The Tiger Lillies – The Story Of Franz Biberkopf

1. Mai 2016 von Marcus Pohlmann

The Tiger Lillies - The Story Of Franz Biberkopf

Musiker:

Label:

Genre:

Laufzeit: 58 Minuten

Tracklist:
01 – No One's Clown
02 – Job's Song
03 – Fresh Flesh
04 – Reaper Called Death
05 – Biberkopf
06 – King Of Berlin
07 – Sin City
08 – In Love With The Moon
09 – Earn The Cake
10 – Reinhold
11 – You Lost Your Heart In Heidelberg
12 – Tick Tock
13 – Onward Christian Soldiers Now

Erscheinungsdatum: 04.12.2015

Sprache: Englisch

Dem einen oder anderen dürfte der Roman Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin sicherlich bekannt sein; oder doch zumindest eine der Verfilmungen, die es im Laufe der Jahre seit seinem Erscheinen 1929 gab. Die Regisseurin Stephanie Mohr adaptierte die Geschichte Ende letzten Jahres im Schauspiel Frankfurt für die Theaterbühne und arbeitete dabei mit dem britischen Trio The Tiger Lillies zusammen, die im Stück eine recht exponierte Rolle übernehmen.
Da der Roman ganz dem üblichen Sujet der Band entspricht ist es auch kein Wunder, dass aus der Kooperation zwischen Regisseurin und den Musikern mit The Story Of Franz Biberkopf ein komplettes Album entstanden ist, dass über Misery Guts Music als Digi-Pack veröffentlicht wird.

Zu Beginn stellt die Band dem Hörer mit „No One’s Clown“ den Protagonisten des Stückes vor, eben jenen Franz Biberkopf, der grade eine Strafe wegen Totschlags abgesessen hat und nun versucht ein anständiges Leben zu führen. Während das Klavier ohne erkennbare Melodie durch das Stück klimpert, sorgen Bass und Schlagzeug für eine rigide Struktur und werden dabei dezent von Streichern unterstützt. In „Fresh Flesh“ macht der Hörer dann zum ersten Mal die Bekanntschaft von Reinhold, der sich zur Nemesis von Franz entwickeln wird und diesen wieder auf die schiefe Bahn bringt. Fängt das Stück noch relativ gefällig mit Orgel und Schlagzeug an, so deutet die singende Säge schon an, in welche Abgründe sich die Band im Mittelteil begibt. Jegliche Melodie und Rhythmus verschwinden und die Rufe Reinholds nach frischem Fleisch werden immer lauter und irrer. Dieser Wechsel zwischen normalem und wahnsinnigem Part wiederholt sich dann noch einmal bevor der Track ausklingt. „King Of Berlin“ ist mit seinen dominanten Akkordeon-Parts, dem eindringlichen Refrain und dem an einen Tango erinnernden Aufbau wahrscheinlich eines der zugänglichsten und intensivsten Stücke auf dem Album, dass dabei schon fast als normale Musik durchgehen. Von Dissonanzen geprägt und von einem sturen Schlagzeug getragen führt „Sin City“ den Hörer auf einen Streifzug durch die Berliner Halb- und Unterwelt des Jahres 1929. Das gelegentliche „Twang“ der Maultrommel und der mehrstimmige Gesang verstärken dabei das verstörende Hörerlebnis. Nur um den Kontrast zu den vorangegangenen Stücken zu verstärken folgt mit „In Love With The Moon“ ein kleines, romantisches Liebeslied, bei dem die Band zusammen mit Streichern und Klavier eine ruhige, gelöste Atmosphäre erzeugt und Mr. Jacques tatsächlich einfach nur singt ohne wild zu kichern oder Obszönitäten auszustoßen. Zu Beginn des Albums wurde schon auf den Antagonisten des Stückes eingegangen. Nun bekommt er mit „Reinhold“ sein eigenes Stück, wenn auch das kürzeste auf The Story Of Franz Biberkopf. Hier übernehmen Saxophon, gespielt vom Gastmusiker Ole Tholen, und Akkordeon die Führung während sich die anderen Musiker darauf beschränken dem Ganzen eine passende Untermalung zu geben. Einen weiteren Ruhepunkt setzt die Band mit „You Lost Your Heart In Heidelberg“: Mietze ist tot, Franz wird wegen des Mordes und anderer Verbrechen gesucht, seine Freunde wenden sich von ihm ab und Reinhold, der wahre Schuldige, ist noch auf freiem Fuß. Wieder sind es Klavier und Streicher die bei dem Stück den Ton angeben, während Bass und Schlagzeug sich weitgehend im Hintergrund behalten. Hier demonstriert Martyn Jacques eindrucksvoll, dass er tatsächlich singen kann und liefert die wahrscheinlich intensivste Leistung des ganzen Albums ab. Eine tolle, ungewöhnlich schnulzige Nummer, die aber hervorragend zur Situation des Protagonisten passt. Abgeschlossen wird der Silberling mit „Onward Christian Soldiers Now / Slain“, bei dem sich Marschmusik mit ruhigen Passagen abwechselt und das Schlagzeug und der mehrstimmige Gesang einen zentralen Part einnehmen. Beginnt der Track noch eher langsam und gemächlich, so steigert er kontinuierlich Geschwindigkeit und Druck bis noch knapp vier Minuten abrupt Schluss ist. Nach knapp zehn Minuten Leerlauf endet das Album dann tatsächlich mit „Slain“, einer weiteren extrem entschleunigten Nummer, die lediglich mit Gesang und Klavier auskommt und einen passenden Schlusspunkt unter die Geschichte vom Franz Biberkopf setzt.

