Amphi 2017

30.07.2017 von Marcus Pohlmann

Nach einigen Verwerfungen in meinem privaten Umfeld überlegte ich lange, ob ich in diesem Jahr überhaupt wieder auf das Amphi Festival nach Köln fahren sollte. Letzten Endes konnte ich mich dann allerdings doch zusammenreißen und meinen Festivalbesuch wie ursprünglich geplant antreten. Ein adäquate Unterkunft und die Akkreditierung hatte ich glücklicherweise schon lange im Voraus organisiert – auch meine Chefin erhob keine Einwände gegen meinen kurzfristigen Urlaubswunsch.

So kann ich dann, wenn auch ein wenig später als geplant, am Freitag meine Fahrt nach Köln antreten. Die gesamte Strecke ist praktisch eine einzige Baustelle, zumindest fühlt es sich bereits nach einigen Kilometern für mich so an. Dennoch komme ich sehr gut voran und erreiche die Domstadt am frühen Nachmittag, noch vor dem einsetzenden Feierabendverkehr. Nach kurzer Suche finde ich sogar noch einen bezahlbaren Parkplatz in unmittelbarer Nähe des Hotels. So spare ich mir die, deutlich teureren, Festivalparkplätze und vermeide auch das hoteleigene Parkhaus – das pro Tag mit sehr sportlichen 25 Euro berechnet wird, wie mir ein anderer Festivalbesucher mit entsetztem Gesichtsausdruck im Foyer beim Einchecken erzählt.

Mein Zimmer befindet sich im obersten Stockwerk, beinahe in der hintersten Ecke. Der Gang kommt mir bereits jetzt unendlich weit vor, als ich mein Gepäck hinter mir her schleife. Nach einer kurzen, aber dringend notwendigen, Pause steht traditionell noch ein kurzer Abstecher in die Kölner Innenstadt auf dem Programm. Ich bin nicht der einzige schwarz Gekleidete, der an diesem Tag über die Hohenzollernbrücke in Richtung der Domplatte schlendert und die Blicke der „normalen“ Passanten sind durchaus interessant. In der Stadt selbst verläuft sich das Ganze dann ein wenig, wobei doch das eine oder andere ausgefallene Fetisch-Outfit die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Zum Abschluss des kleinen Stadtbummels verzichte ich auf das obligatorische Steak und gönne ich mir stattdessen ein sehr leckeres Buffet mit Pizza, Pasta und Salaten. Schwer beladen mit den notwendigsten Einkäufen (und gut gesättigt) schleppe ich mich zurück ins Hotel.

Warm-Up-Party mit Ronan Harris am Mischpult

Warm-Up-Party mit Ronan Harris am Mischpult

Jetzt fehlt nur noch ein adäquates Abendprogramm – zwei Optionen stehen dabei für mich zur Auswahl: Die grandiosen Der Fluch spielen in der Kölner Innenstadt im The Cage; alternativ gibt es natürlich die Warm-Up-Party für das Amphi. Da es doch schon relativ spät ist, fällt die Entscheidung dann letzten Endes doch auf die Veranstaltung am Tanzbrunnen, die fußläufig vom Hotel aus zu erreichen ist. Außerdem kann ich mir bei der Gelegenheit auch gleich mein Festivalbändchen abholen. Auch zu dieser vorgerückter Stunde stehen noch lange Schlangen vor den Kassenhäuschen. Die Dame bei der Presseakkreditierung sorgt für eine kurze Schrecksekunde, da sie meinen Namen nicht auf der Gästeliste findet. Nach längerer Suche taucht der Eintrag doch noch auf – allerdings nicht da, wo wir ihn vermutet hätten. Nachdem diese Formalitäten geklärt sind, besorge ich mir noch schnell eine Eintrittskarte für die Party, die im Theater schon in vollem Gange ist.

