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Gipfel der Götter, Band 1 (Kritik)


Rezension von Arielen

Autor: Taniguchi, Jiro; Yumemakura, Baku


Aus der Reihe "Gipfel der Götter"

Nicht alle Mangas, die auf dem deutschen Markt erscheinen, richten sich an Kinder und Jugendliche. Einige Werke sind von einer literarischen Qualität und Dichte, die weit über das hinaus gehen, was man normalerweise von einer Bildergeschichte erwartet.
Dazu gehören auch die Geschichten von Jiro Taniguchi, die nicht nur fotorealistisch gezeichnet sind, eine interessante Bandbreite an Themen besitzen, sondern auch den Leser auf unaufdringliche Weise zu berühren wissen. Dadurch sind seine Mangas wie „Vertraute Fremde“ zu Recht mit Preisen ausgezeichnet worden und treffen auch den Geschmack von anspruchsvollen Lesern wie den Franzosen. Der Zeichner arbeitet in seinem Bergsteiger-Drama diesmal nicht alleine, sondern eng mit dem ebenfalls mit Preisen ausgezeichneten Autor Baku Yumemakura zusammen.

Im ersten von insgesamt fünf Bänden streift der Alpin-Fotograf Fukamachi Makoto durch die Läden von Katmandu. Die Besteigung des Mount Everest durch eine japanische Gruppe musste abgebrochen werden, weil mehrere Teilnehmer bei einem Unglück ums Leben kamen. Da sind sie nicht die ersten, denn nicht alle Männer und Frauen, die auf dem Gipfel des höchsten Berges der Welt stehen wollen, erreichen ihr Ziel, einige zahlen für den Versuch bereits einen hohen Preis.
So ist es auch dem Engländer George Mallory ergangen, der 1924 mit einem Gefährten eine Erstbesteigung des Mount Everest wagte, aber nie mehr im Basislager ankam. Es ist bis heute im Dunkel geblieben, ob er den Gipfel des Berges überhaupt erreichte oder schon vorher abstürzte.
Ausgerechnet an diesen Mann muss Fukamachi denken, als er in einem Trödelladen eine Kamera von genau dem Typ findet, die Mallory mit auf den Gipfel genommen hat. Eine verwegene Idee steigt in ihm auf. Könnte es sein, dass sie sogar dem Engländer gehört hat? Und wenn dem so ist, existiert dann vielleicht sogar noch die Leiche des legendären Bergsteigers? Er versucht herauszufinden, wer die Kamera an den Trödler verkauft hat, erreicht damit aber nur, dass sie ihm gestohlen wird.
Bei der Wiederbeschaffung kommt ihm Mann zur Hilfe, der sich Bikhalu Sanh nennt und offensichtlich ein paar Jahre in Japan verbracht haben muss. Zu spät erkennt der Fotograf, dass er eigentlich einen Landsmann vor sich hat: Habu Yoshi, eine legendäre Gestalt in der Bergsteigerszene. Der Mann ist vor einigen Jahren spurlos aus seiner Heimat verschwunden.
Da seine Geldmittel schwinden und seine Auftraggeber nicht bereit sind, noch mehr zuzuschießen, kehrt Fukamachi nach Tokio zurück. Die Kamera aus dem Jahr 1924 lässt ihm zwar keine Ruhe, aber immer mehr rückt eine noch lebende Person in den Mittelpunkt seines Interesses. Um zu verstehen, warum Habu Yoshi heute unter falschem Namen in der Hauptstadt Nepals lebt, beginnt der Fotograf durch Japan zu reisen, um mit den Menschen zu sprechen, die ihn gut kannten. Was er dabei durch Freunde und Kameraden erfährt, ist spannender als jeder Actionthriller oder Kriminalroman.

