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Alte Häuser haben ihre eigene Geschichte. Viel ist in ihnen geschehen, viel wurde in ihnen getan. Sehr alte Häuser haben eine noch längere Geschichte und sie wird umso bedrückender, je unwirtlicher die Ereignisse waren, die in ihnen geschahen. Was für eine Geschichte bildet dann erst ein Selbstmord? Welche Verbindung zwischen dem Haus und dem Geschehen wird da aufgebaut? Ganz sicher entsteht keine fröhliche Stimmung, besonders dann, wenn sich die Schatten ausbreiten. Es ist nicht zu empfehlen, hinter die Schatten schauen zu wollen, denn was sich dahinter verbirgt, sollte auch besser verborgen bleiben. Genau dies wird in der Erzählung "Schatten" beschrieben. Sie ist die erste Erzählung dieses Sammelbandes und spielt in einem alten Haus in Wales. Ein Fotograf möchte dort eine Nacht verbringen und Bilder von diesem Haus machen. Klingt dies abgedroschen? Ganz sicher, diese Nacht wird die unheimlichste Nacht, die der Fotograf je erlebt hat. Konnte man das ahnen? Ja. Aber das Grauen wird dennoch deutlich sichtbar. Alte Pfade mit neuer Atmosphäre, mehr muss man zu dieser Erzählung nicht sagen.
Bedeutet das "X" auf einer Schatzkarte "Schatz"? Was tut man, wenn man eine Karte findet, auf der eine Insel abgebildet ist mit einem "X" drauf? Wenn man dazu noch die Geschichte hört, dass an genau der mit "X" bezeichneten Stelle ein Piratenschiff untergegangen sein soll, voll beladen mit Schätzen, dann wird man schon glauben, dass "X" "Schatz" bedeutet. Dies möchte uns Markus Korb in der Geschichte ´ "X" bedeutet "Schatz" ´ Korb weismachen. Aber viel mehr zeigt er auf, was sich noch alles hinter einem "X" verbergen kann. Immerhin ist das "X" eine Variable, eine Unbekannte und in welcher oder besser in wessen Rechnung sie vorkommt, weiß man nicht, bevor man die Rechnung gelöst hat. Eine moderne Geschichte um Schatzsucher, alte Piratenschätze und eine einsame Insel im Südmeer. Dezent angedeutet verbirgt sich etwas Schauriges auf der Insel und wird nie so ganz benannt. In Andeutungen zeigt Markus Korb an, was den Schatzjägern widerfährt, aber ausgesprochen wird es nicht. Eine Geschichte mit dezentem Horror, voll ungreibarem Schrecken. Ein langsamer Einstieg in die Geschichte, der die Entwicklung andeutet und sich allmählich zu einem nicht abgeschlossenen Finale hinzieht. Sehr gelungen und wieder einmal ein alter Pfad der neu begangen wird. Die Idee hinter einer Gespenstergeschichte angesiedelt auf einer einsamen Insel, verbunden mit einem alten Piratenschatz ist nicht neu, aber gewiss in vorliegender Form absolut lesbar und spannend.
Mit einem Gesicht am Fenster ist der Auftakt zur dritten Erzählung in diesem Band gegeben. Auf einer abgelegenen Ostseeinsel besucht ein Junge seine Großeltern, die alleine auf dieser besagten Insel leben. Es ist eine düstere Zeit, die Nazis herrschen in Deutschland und der Krieg herrscht in Europa. Dieses Geschehen läuft am Rande mit, findet jedoch in der Ostsee nur wenig Beachtung. Der Schrecken den ein Gesicht mitten in der Nacht am Fenster bewirken kann ist da viel größer. Ein starrendes, erschreckendes Gesicht, das von außen in ein Zimmer hinein guckt. Alleine dies ist eine schreckliche Vorstellung, wie viel schrecklicher muss sie sein, wenn man sie sich auf eine Insel denkt, auf die so schnell kein Fremder kommen kann? In den ersten beiden Geschichten hatte man den Eindruck, sie würden in vergangenen Zeiten spielen und stellte dann überraschend fest, dass sie in der Gegenwart angesiedelt sind. In der jetzt besprochenen Geschichte ist es genau anders herum, man meint sie würde in der Gegenwart spielen, dabei ist die Handlung während des Zweiten Weltkriegs angesetzt. Der Krieg und die Nazis bilden eine Kulisse für die Erzählung, dominieren sie jedoch nicht. Bis auf das Ende erscheint sie mir sehr gut und gerade das Spiel mit der Ungewissheit beim Leser, was sich nicht zu letzt darin äußert, dass man nicht sicher ist, zu welcher Handlungszeit eine Erzählung spielt, ist ein gutes Mittel um Überraschungen zu überzeugen. Dies ist in dieser stimmungsvollen Geschichte auch geschehen, deren Ende mich jedoch etwas überrascht. Es wirkt leicht konstruiert, da nicht klar ist, welche Verbindung zwischen den vorherigen Ereignissen und dem Ende bestehen. Es gibt ein mehrmaliges Auftauchen des Grauens in dieser Geschichte, aber hinter diesem Grauen steckt keine Motivation und keine Erklärung. Sicher, vielleicht mag es das Besondere am Grauen sein, dass es eben nicht erklärbar ist, aber für eine Erzählung ist zu vieles unmotiviert, was bei dieser Geschichte einen eher ungünstigen Eindruck hinterlässt. Dennoch, man muss es sagen, ist sie sehr gut geschrieben und wäre mit einer leichten Variation am Ende, so sehe ich es, genau so hervorragend wie die anderen beiden geschilderten Erzählungen. Als Anmerkung sei noch zu sagen, dass sicherlich die Ostsee für ihre Gezeiten nicht sonderlich bekannt ist, aber dieses Detail, nämlich die ausgeprägte Ebbe und Flut, ruhig übersehen werden können. Dadurch wird die Geschichte nicht zerstört und man kann solche kleineren inhaltlichen Fehler durchaus verkraften.