Vor allem im Biergarten vor der Halle tummeln sich viele finstere Gestalten und nutzen das immer noch hervorragende Wetter, um zu trinken, zu rauchen und sich dem, in der Szene allgemein beliebten, Schaulaufen zu widmen. Als ich den, ebenfalls recht gut gefüllten, Innenraum betrete läuft grade eine wilde Mischung unterschiedlichster Stile „schwarzer“ Musik – sehr gefällig, abwechslungsreich und durchaus tanzbar. Im Laufe des Abends verschiebt sich der Fokus jedoch immer weiter in Richtung harter Elektronik. Normalerweise habe ich damit weniger Probleme, doch heute bin ich nicht so richtig in Stimmung dafür, weswegen ich mich lieber unter das Volk draußen mische. Die Musik wird auch im weiteren Verlauf des Abends nicht wirklich besser und so breche gegen 3 Uhr in Richtung Hotel auf – immerhin habe ich noch zwei lange Tage vor mir…

Gedränge am Tanzbrunnen

Gedränge am Tanzbrunnen

Den Samstag lasse ich sehr langsam angehen – es war am Vortag wohl doch etwas später als geplant und letzten Tage stecken mir noch in den Knochen. Das Wetter kann sich nicht so wirklich zwischen strahlendem Sonnenschein, finsteren Wolken und Regenschauern entscheiden, was die Kleidungsauswahl zu einem Glücksspiel macht. Nach einem leichten Frühstück komme ich gegen Mittag am Tanzbrunnen an. Die Schlange am Eingang ist überschaubar – dankenswerterweise haben viele Besucher auf große Rucksäcke oder Taschen verzichtet. Das die Security dabei freundlich, entspannt, aber dennoch recht gründlich ist, verstärkt den ersten guten Eindruck. Eisfabrik sind grade mitten in ihrem Set, doch ich will mich erst ein wenig auf dem Gelände umschauen. Sowohl was die Essens- als auch die Getränkeauswahl angeht gibt es auf den ersten Blick keinen Grund zur Klage. Auch haben viele Händler mit Kleidung, Accessoires, CDs und allerlei anderem Schickschnack ihre Zelte aufgebaut. Neben vielen (überteuerten) Sachen von der Stange finden sich hier immer wieder sehr schicke, originelle Stücke, meist in Handarbeit gefertigt. Glücklicherweise bin ich grade in einem dieser Ausstellerzelte als der erste, und heftigste, Schauer des Tages herunterkommt. Innerhalb von wenigen Augenblicken ist das ganze Festivalgelände wie leer gefegt und jeder sucht Schutz vor den herab prasselnden Wassermassen. Genau so schnell ist der Schauer aber auch wieder verschwunden und die strahlende Sonne sorgt in kürzester Zeit für unangenehme Schwüle.

Anstatt mich ins Gewühl vor der Bühne bei Chrom zu stürzen, suche ich mir lieber ein bequemes Plätzchen am Sandstrand, nippe an meinem Getränk und genieße einfach den Tag. Aber irgendwann muss ich schließlich doch aufstehen und mich auf die Suche nach etwas Essbarem machen. Ich glaube, die Auswahl ist seit dem letzten Jahr gewachsen – von der schnöden Bratwurst über den vegetarischen Burger bis zum veganen Wrap aus regionalen Zutaten. Meine Wahl fällt auf Falafel mit Knoblauchsoße (meine Mitmenschen sollen schließlich auch etwas davon haben), der Stand befindet sich ein paar Meter außerhalb des eigentlichen Festivalgeländes am Rheinufer. Als Nachtisch gibt es dann noch ein kleines Eis – zu überraschend akzeptablen Preise und einen Schluck Wasser aus den dankenswerterweise aufgestellten Trinkwasserbrunnen. So gestärkt mache ich mich auf den Weg zur Main Stage, schließlich bin ich ja hier um Musik zu hören.

Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich das letzte Mal Tanzwut gehört habe, aber die Mischung aus Sackpfeifen, elektronischen Elementen und Gitarren gefällt mir immer noch ganz gut. Wenn ich mir die feiernden Menschen um mich herum anschaue, bin ich damit auch nicht alleine. Auch Frontmann Teufel hat sichtlich Spaß an seinem Auftritt, erzählt kleine Anekdoten zu den verschiedenen Stücken und stolziert über die Bühne als würde sie ihm gehören. Leider endet das Set schon nach einer guten dreiviertel Stunde und die Menge zerstreut sich recht schnell. Ich nutze die folgende Umbaupause, um mir den Festival-Sampler und einige andere, erstaunlich preiswerte, CDs zu kaufen – die Shirts sind leider alle schon ausverkauft, zumindest in meiner Größe…

Rechtzeitig zu Lord of the Lost bin ich dann wieder am Tanzbrunnen. Fürs Auge wird hier sicherlich etwas geboten, allerdings werde ich mit der Musik der Band nicht wirklich warm. Einige Stücke, wie beispielsweise „Six Feet Underground“ gefallen mir richtig gut, während sich mir bei anderen Liedern die Fußnägel rollen. So schaue ich lieber noch kurz an der Theater Stage vorbei, wo grade Frozen Plasma die Besucher mit ihrem sehr gefälligen Synthie-Pop recht gut unterhalten. Leider habe ich nur Zeit für zwei oder drei Lieder, bevor ich wieder an die Hauptbühne muss.

Es darf auch gerockt werden

Es darf auch gerockt werden

Das erste (und bisher einzige) Mal hatte ich Diary of Dreams irgendwann im letzten Jahrtausend im Mainzer KUZ gesehen und war seinerzeit schwer beeindruckt gewesen. Nachdem ich sie dann einige Jahre komplett aus den Augen verloren hatte, gehört sie hier zu meinem Pflichtprogramm. Mal elektronisch, mal rockig aber immer spannend liefert die Band einige ihrer bekanntesten Stücke ab. Bei einigen Lieder, beispielsweise „The Curse“, gibt es dann auch Verstärkung von Torben Wendt, der kurz darauf mit seiner eigenen Band Diorama auf dem Schiff auftritt. Diary of Dreams sind tatsächlich so gut, wie ich sie in Erinnerung habe und liefern eine mitreißende Show.

Nach dem Auftritt von Adrian Hates und seinen Mitmusikern bleiben viele Besucher gleich an Ort und Stelle stehen. So kann ich mich nur mit Mühe weiter zu den Absperrgittern vorarbeiten, die ich dann tatsächlich auch mit massivem Schultereinsatz erreiche. Noch während die Techniker letzte Hand an die Instrumente legen, wabert dichter Nebel durch die ersten Zuschauerreihen. Untermalt von einem gesampelten Intro betreten endlich die Fields of the Nephilim die Bühne. Das Set beginnt mit dem langsam mahlenden, 10minütigen „Last Exit for the Lost“ – eine ungewöhnliche Wahl, aber ich finde es großartig und lasse jegliche Zurückhaltung fahren. Die Band um Sänger und Frontmann Carl McCoy spielt sich in der folgenden Stunde durch ihre beinahe 35jährige Bandgeschichte. Praktisch jedes Stück, gleich aus welcher Schaffensperiode, wird gefeiert – dabei darf „Psychonaut“ ebenso wenig fehlen wie „Mourning Sun“ vom gleichnamigen 2005er Album.

Mein ganz persönliches Highlight!

Mein ganz persönliches Highlight!

Nach diesem großartigen, aber leider viel zu kurzen, Set stellt sich mir die Frage, wo ich den Abend ausklingen lasse. VNV Nation auf der Main Stage sind zweifellos ein großartiger Live-Act, aber ich habe sie in den letzten Jahren schon sehr, sehr oft gesehen. Auf der Theater Stage sorgen Die Krupps für gepflegte Unterhaltung, allerdings empfinde ich die Atmosphäre in dem vollen Saal immer als etwas klaustrophobisch. Die dritte Option wäre noch der Abstecher auf die Orbit Stage auf der anderen Rheinseite. Nach kurzer Überlegung entscheide ich mich dann tatsächlich für den Clan of Xymox und drücke mich mit anderen wechselwilligen Festivalbesuchern in den Shuttle-Bus.