Zu behaupten, dass The Tiger Lillies eine ungewöhnliche Band sind, wäre sicherlich eine Untertreibung. Der Falsett-Gesang von Martyn Jacques, die verwendeten Instrumente wie Akkordeon, Theramin, Maultrommel oder singende Säge und die Texte, die sich fast ausschließlich um die abseitigen Aspekte menschlichen Zusammenlebens drehen, ergeben eine sehr spezielle Mischung, mit der sich nicht unbedingt jeder Hörer anfreunden kann. Betrachtet man die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Reichshauptstadt zwischen den Kriegen, so ist die Theaterfassung von Berlin Alexanderplatz praktisch wie für diese Band gemacht. Tatsächlich funktioniert das Album deutlich besser, wenn der Hörer zumindest eine grobe Vorstellung hat, um was es in dem Roman geht oder gar das Theaterstück gesehen hat. Einzelne Lieder, beispielsweise „King Of Berlin“ oder „Sin City“, funktionieren zwar auch für sich genommen recht gut, aber die meisten anderen Tracks wie „Earn The Cake“ oder „No One’s Clown“ machen eigentlich nur im größeren Zusammenhang Sinn.
Aufgenommen und produziert in London und Berlin präsentiert sich die CD technisch auf einem recht hohen Niveau. Der Klang ist klar und sauber, was vor allem dem Falsett-Gesang zu Gute kommt, den verzerrten Parts mehr Wirkung gibt und es dem Hörer ermöglicht, fast jedes Instrument zu identifizieren. Das Booklet enthält neben den Texten auch einige Illustrationen und Fotos, die zum verstörenden Gesamteindruck beitragen.
Wer sich beeilt, kann vielleicht sogar noch Karten für die letzten drei Vorführungen Ende Mai 2016 im Schauspiel Frankfurt ergattern und sich selbst ein Bild davon machen, wie gut die Musik von The Tiger Lillies zu dem Stück passt.

Ein schräges, merkwürdiges Album, dass den Hörer ins Berlin der späten 1920er Jahre entführt und sich erfolgreich jedem Versuch widersetzt, in irgendeine Schublade gesteckt zu werden.

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