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Vincent & Van Gogh (Kritik)


Rezension von Schwertfang

Autor: Smudja, Gradimir

Was wäre, wenn Vincent van Gogh, zu Lebzeiten ein verkanntes Genie, dessen Werke heute einen unbezahlbaren Wert haben, gar kein genialer Künstler gewesen ist, sondern jemand anderes für ihn die Bilder gemalt hat? Und was wäre, wenn das auch bei anderen Künstlern der klassischen Moderne, wie Monet oder Gauguin die Fähigkeiten anderer nutzen - zum Beispiel den schöpferischen Kräften ihrer Haustiere? Der jugoslawische Zeichner Gradimir Smudja geht dieser Frage auf den Grund und verbindet eindrucksvoll in einem Comicband jene klassische Moderne mit den Elementen der francobelgischen Comickunst. In Vincent & Van Gogh ist es ein kleiner roter Kater, welcher für Theo van Gogh die legendären Sonnenblumen malt und auch jedes andere Kunstwerk schafft, welches man heute dem großen, jedoch geisteskranken Künstler zuschreibt.

Van Gogh ist ein erfolgloser Kaufmann und Künstler aus Holland, dessen Werke regelmäßig von den großen Künstlern von Paris wie Monet oder Toulouse-Lautrec verrissen werden. Was immer er auch versucht, um Inspiration zu erlangen und seinen Stil zu verbessern, scheitert, da ändert auch eine Reise in die Provence des späten 19. Jahrhunderts nichts. Doch in einer Seitengasse rettet er einen schwerverletzten roten Kater vor seinen zornigen Artgenossen und muss selbst Hiebe einstecken. Er pflegt den kleinen Kater gesund und stellt bald fest, dass dieser künstlerisch begabt ist: er verändert sein Sonneblumenbild mit einigen wenigen Tatzenhieben so, wie wir es heute kennen. Der Kater, ein Genie, was Theo van Gogh versagt bleibt, stellt sich als Vincent vor, und fortan bilden beide ein Paar: der Kater, der aus einer Familie von großen Künstlern stammt (welche unter anderem für gewisse Herren Rembrandt und Delacroix arbeiten mussten), zeigt van Gogh, wie man es anstellt. Wie aus dem Nichts findet er Inspiration und die Eingabe, etwas Geniales malen zu können. Beide freunden sich mit einer Zypresse an, welche selber ein wenig die Bilder Theos weitermalte. Mit dem Baum verbindet die beiden ein besonderes Geheimnis. Theo wünscht sich nicht nur, so malen zu können wie Vincent, er möchte auch, dass der Kater es ihm beibringt, ganz gleich, dass andere Meister wie Monet (hier ist es dessen Papagei) ebenfalls nur ihre Tiere malen lassen.

Doch Theo erweist sich als unfähig, als künstlerisch unbegabt. Vincent verzweifelt schnell an ihm und wendet sich lieber anderen Dingen zu - zum Beispiel den Katzendamen. Theo hätte ahnen müssen, dass sein genialer Freund als Kater auch seine Schattenseiten hat: Vincent erlebt zahlreiche amouröse Abenteuer und hat einen Hang zum Kunstraub: er stiehlt, säuft und hurt. Wiederholt streiten sich beide, Vincent will Theo verlassen, van Gogh will den Spitzbuben nicht mehr in seinem Haus haben - doch am Ende vertragen sich beide wieder. Getrieben von seiner Gier treibt es Vincent an die Spitze - Kunstraub, schwerer Diebstahl, Geldfäschung. Vincent wird verhaftet, Theo leugnet ihn zu kennen, und kauft ihn dann aus dem Gefängnis frei. Die Freundschaft der beiden wird aufgrund von Vincents kriminellen Lebenswandel auf eine harte Probe gestellt. Mehr und mehr offenbart der Kater seine starke egoistische Ader - Wein, Weib und andere Lasterhaftigkeiten stehen im krassen Gegensatz zu Vincents genialer Malkunst, und auch wenn er mehrmals versucht, dem Milieu, in welchen er aufgewachsen ist, zu entkommen, zieht es ihn zurück in die Dunkelheit. Mit Gauguin verkrachen sie sich, und eines Tages beschliet Van Gogh, sich aus Vincents Fell eine Mütze machen zu müssen - mit dem Ergebnis, dass er Theo das Ohr abreißt. Dafür wandert der Kater in die Heilanstalt, aus welche er entflieht und sich nach einem misslungenen Anlauf das Leben nimmt.

Fortan versucht Van Gogh Vincents Genialität selber einzufangen, doch es gelingt ihm nicht. Schlimmer noch, als man über den verbrecherischen Lebenswandel des Katers entfernt, wird er aus den Geschichtsbüchern getilgt - und beschert uns nun das, was Smudja hier angeblich aus einem geheimen Tagebuch van Goghs enthüllen konnte: ein Comic ganz im Stil der klassischen Moderne gehalten zu veröffentlichen, mit einer witzigen und originellen, aber auch nachdenklich stimmenden Geschichte, hat schon selbst etwas Geniales an sich. Smudja führt uns neben van Gogh auch durch die Stile anderer großer Künstler und baut einige bedeutende historische Momente Frankreichs des 19. Jahrhunderts in die Handlung ein, welche ohne Spannungsbogen, dafür aber mit einer faszinierenden Verquickung zweier gegensätzlichen Stilrichtungen auf, welches besonders Kunst- und Zeichenfreunde begeistern dürfte, auch wenn der Versuch, van Goghs Können mit dem Comicstil zu verbinden, wohl auch für Diskussion in beiden Lagern sorgen dürfte.

Smudjas abgeschlossener Comic hat nichts mit der schnelllebigen Manga- oder Comicpopkultur gemein, sondern ist Kunst: in wunderschönen, farbenprächtigen Bildern erzählt der die mal humorvolle, mal traurig-melancholische Geschichte über den erfolglosen Händler und Künstler, der auf den Kater, das Comicelement und Herkunft der Genialität van Goghs trifft und daran nur noch mehr zerbricht. Ein Comic für die gehobenen Ansprüche, dass seinen hohen Preis von 16 Euro durch seine Originalität, seinen beeindruckenden Bildern, aber auch durch die gelungene Erzählweise rechtfertigt.


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Verlag:
Carlsen

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Infos:

Autor:

Smudja, Gradimir

Verlag:

Carlsen

Erschienen:

01.12.2004

Kritiker:

Schwertfang

ISBN oder
ProduktID:

3551748233

Seiten:

72

Preis:

16 €

Typ:

Softcover (Comic)

 

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