Die Haltestelle befindet sich auf dem Heumarkt, der zu dieser Uhrzeit noch stark von Einheimischen und Touristen frequentiert wird. Und auch hier gibt es wieder den einen oder anderen verstohlenen Blick auf die Gruppe der merkwürdigen Gestalten, die sich in Richtung Bootsanleger bewegen. Nach einer weiteren stressfreien Taschenkontrolle taste ich mich ganz vorsichtig die steile Gangway zur MS RheinEnergie hinab – dabei ist der Untergrund trocken, ich bin nüchtern und trage vernünftiges Schuhwerk. Andere Besucher haben mit diesem Abgang deutlich mehr Probleme…

Noch ist im Schiff relativ wenig los und die Umbaumaßnahmen nach dem Auftritt von Diorama sind noch in vollem Gange. Auf dem Mitteldeck besorge ich mir noch schnell ein Getränk bevor das eigentliche Gedränge startet. Gut versorgt werfe ich noch einen schnellen Blick auf das erstaunlich umfangreiche Merchandise-Sortiment der Band – allerdings ist jetzt nicht wirklich etwas Herausragendes dabei. Als ich mich dann losreißen kann und unten im Innenraum ankomme, habe ich bereits Probleme ein Plätzchen zu finden. Mit ein wenig Geschiebe und Gerücke arbeite ich mich an das Mischpult heran und habe von dort einen recht guten Blick auf das Geschehen. Während im Hintergrund stimmige Video-Projektionen laufen betreten Clan of Xymox die Bühne. Der Sound kommt glasklar aus den Boxen, nur leider hört man von Sänger Ronny Moorings praktisch gar nichts. Wildes Gestikulieren auf der Bühne und hektisches Drehen am Mischpult bringt leider keinerlei Besserung. Erst nachdem ein Techniker die Kabel auf der Bühne neu angeschlossen hat, ist der sympathische Niederländer vernünftig zu hören. Den Rest des Sets verbringe ich praktisch komplett mit geschlossenen Augen und lasse die ruhige, entspannte Musik auf mich wirken. Kurz vor 22 Uhr geht die Band nach nur einer Zugabe von der Bühne und es wird alles für die anschließende Party vorbereitet.

Bei mir stellen sich dagegen leichte Ausfallerscheinungen ein und ich entscheide mich für den Heimweg. Das Wetter hat sich mittlerweile beruhigt und es ist sommerlich warm, entsprechend tummeln sich noch viele Menschen auf der Uferpromenade. Daher verzichte ich auf den Bus und schlendere entspannt am Rhein entlang in Richtung der Hohenzollernbrücke. Vor mir flaniert eine Dame in weit ausladendem Kleid und mit beleuchtetem Horn auf der Stirn, und ich komme aus dem Schmunzeln nicht heraus als ich die Blicke der Passanten sehe.

Eine kleine Stärkung für den restlichen Weg wäre nicht schlecht, doch vor mir kamen anscheinend auch noch einige andere Leute auf diese Idee und die endlos lange Schlange bei der Burgerbraterei im Deutzer Bahnhofsgebäude schreckt mich ab. Glücklicherweise verfügt die Tankstelle direkt vor meinem Hotel aber über ein breit gefächertes Angebot an Leckereien – in flüssiger wie auch fester Form. Die Mitfahrer im Fahrstuhl hatten offensichtlich eine ähnliche Idee wie ich und haben sich reichlich mit Spirituosen (zu exorbitanten Preisen) eingedeckt. Nach einer kurzen, aber tiefgründigen, Unterhaltung über die Vor- und Nachteile fertig gemixter Cocktails trennen sich unsere Wege wieder und ich schleppe mich mit schweren Füßen und müdem Kopf durch den langen Gang meinem Bett entgegen.

Endlich angekommen genehmige ich mir noch einen kleinen Absacker, verstaue meine Neuerwerbungen und lasse den Tag Revue passieren. Auch ein Blick auf das Programm des zweiten Festivaltages muss noch sein, allerdings bin ich mir immer noch nicht sicher zu welchen Bands ich gehen soll.