Nachdem nun die ersten drei Geschichten ausführlicher vorgestellt und kritisiert wurden, soll dies auch genug sein. Auch ohne ausführlicher auf einzelne Geschichten einzugehen, kann man sagen, dass es eine große Abwechslung gibt. Markus Korb schreibt nicht nur Gespenstergeschichten, sondern hat etwa auch mit "Van Deres Gewächshaus" einen weniger durch Gespenster als durch den verdrehten Geist und die Emotionen der Menschen bewirkten Horror beschrieben. Damit stellt diese Geschichte eine interessante Variation zu den anderen Geschichten dar. In den einzelnen Geschichten finden sich, mal mehr und mal weniger, Anspielungen. Und zwar sowohl historische, wissenschaftliche, mythologische oder literarische Anspeilungen. Markus Korb fordert seinen Leser gehörig, wenn er mal griechische Mythologie als Bezugspunkt verwendet, ein anderes Mal dagegen Botanik. Aber immer sind diese Bezüge passend, wenn auch nicht jeder Bezug ohne weiteres verständlich ist. Ein solcher Bezug tritt zum Beispiel in der Erzählung "Der verbotene Hain" auf, dort findet man die Wendung "aristotelische Ideen". Sicherlich muss man ein wenig Grundwissen in Philosophie mitbringen, um diese Wendung zu verstehen. Aber dies macht gerade den Reiz aus, dass sich Markus Korb traut, über alltägliches Wissen hinaus zu gehen und seinem Leser fordernde inhaltliche Bezüge anzubieten. Die Beschreibungen die er damit aufbaut gewinnen an Originalität. Nebenbei soll kurz angemerkt sein, dass mit der Wendung "aristotelische Ideen" Markus Korb, so sehe ich es, daneben gegriffen hat. Aristoteles war es nicht der für seien Ideenlehre bekannt war, sondern Platon. Aber dies ist ähnlich wie die Beschreibung Ostsee als ein Meer mit sichtbaren Gezeiten. Dies ist kein sich auf den Inhalt des Buches auswirkendes Problem und muss nicht einmal wahrgenommen werden, wenn man sich nicht zufällig mit dem Stoff etwas auskennt.
Die Breite seines Könnens zeigt Markus Korb auch in der Erzählung "Die kalte Anni", in der er übernatürliche Schrecken mit dem Schrecken des normalen Lebens verbindet. Man weiß am Ende nicht, was das eigentlich grausige an der Erzählung war. Jedenfalls sieht man an ihr deutlich, dass Markus Korb nicht auf übernatürliche Erscheinungen angewiesen ist, um einen Alptraum zu erschaffen. Es reicht aus, wenn man sich das menschliche Leben ansieht. Eine nihilistische und nachdenklich stimmende Geschichte, die hervorragend im Kontrast zu den ersten Erzählungen des Bandes steht. Damit spiegelt sich zugleich die große Breite der Erzählungen wieder. In eine ebensolche Richtung geht auch die bereits genannte Erzählung "Van Deres Gewächshaus".
Abschließen kann man diese Rezension nicht ohne auch auf die Namensgebende Geschichte "Insel des Todes" eingegangen zu sein. Eine wirklich sehr düstere und atmosphärische Erzählung, die die längste Erzählung des gesamten Buches ist. Markus Korb baut eine drückende Atmosphäre auf und schildert ein sehr lebendiges altes Gebäude, welches dem Leser sehr plastisch vor Augen rückt. Die Geschichte überzeugt sehr, reicht jedoch leider noch nicht an die besten Sequenzen in den Büchern etwa eines Graham Masterton heran, der ebenfalls sehr bedrückende und authentisch wirkende Szenarien in Häusern beschreibt, dabei jedoch noch etwas stärkere Spannung aufzubauen vermag.
