Courtesans aka The Raging Whoremoans

1. Mai 2017 von Marcus Pohlmann

Courtesans

Musiker:

Genre: , ,

Veranstaltungsdatum: 22.04.2017

Veranstaltungsort: The Water Rats »

Ich steckte schon mitten in den Reisevorbereitungen für meinen diesjährigen London-Urlaub und den Besuch der SALUTE (den ausführlichen Bericht gibt es hier), als ich Mitte März eine ominöse Mail in meinem Posteingang fand. In dieser wurde ein „secret gig“ von The Raging Whoremoans angekündigt, einer Band von der ich bisher noch nie gehört hatte. Es dauerte einige Augenblicke bis ich realisierte, dass es sich dabei um die Courtesans, eine vierköpfige Band aus London handelt, deren beide Alben ich in der Vergangenheit rezensiert hatte. Im Hinterzimmer von The Water Rats, einem kleinen Pub in Kings Cross, sollte die Veröffentlichung der neuen EP Better Safe Than Sober mit einer Handvoll Gäste gefeiert werden. Da dies wunderbar mit meinen Urlaubsplänen zusammenpasste und die vier Damen wohl leider nicht in absehbarer Zeit zu einer Tour aufs Festland kommen, sagte ich natürlich gerne zu.

The Water Rats

The Water Rats

Nachdem ich schon seit 6 Uhr morgens auf den Beinen bin und den Großteil des Tages auf einer anstrengenden Messe verbracht habe, bleibt mir nur wenig Zeit mich im Hotel auszuruhen und durchzuschnaufen. Da ich mir nicht sicher bin wie lange der Weg quer durch die Stadt dauert, setze ich mich gegen 21.30 Uhr in die Bahn in Richtung Kings Cross. Die Fahrt geht erstaunlich schnell und ich habe vor Ort noch ein bisschen Zeit mich umzusehen. Natürlich bin ich zu früh am The Water Rats und der Türsteher schickt mich quer durch den gut gefüllten Pub in den Hinterraum. Bisher haben sich noch nicht übermäßig viele Besucher hierher verirrt und ich kann mir einen Platz an einem der Tische sichern. An der Bar muss ich dann zu meinem Entsetzen feststellen, dass hier Wodka mit Bitter Lemon praktisch unbekannt ist und der Barkeeper stattdessen Zitronenlimonade zum Mischen nimmt – eine traumatische Erfahrung.
Ich habe es mir grade gemütlich gemacht, da werde ich vom Tontechniker auch schon wieder aus dem Raum gescheucht; es müssten noch einige Vorbereitungen abgeschlossen werden. Die Wartezeit im Pub überbrücke ich mit einem weiteren Getränk, während aus den Boxen 1980er-Wave läuft – kurioserweise auch das unsägliche „99 Luftballons“. Kurz nach 23 Uhr ist dann anscheinend doch alles bereit und die Tür in den Hinterraum öffnet sich wieder. Die Stühle sind zwischenzeitlich alle besetzt und so suche ich mir eine gemütliche Ecke auf der anderen Seite des Raumes, unmittelbar an der Bühne. Die Stimmung ist erstaunlich locker und familiär; viele der Besucher sind deutlich jünger als ich und kommen anscheinend aus dem direkten Umfeld der Band.

Cherie leitet den Abend ein

Cherie leitet den Abend ein

Das Intro bestreitet die Singer-Songwriterin Cherie, die sich selbst auf der Gitarre begleitet. Vier Stücke, allesamt langsam, melancholisch und mit zerbrechlich wirkender Stimme vorgetragen, laden dazu ein, die Augen zu schließen und einfach zuzuhören. Wobei das für mich grade nicht ohne Risiko ist, bin ich doch nicht mehr wirklich fit. Bevor ich jedoch laut schnarchend unter die Bühne rutsche, besorge ich mir lieber noch etwas zu trinken – was mich dann wieder ein wenig aufweckt.
Nach einer kleinen Pause startet das Intro vom Band, doch schon nach wenigen Sekunden streikt die Technik und Sängerin Sinéad muss die Panne überbrücken. Nachdem die Probleme behoben sind, legen Bassistin Agnes, Gitarristin Saffire und Schlagzeugerin Vikki mit „Scream“, dem Opener des ersten Albums 1917, los – während die Sängerin vor der Bühne entspannt an ihrem Bier nippt. Während der Song langsam Fahrt aufnimmt ist die Band mittlerweile vollständig und liefert eine schöne Einleitung ab, auch wenn der Gesang doch sehr leise ist. Beim folgenden „Liberate“ kommen die Vocals deutlich kräftiger aus den Lautsprechern, und auch die Zuschauer trauen sich ein wenig weiter an die Bühne heran – allerdings erst nach expliziter Aufforderung.

