
Die HPSG stellt eine alternative Syntaxtheorie etwa zur Lexical Functional Grammar oder der generativen Grammatik dar. Das vorliegende Buch bietet eine Einführung in die HPSG und ist zugleich darauf ausgerichtet, diese im Bezug auf die deutsche Sprache zu erläutern. Aber man hat keine HPSG-Grammatik der deutschen Sprache. In Ganzen beschreibt dieses Buch die zentralen Annahmen und Formalismen der Theorie und ihre Anwendung auf sprachliche Phänomene, wie etwa Kongruenz, Relativsätze oder Passiv.
Dem Buch liegt eine CD bei, auf der man einerseits die Grammatik, die im Buch beschrieben sind, ansehen kann und zum anderen bietet es einige weitere Tools die eine Visualisierung etwa des Parsing erlauben. Man kann somit ein wenig mit dem Stoff aus Buch hantieren und ein Gefühl für die Grammatiken und den HPSG Formalismus entwickeln.
Der Inhalt des Buches ist komplex und behandelt eine nicht einfache Thematik. Für Studierende sprachwissenschaftlicher Fächer ist dieses Lehrbuch aber durchaus geeignet und auch in seinem Aufbau didaktisch wohlüberlegt. Gerade auch das einführende Kapitel zu Anfang und der Vergleich zur verbreiteten generativen Grammatik erlauben einen guten Einstieg in Materie. Mit diesem Buch liegt somit ein sehr interessantes und auf dem neusten Forschungsstand befindliches Lehrbuch vor, zu dem man nur raten kann, wenn man Interesse an Syntax hat, vor allem für Computerlinguisten ist die HPSG sehr interessant, sodass dieses Buch in diesem Interessentenkreis einen großen Niederschlag finden dürfte. Eine Stärke des Buches ist es vor allem, dass nicht nur syntaktische Phänomene, sondern auch morphologische und semantische Phänomene eine Berücksichtigung finden und besonders die Kompositionalität einen hohen Stellenwert in diesem Buch findet. Damit deckt es nicht nur einen breiten Phänomenbereich ab, sondern erlaubt auch den Vergleich mit anderen Theorien, der im Buch immer wider explizit vorgenommen wird. Dadurch werden Stärken und Schwächen der HPSG sehr deutlich herausgearbeitet und gerade für den Studenten eine Einordnung der HPSG in die Vielfalt der Theorien sehr viel besser möglich. Dies sind allesamt Vorzüge, diese sehr gelungene Einführung noch zusätzlich abrunden.
Wertung:Gesamt:
Anspruch:
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Infos:Autor:
Müller, Stefan
Verlag:
Stauffenburg
Erschienen:
01.03.2007
Kritiker:
Jens Fleischhauer
ISBN oder ProduktID:
9783860572917
Seiten:
440
Preis:
35 €
Typ:
Taschenbuch