Insgesamt sind die Geschichte sehr gut gelungen. In Hinsicht auf den sprachlichen Stil, war ich sehr erfreut endlich wieder einen sich etwas abhebenden und ansprechenden Stil zu lesen. An der ein oder anderen Stelle mag der Stil von Markus Korb etwas antiquiert wirken, in den meisten Kontexten ist er jedoch genau passend gewählt und ist nicht zu letzt ein wichtiger Faktor im Aufbau der Spannung. Spannung findet sich in diesem Buch genügend, dies kann man nicht bestreiten. Mit bei trägt dazu vor allem auch die Abwechslung, die Markus Korb bietet. Zwischen den einzelnen Geschichten gibt es genügend Variation, sodass man sie problemlos hintereinander weg lesen kann, ohne dass sie monoton erscheinen. Ansonsten bleibt nicht viel zu sagen. An einigen Ecken und Kanten gibt es ein paar Unstimmigkeiten in den Details, diese finden sich aber in fast allen Büchern. Da muss man gewiss nichts drum geben. Was vielleicht im Zusammenhang mit Gespenstergeschichten noch behandeln sollte, ist die Spannung. In letzter Zeit habe ich kaum Neuerscheinungen in der Sparte der gruseligen Literatur gelesen, die es in Spannung mit Markus Korbs Geschichten aufnehmen können. Vor allem liegt dies auch daran, dass er eine dezente düstere Atmosphäre errichtet und nicht auf Effekthascherei und Superlative aus ist, wie es andere seiner Kollegen zu sein scheinen. Dennoch fehlen mir die echten Gänsehautmomente, die man in den Büchern von Graham Masterton findet. Vereinzelt kam Markus Korb einer solchen Atmosphäre jedoch sehr nahe. Ich glaube, wenn man auf düstere Literatur steht, wird man über kurz oder lang nicht an Markus Korb vorbei kommen. Zwar kann er sich noch nicht mit allen Autoren messen, schneidet in meiner Wertung aber deutlich besser ab, als vieler seiner Kollegen. Vor allem versteht er es intensive und anschauliche Beschreibungen zu geben. Seine Sprache ist dabei sehr metaphorisch und passt hervorragend zu unerfahrbaren und neuartigen Dingen, wie sie im Rahmen von Gespenstergeschichten nun einmal thematisiert werden. Durchaus kann ich dieses Buch nur Loben, da mich keine der Geschichten enttäuscht hat. Im Gesamteindruck ist da Buch daher überzeugend, was auch durch die sehr gut gelungene Illustration auf dem Cover und die paar Illustrationen im Buch verstärkt wird. Dies rundet den Eindruck ab und zeigt dem Leser, dass er ein gut durchdachtes Werk in der Hand hält. Nachdem ich einige Unstimmigkeiten und mich nicht ganz überzeugende Stellen geschildert habe, kann ich diesem Buch nicht die Bestnote vergeben. Unweigerlich hätte es diese aber verdient, wenn man andere Autoren und ihre Erzählungen in den direkten Vergleich stellt. Ich bin mir sicher, dass jeder Leser mit diesem Buch etwas anfangen können wird, selbst wenn ich nur die zweitbeste Wertung vergebe. Dies soll das Buch in keiner Weise abwerten sondern nur aufführen, dass dem Buch doch das letzte Etwas fehlt. Irgendetwas was die Gänsehaut konstant hält und nicht nur dann und wann hervorruft. Aber das Gänsehaut entsteht, ist doch das beste Indiz dafür, dass Markus Korb sein Handwerk versteht. Dies hat er auf alle Fälle unter Beweis gestellt.
Die elf im Buch veröffentlichten Geschichten sind: Schatten "X" bedeutet "Schatz" Das Gesicht am Fenster Schattenverwobener Pavillon im Licht der ringförmigen Dunkelsonne Van Deres Gewächshaus Bungalow am Strand Der verbotene Hain Lost America Die Kapelle im entlegenen Teil des Dorffriedhofes Die Kalte Anni Insel des Todes
Gesamt:
Anspruch:
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Interview(s):Nachts
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Autor:
Korb, Markus K.
Verlag:
Eloy Edictions
Erschienen:
01.03.2006
Kritiker:
Jens Fleischhauer
ISBN oderProduktID:
9783938411063
Seiten:
242
Preis:
13 €
Typ:
Taschenbuch
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