Zwar verbindet man extreme Sportarten wie das Ersteigen von Bergen sowieso schon mit Abenteuer und Nervenkitzel, aber nur wenige interessieren sich wirklich so dafür, dass sie mehr als nur einen kurzen Blick auf die Sensationsmeldungen über Unglücke oder Erfolge darauf verschwenden. Jiro Tanaguchi und Baku Yumemakura gelingt es, jedoch diese Hürde zu überspringen, indem sie die Geschichte persönlich und an Schicksalen fest machen.
Dazu gehört das von George Mallory ebenso wie das von Habu Yoshi und Fukamachi Makoto. Indem der Fotograf die Geheimnisse der Bergsteiger zu ergründen versucht wird er zum verbindenden Element zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Was zunächst wie eine reine abenteuerliche Jagd nach einem sensationellen Schatz aussieht, wird plötzlich zu mehr - zu einem spannenden Psychogramm eines Mannes, der stellvertretend für alle besessenen Bergsteiger steht.
Dabei ist Habu Yoshi nicht unbedingt eine Ausnahmeerscheinung, wie sein späterer Rivale Hase Tsuneo, dem alles in den Schoß zu fallen scheint, sondern eher ein Außenseiter, der sich seinen Erfolg schwer erarbeiten muss und um so verbitterter wird, wenn man ihm auch den kleinsten Triumph nimmt. Weil er sich Zeit seines Lebens etwas beweisen will und in seiner Besessenheit alles andere darüber vergisst, stößt er mehr als einmal gute Freunde vor den Kopf und verbaut sich Chancen. Weil er sein Hobby vor seine Arbeit stellt und ständig kündigt, spart er sich nie genug Geld an, um an Expeditionen in die Alpen oder auf den Himalaya teilzunehmen. Schuld sind jedoch meistens immer die anderen, die ihn nicht unterstützen wollen - niemals er selbst.
Nur wenigen Menschen gelingt es, hinter seinen ruppigen Charakter zu schauen und die Verletzlichkeit seines Wesens zu erkennen. Dazu gehört der junge Kishi, der bei einer Kletterpartie ums Leben kommt.
Ehe man sich versieht ist man in der Lebensgeschichte eines Mannes gefangen, den man einerseits aufgrund seiner Hartnäckigkeit bewundern und unterstützen möchte, dann aber auch wieder den Kopf über sein engstirniges Verhalten und seine charakterlichen Schwächen schüttelt. Auch wenn man sich sonst nicht dafür interessiert, fiebert man plötzlich bei Habu Yoshis Klettertouren mit, wartetet gespannt, ob das Vorhaben gelingt und spürt den verzweifelten Schmerz, wenn er jemanden verliert, der ihm etwas bedeutet. Genauso fühlt man die kaum unterdrückte Wut, wenn der Rivale wieder einmal schneller war, obwohl der Mann sich sehr gut beherrschen kann. Jiro Tanaguchi denkt nämlich auch an die kleinen und unscheinbaren Gesten und muss nicht auf eine plakative Darstellung zurück greifen.
Eine überraschend enge Bindung entsteht, die durch die atmosphärischen und sehr realistischen Bilder noch vertieft wird. In den Gesichtern der Figuren sind Emotionen zu lesen, die Hintergründe wirken lebensecht.
Geschichte und Darstellung sind eine sich ergänzende Einheit, Inhalt und Zeichnungen auf einem künstlerisch hohen Niveau, das auch anspruchsvolle Leser überzeugen dürfte. Denn am Ende kann man gar nicht erwarten, zu erfahren wie es weiter geht.

„Gipfel der Götter“ ist ein faszinierendes und vielschichtiges Drama, das weit über ein schlichtes Abenteuer hinausgeht. Es überzeugt durch lebendige Figuren und einen dichten Erzählstil, den man gerade in vielen japanischen Comics, die sonst bei uns erscheinen, nur selten findet. Damit beweist der Manga, das es auch in diesem Sektor geeignete Lektüre für den anspruchsvollen Leser gibt, der mehr als nur schöne Bilder erwartet.


Wertung:

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Spannung:

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Produkte (Taniguchi, Jiro):
Gipfel der Götter, Band 2
Gipfel der Götter, Band 4
Gipfel der Götter, Band 5
Bis in den Himmel

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Infos:

Serie:

Gipfel der Götter

Autor:

Taniguchi, Jiro

Co-Autor:

Yumemakura, Baku

Verlag:

Schreiber & Leser

Erschienen:

01.10.2007

Kritiker:

Arielen

Sprache:

Deutsch

ISBN oder
ProduktID:

9783937102719

Seiten:

309

Preis:

16,95 €

Typ:

Manga

 

Special:

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