Rezension von Christoph Mann
Wenn das gesellschaftliche System Kritik verbietet, sie zensiert und unter Strafe stellt, benötigt der literarische Kritiker einen Code, eine Verschlüsselung, etwas, was dem aufmerksamen Leser kritische Andeutungen ersichtlich macht, aber doch indirekt genug ist, um als reine Phantasie gelten zu können.
Berühmt wurden Arkadi und Boris Strugatzki durch ihre gesellschaftskritische phantastische Literatur, in der sie zukünftige Gesellschaftssysteme zeichneten, welche unübersehbar eine Übersteigerung des sowjetischen Totalitarismus waren und auch als Warnrufe einer fatalistischen Entwicklung verstanden werden konnten. Nicht zu Unrecht gelten die Brüder als die bedeutendsten Vertreter der russischen modernen Phantastik, denen die Kombination kluger Literatur mit Phantastik und Gesellschaftskritik gelingt.
Nach dem Tod von Arkadi Strugatzki im Jahr 1991 setzt der jüngere, 1933 geborene Boris das Werk der beiden fort und knüpft an der Konzeption der bisherigen Romane an. Wie bereits sein erster alleine verfasster Roman „Die Suche nach der Vorherbestimmung“ wurde auch „Die Ohnmächtigen“ in Russland mehrfach preisgekrönt.
Im Zentrum des Romans steht der „Sensei“, in welchem grausame Experimente der Stalin-Ära die Fähigkeit erweckten, durch merkwürdige Fragen in die Psyche junger Menschen hineinzublicken, deren Talente zu entdecken und diese zu öffnen. Als Ergebnis seiner „Beratung“ entsteht der Kreis jener mittlerweile gealterten Männer, welche die „Ohnmächtigen“ sind – Menschen mit einer besonderen Begabung, ob es nun die mentale Kontrolle von Insekten, die Fähigkeit zur psychischen Beeinflussung anderer, der Blick in die Zukunft, ein absolutes Gedächtnis oder das Talent zu maßlosem Hass ist.
Einer von ihnen, Wadim, wird durch den ominösen „Ajatollah“ grausam unter Druck gesetzt, nicht nur die Zukunft zu erkennen, sondern sie auch zu verändern. Und zwar dahin, die Wahl eines „intellektuellen“ Präsidentschaftskandidaten durchzusetzen. Wadims Weg zur Initiierung der Fähigkeit der Steuerung der Zukunft führt ihn durch die mentale Hölle und lässt seine Psyche zerbrechen. Ob dieser unmenschliche Preis nun zur Gestaltung einer besseren Zukunft im postsowjetischen Russland führt, steht auf einem anderen Blatt...
Beim Lesen des Buches wagt man kaum, auf ein positives Ende zu hoffen. Zu finster, bitter und depremierend ist die Grundstimmung, Strugatzkis Bild von Russland zeigt sich schon recht früh in jenem Gesandten des Ajatollahs, der Wadim zuerst foltert und anschließend sagt: „Nun seien Sie doch nicht beleidigt, es war ja nicht persönlich gemeint, ist nur eine Arbeit wie jede andere auch.“
Dabei ist es auch weniger der konkrete Verlauf der komplexen Geschichte, was den Leser an das Buch fesselt. Vielmehr führt Boris Strugatzki mit großer Stilsicherheit, präzisen Schilderungen von Personen und Charakteren auf labyrinthischen Wegen durch einen Nebel, hinter dem sich die Hintergründe des Geschehens, der Status Quo der „Ohnmächtigen“ und ein klarer – wenn auch bitterer – Blick auf die Welt verbergen. Dass Boris Strugatzki dabei vielfach die Perspektive sowie den Erzählstil wechselt, ohne dass ihm dabei die Aufmerksamkeit des Lesers auch nur im Mindesten entgleitet, nötigt großen Respekt vor seiner Kunst des Schreibens ab. Auch fällt auf, dass in dem mittlerweile über siebzig Jahre alten Strugatzki die Lust am Spiel mit der Sprache noch lange nicht erlahmt ist. In diesem Buch hat er sich besonders auf das Werkzeug der Klammer eingeschossen, durch welche ironische, zynische oder erläuternde Anmerkungen in den Strom des Fließtextes eingebracht werden.
In der Literatur der Strugatzki-Brüder, so heißt es, sei doch immer noch ein Funken der Hoffnung zu erblicken gewesen. Dies ist bei Boris Strugatzki, sei es durch das Hinscheiden seines Bruders und Co-Autors, sei es durch die Enttäuschung an der „Demokratisierung“ Russlands, definitiv nicht mehr der Fall. Vielmehr ist es der bittere Blick eines alten Mannes, in welchem sich eine große Enttäuschung über ein Leben zeigt, welches auf den Tod und körperlichen Verfall zusteuert, welches in seinem Verlauf zum Verlust des Glaubens an das Gute im Menschen wie auch an der Hoffnung an ein gutes Leben unter der Politik des eigenen Landes führt. Die „Ohnmächtigen“ als Parabel auf den machtlosen russischen Intellektuellen, von der Macht des „Sensei“ dazu bestimmt, in der Gesellschaft zu wirken, im Prinzip mit einem guten Willen gesegnet, führen ihr Leben in Untätigkeit, verzweifeln an der Gesellschaft, werden zynisch oder resigniert und verbringen ihre Beisammensein angesichts nicht unbedeutender Probleme mit Witzen und heiteren intellektuellen Wortspielen. Gerade das Klopfen von Zitaten zieht sich als Thema durch das gesamte Buch, quer durch ein weites Spektrum der Literaturgeschichte wird zitiert; Strugatzki sucht der Natur dieses Romans entsprechend vor allem die düsteren, lebensverneinende Zitate.
Dass eben jene zwar als Zitat ausgewiesen, doch nur selten mit der Quelle genannt werden, bedeutete für den Übersetzer Erik Simon eine kaum zu fassende Arbeit. Diesem gelang neben einer fehlerfreien und tadellosen Übersetzung nicht nur die wohl bestmögliche Transformation der oft nur im Russischen verständlichen Witze, Wortspiele und Andeutungen, von denen das Buch nur so wimmelt, sondern auch das Auffinden jener Zitate, auf deren Quellen er dann im Anhang verweist.
Da schließlich auch der Verlag Klett-Cotta sich alle Mühe gegeben hat, das Buch sowohl in der Auswahl der Schriftart für die Überschriften und der Titelgestaltung optisch ansprechend zu gestalten, kann als Fazit nur die Empfehlung stehen, „Die Ohnmächtigen“ als Geschenk unter den Weihnachtsbaum verwandter Freunde kluger phantastischer Literatur zu legen; es handelt sich hier um ein durch und durch gelungenes Werk, welches beweist, dass die zeitgenössische russische Literatur entgegen zweifelnder Stimmen mehr als „postmodern“-abstrakte und versaute Bücher (Pelewin, Sorokin) oder heitere Unterhaltungsliteratur (Akunin etc.) hervorbringen kann. Gerade dem Leser, der durch Sergeij Lukianenkos Wächter-Trilogie in die russische Phantastik eingetaucht ist, aber in Lukianenkos Romanen bei aller grandiosen Spannung den intellektuellen Anspruch vermisst, sei hiermit „Die Ohnmächtigen“ ans Herz gelegt.