The Bollock Brothers

16. Februar 2016 von Marcus Pohlmann

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Musiker:

Genre: , ,

Veranstaltungsdatum: 06.02.2016

Veranstaltungsort: Das Bett »

Um das Jahr 1990 herum entdeckte ich The Bollock Brothers oder The Famous B. Brothers, wie sie sich seinerzeit nannten, für mich. Die Mischung aus leicht versponnenen, abstrusen Texten, eingängigem Sound und sehr charakteristischem Sprechgesang übte eine unbestreitbare Faszination auf mich aus und schon nach kurzer Zeit hatte ich fast alle Alben der Band im Schrank stehen, bekam aber nie die Gelegenheit sie live zu erleben. Irgendwann verlor ich die Band dann aus den Augen und lediglich einige Stücke auf meiner Playlist hielten sie mir in Erinnerung.
Wie es nun mit vielen Bands aus dieser Ära auch der Fall ist, so tauchten The Bollock Brothers vor einigen Jahren wieder aus der Versenkung auf und begannen ausführlich zu touren, so dass ich endlich den schon lange überfälligen Konzertbesuch nachholen konnte. Im vorletzten Jahr hatte ich leider keine Zeit auf den Gig der Band zu gehen, letztes Jahr hätte es mit meinen Terminen funktioniert, allerdings wurde der Auftritt kurzfristig abgesagt; doch nun sollte dem lange geplanten Konzertbesuch eigentlich nichts mehr im Wege stehen.

Die Schlange vor dem Ticketschalter war überschaubar, auch im Bett selbst war noch nicht so viel los, so dass ich mir in Ruhe noch etwas zu trinken holen und einen Blick auf das recht umfangreiche Merchandise-Sortiment werfen konnte.

JP Kennedy - der Inbegriff des irischen Straßenmusikers

JP Kennedy – der Inbegriff des irischen Straßenmusikers

War der Konzertbeginn eigentlich für 20.30 Uhr angesetzt, so betritt erst eine halbe Stunde später JP Kennedy die Bühne, der an diesem Abend die Aufgabe hat, die mittlerweile deutlich zahlreicheren Besucher auf die Hauptband einzustimmen. Mit den leicht zotteligen roten Harren, einem ebensolchen Bart und einer Akustikgitarre vor der Brust sieht er praktisch wie der Inbegriff des irischen Straßenmusikers aus. Das Set verstärkt dann auch diesen Eindruck, besteht es doch aus Folk-Klassikern wie „Dirty Old Town“ oder dem unvermeidlichen „Whisky in the Jar“, ergänzt um einige nette Eigenkompositionen wie den nicht sonderlich ernst gemeinten „Hangover in Hannover“ oder „Las Vegas in the Hills of Donegal“. Ebenso wichtig wie die Musik ist ihm dabei auch die Interaktion mit dem Publikum; Mr. Kennedy hat fast zu jedem seiner Lieder eine Kleinigkeit zu erzählen und macht den einen oder anderen Scherz, wobei die Nachfrage wie Eintracht Frankfurt in der Bundesliga an diesem Tag gespielt hat nicht ganz so gut ankommt. Am Ende des gut halbstündigen Auftritts verabschiedet sich der Musiker schließlich mit einer sehr ungewöhnlichen, aber hörenswerten, Version des The Undertones-Hits „Teenage Kicks“ in den Backstage-Bereich.

Bollock Brothers - M Mikrofon: Jock McDonald

Bollock Brothers – M Mikrofon: Jock McDonald

Obwohl die Instrumente schon auf der Bühne aufgebaut sind, lassen sich die Bollock Brothers dann doch ein bisschen viel Zeit und betreten kurz vor 22 Uhr, angeführt von Bassist Richard Collins, die Bühne des Bett. Als letzter schlendert schließlich ein älterer Herr in in dunkelblauem Anzug, scheußlicher Krawatte und modisch-blondierter Stachelfrisur ans Mikrofon. Dabei handelt es sich jedoch nicht, wie das Aussehen vermuten lässt, um einen in Würde gealterten Handelsvertreter sondern um Jock McDonald, Sänger, Kopf und letztes verbliebenes Gründungsmitglied der Band. Doch schon nach der netten Begrüßung und den ersten Zeilen des Openers macht sich bei Mr. McDonald leichter Unmut breit, da sein Mikrofon den nötigen Wumms vermissen lässt. Nachdem die Diskussion, wer das lauteste Mikrofon hat jedoch zur Zufriedenheit aller Beteiligten geklärt ist macht die Band einen erneuten Anlauf. Bei „Four Horsemen“, einem meiner Lieblingsstücke, kommen die Vocals dann auch deutlich druckvoller und die Zuschauer feiern nach Kräften. Beim folgenden „Horror Movies“ sind es vor allem die Keyboard-Passagen die das Stück tragen, während der Refrain irgendwie etwas unkoordiniert wirkt. Jock McDonald ist augenscheinlich mit der Technik und mit der Performance der Band immer noch nicht so wirklich zufrieden und bittet mehrfach beim Publikum um etwas Geduld und verspricht, dass es besser wird, je länger das Konzert dauert. Für „Cyberspace Polaroid“ steuert die reizende Mademoiselle Elodie einige Vocals bei, die man in dieser Intensität gar nicht von solch einer zierlichen Person erwartet hätte. Zwischendurch schiebt die Band noch ein kurzes Cover von Rod Stewart ein, bevor es mit dem eigentlichen Stück weitergeht; vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, aber sicherlich nicht schlecht. Danach folgt ein großartiges „Best Of“-Set, das neben „Woke Up This Morning And Found Myself Dead“, „Henry The 8th“, dem wahrscheinlich bekanntesten Stück der Band, „Harley David (Son of a Bitch)“, und dem swingenden „Jack The Ripper“ auch meinen ungeschlagenen Liebling „King Rat“ umfasst.