Am Sonntag ist der Himmel über Köln bewölkt und offensichtlich hat es in den frühen Morgenstunden geregnet. Da ich nicht übermäßig fit bin lasse ich mir relativ viel Zeit bis ich mich auf den Weg auf das Festivalgelände mache. Da das Frühstücksbuffet im Hotel dieses Jahr mein Budget sprengen würde, nehme ich einen kleinen Umweg in Kauf und mache noch einen kurzen Abstecher zur bereits erwähnten Burgerkette. Um diese Uhrzeit herrscht hier deutlich weniger Betrieb und ich gönne mir ein ausgedehntes (und leicht dekadentes) Frühstück.

Stahlmann haben grade ihren Auftritt beendet als ich den Tanzbrunnen erreiche. Allem Anschein nach ist es heute deutlich voller und es herrscht dichtes Gedränge vor den Ständen und der Hauptbühne. Zum Aufwärmen drehe ich noch eine kurze Runde über das Gelände, komme aber rechtzeitig für den nächsten Auftritt wieder bei der Bühne an. Eigentlich bin ich kein sonderlich großer Fan von Das Ich, aber live ist die Band zweifellos etwas Besonderes. Die Show verzichtet zwar weitgehend auf spektakuläre Effekte und aufwändige Bühnenaufbauten, aber dennoch gelingt es den drei Bandmitgliedern das Publikum mitzureißen. Sänger Stefan Ackermann verlässt sogar während dem Klassiker „Gottes Tod“ die sichere Bühne, überwindet Graben und Absperrung nur um sich im Publikum feiern zu lassen. Die Musik sagt mir zwar immer noch nicht wirklich zu, aber der Auftritt war durchaus beeindruckend. Leider muss ich das Konzert kurz vor Ende verlassen, da schon die nächste Band wartet…

Finster ist es - nicht nur musikalisch

Finster ist es – nicht nur musikalisch

Nachdem ich schon mehrere Konzerte der Horror-Punks von The Other verpasst habe, will ich sie mir zumindest auf dem Amphi nicht entgehen lassen. Bisher habe ich die Theater Stage weitgehend gemieden, doch jetzt dränge ich mich mit den anderen Besuchern in den finsteren Saal. Nach dem hellen Außenbereich brauchen meine Augen eine Zeit lang um sich an die praktisch nicht vorhandene Innenbeleuchtung zu gewöhnen. Auf dem Weg in Richtung Bühne passiert es mir mehr als ein Mal, dass ich versehentlich Menschen anrempele – einfach weil ich sie nicht sehe. Als die fünf Musiker dann mit ihrem Set loslegen wird es auch nicht wirklich heller und ich habe Mühe die Bühnendeko zu erkennen. Sänger Rod Usher fühlt sich anscheinend wohl und führt gut gelaunt durch das nachmittägliche Programm, das sich in erster Linie um Mord, Totschlag und unappetitliche Ernährungsgewohnheiten dreht.

Mjam Mjam Mjam

Mjam Mjam Mjam

Als ich aus dem dunklen Raum in den gleißenden Sonnenschein trete, beginnen grade Hocico mit ihrer brachialen Industrial-Show auf der Hauptbühne. Das Programm ist mir für diese frühe Stunde dann doch ein klein wenig zu heftig, außerdem hatte ich erst vor wenigen Wochen die Gelegenheit ein komplettes Konzert der beiden zu sehen. Dann widme ich mich doch lieber den Auslagen der verschiedenen Händler, gab es da doch noch einige interessante Dinge zu sehen. Ich habe schon das Hauptzelt in Sichtweite, als auch schon ein weiterer Schauer herunter kommt, der in Intensität dem vom Vortag in nichts nachsteht. Im Zelt herrscht dementsprechend dichtes Gedränge und nur mühsam komme ich zwischen den Ständen voran. Am Vortag war mir hier eine sehr schicke, modifizierte Getränkedose – natürlich mit Tentakel – aufgefallen. Leider war das gute Stück schon weg, als ich mich endlich zum Kauf entschieden hatte. Aber die nette Dame am Stand erklärt sich ohne Umschweife bereit (an dieser Stelle ein dickes Danke an Tanja von abARTig), mir im Laufe der nächsten Tage eine neue Dose zu basteln.

