Lulu & die Einhornfarm – Ihr seid alle scheisse

19. Juli 2017 von Marcus Pohlmann

Lulu & die Einhornfarm - Ihr seid alle scheisse

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Laufzeit: 32 Minuten

Tracklist:
01 - Zulumumbu
02 - Zitrone
03 - Wenn man morgens aufwacht (und nix tut einem weh (dann ist man tot))
04 - Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht
05 - Was sind Sie denn für eine Person
06 - Tu mir bitte den Gefallen (und sei einfach nicht du selbst)
07 - Pferde essen Pferde
08 - Ohne Gummihoppse
09 - Liebe muss wehtun
10 - Ihr seid alle scheisse
11 - Ich möchte dein Hündchen sein
12 - Ficki ficki 10 €
13 - Essen, Ficken, Fernsehngucken
14 - Die Lichter sind an
15 - Deutschland, du Opfer
16 - Bierschiss-Bitches
17 - Apfel

Erscheinungsdatum: 02.09.2016

Sprache: Deutsch

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Wie man auf einen Bandnamen wie Lulu & die Einhornfarm bleibt wahrscheinlich das Geheimnis des Berliner Quartetts um Sängerin Luise Fuckface, dem einen oder anderen vielleicht bekannt als Frontfrau bei The toten Crackhuren im Kofferraum. Gegründet bereits im Jahr 2013 folgt schon bald die erste EP, doch bis zum hier vorliegenden Debüt-Album Ihr seid alle scheisse hat es dann doch noch ganze drei Jahre gedauert. Vertrieben wird die CD über das kleine Label Bakraufarfita Records, von denen ich bisher tatsächlich noch nie etwas gehört hatte.

Um die Liebe, eines der zentralen Themen des Albums, dreht sich schon der Opener „Zulumumbu“. In einer guten halben Minute stellt sich Sängerin Lulu vor und gewährt dem Hörer einen Einblick in ihr Privatleben. Gitarre, Schlagzeug und Bass prügeln das Stück nach vorne, während Frau Fuckface immer wieder „Ich will doch nur Liebe!“ ins Mikrofon brüllt. Textlich etwas subtiler und musikalisch anspruchsvoller, aber immer noch sehr druckvoll, präsentiert sich „Wenn man morgens aufwacht (und nix tut einem weh (dann ist man tot))“ – das mit 2 Minuten und 41 Sekunden längste Stück des Albums. Hier wird eine unglückliche/gescheiterte Beziehung thematisiert, aber statt darüber zu jammern liefert die Band die nötige Motivation um dennoch weiter zu machen. Die melodische Gitarre von Philip Vesper trifft auf treibendes Schlagzeug, während sich der Bass dezent im Hintergrund hält und nur vereinzelt Akzente setzt. Ungewöhnlich ruhig wird es bei „Tu mir bitte den Gefallen (und sei einfach nicht du selbst)“. Auch hier dreht es sich um eine Beziehung und die Unzulänglichkeiten des Partners. Der Text ist bitterböse, die Melodie eingängig und der Gesang ist deutlich weniger aggressiv und wütend – der gesprochene Part ist schon beinahe romantisch. Für mich eines der besten Stücke des Albums, auch wenn es nicht unbedingt typisch für die Band ist. Nachdem der Hörer schon etwas in Sicherheit gewiegt wurde, drehen Lulu & die Einhornfarm mit „Pferde essen Pferde“ ein ganz klein wenig ab. Im Intro gibt Frau Fuckface die Assi-Schlampe während die Instrumente irgendwelchen Krach im Hintergrund machen. Nach gut der Hälfte geht das Stück dann  tatsächlich los und das „Mjam Mjam Mjam“ des Refrains fräst sich in die Gehörgänge. Ein Händchen für eingängige Refrains beweist die Band erneut auf dem Titeltrack „Ihr seid alle scheisse“. Schon nach dem ersten Hören hat mich das Stück nicht mehr losgelassen und meine Nachbarn mussten es die halbe Nacht in Endlosschleife ertragen. Hier passt einfach alles zusammen: Text, Tempo, Melodie – für mich eindeutig das beste, eingängigste Lied des Albums. Wer mag, kann sich HIER einen Eindruck davon machen. „Essen, Ficken, Fernsehngucken“ setzt ziemlich klare Prioritäten: Schnörkelloser, schneller Rock, gepaart mit sehr direkten, nicht ganz ernst gemeinten, Lyrics ergibt eine sehr hörbare Mischung. Grade der Bass von Thomas Echelmeyer kommt hier zur Geltung und hält das Stück zusammen. Gegen Ende des Albums wird es mit „Deutschland, du Opfer“ tatsächlich auch noch politisch. Während Gitarre und Bass eher ein klein wenig in den Hintergrund treten, drischt Fabian G. Knoff wie wild in die Felle. Eine schnelle, dreckige und harte Nummer über politische Gesinnungen und Alkohol, die hervorragend ins restliche Sujet des Albums passt. Nachdem sich die Band in den vorigen Tracks an allen wichtigen Themen (Alkohol, Sex, Politik & Liebe) abgearbeitet hat, fehlt lediglich noch das Altern. Mit „Apfel“, dem letzten Stück auf dem Silberling, setzt sich Luise Fuckface sehr charmant mit diesem unangenehmen Aspekt des Lebens auseinander. Langsame, poppige Parts wechseln mit krachigem Gitarrensound, aber für mich ist es wieder einmal der Text, der den eigentlichen Reiz ausmacht.

Eine alte Binse besagt, dass sich über Geschmack vortrefflich streiten lässt. Ihr seid alle scheisse liefert dafür ein ganz hervorragendes Beispiel. Natürlich sind die vor Obszönitäten strotzenden Texte und die schnörkellose Musik nicht jedermanns Sache, aber mir gefällt praktisch jedes der 17 (in sportlichen 32 Minuten heruntergespielten) Lieder. Die meisten Stücke haben durchaus Ohrwurmpotential und laden zum Mitsingen (beziehungsweise -gröhlen) und pogen ein. Sicher gibt es auch das eine oder andere schwächere Stück, aber ein wirklicher Totalausfall ist nicht dabei.
Die Produktion ist, ebenso wie die Musik, hart, kantig und ganz und gar nicht auf Hochglanz poliert. Einige der Stücke wurden bereits auf der EP Ihhh, hier riechts nach Lulu veröffentlicht, aber für das Album nochmals überarbeitet. Das Booklet enthält weder Bilder noch Bandfotos oder weitergehende, sondern nur die Texte. Allerdings lässt die Lesbarkeit etwas zu wünschen übrig, ein anderer Schriftschnitt hätte hier wohl Abhilfe geschafft – immerhin wird das durchaus sympathische Bandmotto „Keine Einhörner den Faschisten“ sehr prominent hervorgehoben.

Lulu & die Einhornfarm sind derb, obszön, schnell und direkt – also eigentlich alles, was ich von einer ordentlichen Punk-Kapelle erwarte.

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