Sängerin Sinéad Labella

Sängerin Sinéad Labella

Danach kommt auch tatsächlich Bewegung in die gut 50 geladenen Besucher und die meisten wippen zumindest im Takt mit. Während mir „Mesmerise“ in der Album-Version nicht ganz so gut gefällt ist die Live-Version eine ganz andere Angelegenheit. Hier schaffen es die vier Damen den Druck aufzubauen, den ich bei dem Stück vermisst habe. Ob dies nun an der Bühnenpräsenz der Band liegt, an der heimeligen Pub-Atmosphäre, an meiner eigenen Stimmung oder an einer Mischung dieser Komponenten kann ich nicht eindeutig festmachen – auf jeden Fall eins meiner Lieblingsstücke an diesem Abend. Für einen Gänsehautmoment sorgt anschließend „Lullaby“ das, praktisch nur von Bass und Schlagzeug getragen, mit mehrstimmigem Gesang aufwarten kann. Der ganze Raum lauscht andächtig und wiegt dezent im Takt mit, wahrscheinlich das atmosphärisch dichteste und intimste Stück an diesem Abend. Etwas schwungvoller geht es bei „Fubar“ zur Sache, das ich bisher noch nicht kannte. Ruhige und rockige Passage wechseln sich hier ab und es kommt wieder etwas mehr Bewegung in die Zuschauer. Zusammengehalten wird das Stück durch das Schlagzeug von Vikki Frances, die stoisch ihren leicht scheppernden Beat schlägt, während ihre Mitmusikerinnen ihre Parts drumherum drapieren. Es folgt mein ganz persönliches Highlight, „Genius“ vom Debüt, das vor allem durch den mehrstimmigen Gesang lebt. Wieder ist es das Schlagzeug, das hier dominiert, werden Gitarre und Bass nur sehr reduziert zum Einsatz kommen – von der Schlussphase des Stückes einmal abgesehen. „Knowhere“, „John Doe“ und „Feel the Same“ stammen von der neuen EP und sorgen dafür, dass das Publikum nach den vorangegangenen, etwas ruhigeren Stücken wieder etwas mehr Einsatz zeigt.

Gitarristin Saffire Sanchez hoch konzentriert bei der Arbeit

Gitarristin Saffire Sanchez hoch konzentriert bei der Arbeit

Auch das folgende „Monkey Logic“ habe ich bisher noch nicht gehört, allerdings gefällt mir das Stück recht gut. Wütend gerappte Vocals werden von gesampelten Sprachschnipseln und einem zuckersüßen Chorus unterbrochen, wechseln in normalen Gesang nur um dann wieder im Sprechgesang zu enden. Die Musik orientiert sich am Cross-Over der 1990er Jahre und kommt trotz einer gewissen Härte und Aggressivität doch sehr melodisch aus den Boxen. Die Band beschließt den Abend mit „A Little Bit Of Luck“, eigentlich eine Dance-Nummer aus dem Jahr 2000. Das Schlagzeug gibt den Rhythmus vor, während Bass und Gitarre sich zu Beginn auffällig zurück halten und erst später ihren richtigen Einsatz haben. Die Vocals pendeln zwischen verschiedenen Tonlagen und Geschwindigkeiten, ein schöner Kontrast, der gut zur Instrumentierung passt. Das Stück gefällt mir deutlich besser als das Original und liefert einen gelungenen, aber leider viel zu frühen, Abschluss für dieses Konzert.

Voller Körpereinsatz

Voller Körpereinsatz

Nach dem letzten Stück leert sich der Raum erstaunlich schnell und ich beeile mich die Damen am Merchandise-Stand zu treffen. Während ich darauf warte das jemand einen Stift zum Signieren organisiert, habe ich die Gelegenheit mich ein wenig mit Agnes und Sinéad zu unterhalten und mir das restliche Merch-Angebot anzuschauen. Schließlich habe ich die Unterschriften der vier Musikerinnen auf den CDs die ich für eine Freundin mitbringen soll und überlege ob ich noch zur After-Show-Party mit DJ Oestrogen bleibe. Bald sehe ich jedoch ein, dass ich mich langsam auf den Weg machen muss, will ich im Hotel ankommen.
Glücklicherweise fahren die Londoner U-Bahnen mittlerweile auch nachts, so dass ich mich nicht mit Nachtbus oder Taxi quer durch die Stadt quälen muss. Nach gut einer halben Stunde erreiche ich schließlich, mittlerweile ziemlich fertig, mein Hotel. Ich schaffe es grade noch mich ins Bett zu schleppen, wo ich dann auch einen Großteil des folgenden Sonntages verbringe.

Die Courtesans liefern an diesem Abend ein tolles und sehr familiäres, wenn auch leider viel zu kurzes, Konzert ab. Die Bandmitglieder sind entspannt, machen Späße mit dem Publikum, beklagen sich über den Biermangel und liefern einen guten, energiegeladenen Auftritt ab. Abgesehen von den kleinen Problemen zu Beginn des Konzertes macht der Tontechniker seinen Job sehr ordentlich und findet eine ausgewogene Balance zwischen Instrumenten und Stimmen. Der Sound ist deutlich rauer und dreckiger als auf CD, was den Stücken aber sehr gut zu Gesicht steht. Zwei, drei Stücke habe ich auf der Setlist vermisst; entschädigt wurde ich dafür aber unter anderem mit einer ziemlich guten Cover-Version von „A Little Bit Of Luck“ und dem wirklich überzeugenden „Mesmerise“.

Wer sich selbst einen Eindruck von der Musik der vier jungen Damen machen möchte, findet auf der Homepage der Band mehrere Lieder und Videos.

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