Der Schauer hält ungewöhnlich lange an und als ich das Zelt wieder verlasse, haben die beiden Mexikaner ihr Set bereits beendet. Mir steht der Sinn mittlerweile nach einer kleinen Stärkung, aber Haxe, Pulled Pork, Lachs oder Currywurst sind mir dann doch etwas zu mächtig. Stattdessen gibt es, ganz spießig, Kaffee, Crêpe und eine Waffel. Die Wartezeiten in der Schlange ziehen sich zwar endlos in die Länge, aber immerhin ergeben sich dabei Gelegenheit zu netten Gesprächen mit den umstehenden Festivalbesuchern. Schließlich ergattere ich mit meiner Beute sogar einen Sitzplatz, von dem aus ich zumindest einen Teil der Bühne sehen kann, wo grade Combichrist loslegen. Eigentlich möchte ich gar nicht mehr aufstehen – die Sonne scheint, ich bin gesättigt, sitze grade sehr gemütlich und unterhalte mich mit meinen Sitznachbarn. Aber es hilft alles nichts, ich muss weiter!

Es geht wieder zurück in das finstere, volle Theater, in dem es die Klimaanlage kaum schafft für ein wenig frische Luft zu sorgen. Nur wenige Strahler und zwei Fackeln erleuchten spärlich die Bühne, während der Innenraum in tiefste Finsternis getaucht bleibt. Ordo Rosarius Equilibrio zelebrieren ihren Auftritt und obwohl ich die Band schon ewig nicht mehr gehört habe, hat sie nichts von ihrer Faszination verloren. Ich schließe einfach nur die Augen und lasse mich mit Stücken wie „A World not so beautiful“ oder „Three is an Orgy“ treiben. Mir kommt es zwar deutlich kürzer vor, doch nach gut 45 Minuten verabschieden sich Tomas Pettersson und seine Mitmusiker und die Lichter werden ein klein wenig hochgedimmt. Ich schließe mich einem Pulk an, der in Richtung Ausgang drängt, die nächste Band steht bereits in den Startlöchern.

Stephan Groth hat die Meute unter Kontrolle

Stephan Groth hat die Meute unter Kontrolle

Glücklicherweise ist der Weg zur Main Stage nicht sonderlich weg, wo schon dichtes Gedränge vor dem Auftritt von Apoptygma Berzerk herrscht. Die Norweger um Stephan Groth liefern quasi eine Best-of-Show der letzten 20 Jahre ab. Das Publikum feiert jedes der Stücke und lässt sich dabei auch vom einsetzenden Nieselregen nicht sonderlich beeindrucken. Der Band gelingt es mit „Deep Red“, „In This Together“ und auch dem Cover von „Major Tom“ die Menge in Bewegung zu bringen und es gibt, soweit ich das sehen kann, niemanden der am Tanzbrunnen noch still steht. Leider kann ich nicht auf die Zugabe warten, denn für das letzte Konzert muss ich wieder auf die Orbit Stage.

Wieder geht es mit dem Shuttle auf die andere Seite des Flusses, wo Kirlian Camera das Festival für mich beschließen werden. Eine Kleinigkeit zu Essen wäre auch nicht schlecht, allerdings sind die meisten Speisen bereits ausverkauft und das Schnitzelbrötchen, auf das schließlich meine Wahl gezwungenermaßen fällt, ist eher trocken und geschmacksneutral, aber immerhin warm. Zumindest habe ich vom Sonnendeck einen großartigen Ausblick auf Köln, den Rhein und die vielen Menschen die an beiden Ufern entlang schlendern und den Tag genießen. Als immer mehr Festivalgänger auf den kleinen Anleger drängen, beeile ich mich wieder in den Innenraum des Schiffes zu kommen. Erstaunlicherweise hat sich dieser innerhalb weniger Minuten gefüllt – aber ich kann mir praktisch den gleichen Platz wie am Vortag sichern. Kurz darauf betreten die Musiker, stilsicher wie immer, in Sturmhaube, Anzug und mit Taschenlampe die Bühne. Lediglich Sängerin Elena Fossi hält sich noch vornehm im Hintergrund und kommt erst mit kurzer Verzögerung ans Mikrofon. Ich habe die Band in den letzten Jahren öfters live gesehen, trotzdem werden sie einfach nicht langweilig und Stücke wie „Full Eclipse“ kann ich mir wieder und wieder anhören.