Jock McDonald erzählt kleine Anekdoten aus seinem bewegten Musikerleben

Jock McDonald erzählt kleine Anekdoten aus seinem bewegten Musikerleben

Daneben spielt die Band einige eher unbekannte Stücke, die allerdings auch recht gut beim Publikum ankommen, vor allem die groovende Mitgröhlnummer „Jesus Lived Six Years Longer Than Kurt Cobain“ oder „Queen & Country“, dem verstorbenen Keyborder Mark Humphrey gewidmet, bleiben mir davon im Gehörgang hängen. Daneben streut die Band immer wieder Coverversionen, manchmal nur Fragmente, ein um das eigene Repertoire aufzulockern. Dazu passt auch, dass Jock McDonald immer wieder kleine Anekdoten aus seinem bewegten Musikerleben, beispielsweise über einen Bordellbesuch in Frankfurt oder vertauschte Ausweispapiere auf dem Flughafen erzählt.

Gelegentlich zieht er sich auch kurz in den Hintergrund der Bühne zurück und überlässt das Mikrofon seinen Mitstreitern. So darf Drummer Patrick Pattyn bei „Beats Of Love“ übernehmen, Gitarrist Chris McKelvey ist leider bei „Fields of Athenry“ praktisch gar nicht zu verstehen (was aber definitiv nicht am Mikro liegen kann) und mit dem Sex Pistols-Cover „Pretty Vacant“ bringt Bassist Richard Collins das vorher eher entspannt mitwippende Publikum zum wilden Pogen, was schließlich in einigen unfreiwilligen Bier- und Äppler-Duschen mündet.

Nach fast 100 Minuten zieht sich die Band von der Bühne zurück und ich nutze die Gelegenheit für ein kleines Schwätzchen mit JP Kennedy, der sich mittlerweile unters Publikum gemischt hat und neben mir steht.

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2 Zugaben und 2 Stunden Konzert

Für die erste Zugabe soll eigentlich eine Dame aus dem Publikum den Gesangspart von „Ace Of Spades“ übernehmen, doch trotz eines Cola-Cognacs um die Hemmungen abzubauen ziert sie sich leider, bleibt aber für die nächsten beiden Stücke dekorativ tanzend auf der Bühne. Danach brauchen die Herren, sie sind schließlich alle nicht mehr die jüngsten, nochmals eine klitzekleine Pause und betreten schließlich nach wenigen Minuten noch ein letztes Mal die Bühne. Nachdem es schon mehrfach lautstark gefordert wurde ist es nun endlich an der Zeit, das gut zweistündige Set mit dem großartigen „Faith Healer“ würdig abzuschließen.

Obwohl sich die Halle rasch leerte blieb ich noch ein paar Minuten bei der sich direkt anschließenden Desperate Society Party, war dann aber doch letztendlich viel zu müde um noch großartig mitzufeiern, zumal sich die Heimfahrt erfahrungsgemäß immer sehr in die Länge zieht.

Nach der anfänglichen Diskussion darum, wer das lauteste Mikrofon hat befürchtete ich eigentlich, dass das Konzert in einem Debakel enden würde. Doch hielt Jock McDonald sein Versprechen und lieferte mit seiner Band ein großartiges Konzert bei dem Setlist, Stimmung und schließlich auch dieTechnik passten. Da störte es auch nicht weiter, dass die kurzfristig anberaumte Improvisation von „Ace Of Spades“ doch nicht zum Einsatz kam oder das ein oder zwei Stücke fehlten, mit denen ich fest gerechnet hatte. Die Atmosphäre im Das Bett war, eigentlich wie immer, sehr entspannt und familiär – was den kleinen Frankfurter Club zu einer meiner liebsten Veranstaltungsorte macht.

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