Doch auch dieses Konzert endet leider viel zu früh und nach einem kurzen Abstecher zum Merchandise-Stand stellt sich für mich die Frage, ob ich nun zurück zur Theater Stage zur After-Show-Party oder doch lieber zurück ins Hotel gehe.

Letzten Endes entscheide ich mich dann doch dafür, den Abend auf meinem Zimmer ausklingen zu lassen. Wirklich fit bin ich nicht mehr und die kommende Woche verspricht stressig zu werden. Aber bevor ich ins Hotel zurückkehre gibt es noch ein Eis an der Tankstelle – das habe ich mir verdient!

In weiser Voraussicht hatte ich mich vor der Reise nach Köln mit fertig gemixten Cocktails aus der Dose eingedeckt. Zum Ausklang des Amphi werden einige davon, ganz stilvoll im Zahnputzbecher, verkostet. Die Geschmackserlebnisse reichen hier von absolut ekelhaft (Swimming Pool) über merkwürdig, aber nicht schlecht (Mojito) bis hin zu sehr lecker und fruchtig (Zombie). Als ich dann endlich das Licht ausmache ist es schon erschreckend spät und ich muss aufpassen, dass ich den Termin zum Aus checken nicht verpasse.

Immer diese Entscheidungen...

Immer diese Entscheidungen…

Ich mag das Amphi einfach! Die Bandauswahl ist immer recht gut durchgemischt und deckt eigentlich alle Aspekte der „schwarzen“ Musikszene ab; auch wenn es in diesem Jahr recht elektronisch zu ging. Das Festivalgelände hat eine angenehme Größe, weitläufig genug mit ruhigen Rückzugsorten, aber immer noch überschaubar um schnell die Örtlichkeit wechseln zu können. Dazu kommt die entspannte, familiäre Atmosphäre, das schicke Ambiente am Rheinufer mit Aussicht auf den Kölner Dom, die verschiedenen Shopping-Möglichkeiten auf dem Festivalgelände und die direkte Nähe zur Innenstadt. Kritikpunkte des letzten Jahres haben die Veranstalter behoben, beispielsweise einen Zugang zur Theater Stage direkt vom Festivalgelände aus eingerichtet; auch die Schließfächer waren eine recht gute Entscheidung. Das die MS RheinEnergie mit der Orbit Stage, bedingt durch den niedrigen Wasserstand, auf der anderen Rheinseite vor Anker gehen musste, war zwar ärgerlich, aber durch den Shuttle-Verkehr fiel dieser Umstand erstaunlich wenig ins Gewicht. Auch hier haben die Organisatoren sehr gute Arbeit geleistet und für einen reibungslosen Ablauf gesorgt. Das die Konzerte mittlerweile recht früh beginnen und enden liegt an den Vorgaben der Kölner Stadtverwaltung, wenn ich das richtig mitbekommen habe. Besonders für die ersten Bands ist es extrem undankbar schon mittags (und meist bei strahlendem Sonnenschein) zu spielen. Generell fühlt es sich für mich immer ein klein wenig seltsam an, „dunkle“ Bands bei Tageslicht zu sehen; dafür war die Beleuchtung auf der Orbit Stage angenehm gedämpft und bei der Theater Stage praktisch nicht vorhanden.

Natürlich hatte ich auch in diesem Jahr wieder Überschneidungen und ich hätte zeitweise an drei Orten gleichzeitig sein müssen. Da die Klontechnologie leider noch nicht so weit fortgeschritten ist, musste ich Prioritäten setzen. Dies fiel mir meist nicht so schwer, eigentlich bedauere ich nur Rummelsnuff und Esben & the Witch verpasst zu haben. Sogar das Wetter war, von dem einen oder anderen wirklich heftigen Schauer abgesehen, deutlich angenehmer als in den Jahren davor.

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