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Horst Bosetzky, seinen zahlreichen Fans besser als "-ky" bekannt, jenem Kürzel, unter dem er gewöhnlich schreibt, geboren 1938 in Berlin, siedelt in ebenjener Stadt in den Jahren 1940 bis 1941, mit Rückblenden, einen historischen Kriminalfall an. Er erzählt die Vorfälle in der Berliner S-Bahn nach, und das Leben des triebhaften Frauenmörders Paul Ogorzow, angefangen von dessen Kindheit bis hin zur seiner Verurteilung.
Innerhalb von zwei Jahren, von August 1938 an, kommt es im Bereich einer nur wenige Kilometer langen und acht Stationen zählenden S-Bahn-Strecke inmitten in Berlin zu einer Serie von Frauenmorden, zu versuchten Morden an Frauen und widerholten Sittlichkeitsvergehen. Das Verdunkelungsgesetz, dass nächtliche Beleuchtung, sowohl was Straßenlaternen als auch öffentliche Verkehrsmittel betrifft, untersagt, macht dies möglich. Einunddreißig Mal werden sich nächtens allein bewegende (weil aus Männermangel Schichtdienst fürs Vaterland leistende) Frauen in einem nahegelegenen Laubengelände belästigt, angefasst, mit einer grellen Lampe bestrahlt. Doch die Polizei tappt im Dunkeln. Ebenso bei den Mordversuchen und Morden: Frauen werden auf dem Heimweg überfallen, mit einem Messer verletzt oder einem Bleikabel verprügelt, zum Teil auch während die S-Bahn sich in Fahrt befindet. Der Mörder wirft seine Opfer aus der Bahn, nachdem er sich, so wie es uns der reißerische Titel des Buches verrät, "Wie ein Tier" an ihnen vergriffen hat.
Die Kommissare Baronna und Lüdtke versuchen alles Mögliche. Der weibliche Lockvogel versagt, Verhöre führen ins Leere, und nach und nach konzentriert sich Baronna darauf, jemand Unschuldigen die Sache in die Schuhe zu schieben. Doch den wahren Täter finden sie nicht, und er mordet weiter.
Dieser ist Paul Ogorzow, ein kleiner Ostpreuße von unter 30 Jahren, der als Hilfsweichenwärter für die S-Bahn arbeitet. Immer nach Beendigung seiner Spät- oder Nachtschicht zieht er los und tötet. Er selbst hat keine Gewissensbisse. Gott hat ihn so geschaffen, und anders weiß er sich nicht zu helfen. Ogorzows Vergangenheit wird erzählt, einzelne Rückblenden, denen einen ganzes Kapitel gewidmet wurde, schildern, wie es soweit kommen konnte, dass ein so kleiner Mann von 165 cm Körpergröße einen derartigen Hass auf Frauen entwickelt. Er beobachtet seinen Stiefvater dabei, wie er über seine Mutter herfällt, das Töten von Schweinen bereitet ihm Lust, wenn das Blut herausspritzt. Er beobachtet in seiner pubertären Phantasie die Mägde und wird erwischt, ein von ihnen geworfener Stein bricht seine Nase, die daraufhin für immer krumm bleibt. Er lebt in dem Glauben, sterben zu müssen, wenn er nicht regelmäßig zum Orgasmus kommt, und vergleicht seine Sexualität mit der von den zahlreichen Hoftieren, die er regelmäßig beobachtet. Jederzeit seinen Trieb ausleben, wann und wo immer man will, das wollte er auch, wenngleich man es ihm in der Schule verbot. Sein erstes Mal mit einer Frau enttäuscht ihn, später dann, als er in Paris stationiert ist, holt er sich bei einer Hure einen Tripper, ebenso in Polen. Er lernt seine Frau Gertrude kennen, die er heiratet und mit der er einen Sohn zeugt. Er vermutet stets, dass sie ihn mit jemand anderem betrügt, und er empfindet beim Akt mit ihr nichts. Schließlich kann Ogorzow nicht mehr anders - er muss seinen Trieb und seine Misogynie anders ausleben. Nur tote Frauen, die sich nicht bewegen, die sich nicht wehren und nicht reden, bereiten ihm wahre Lust.
Lüdtkes Bemühen ermöglichet es, zu Pauls Pech, dass der Kreis der möglichen Täter eingeengt wird. Jemand von den S-Bahn-Weichenstellern musste es sein, oder ein Anwohner. Lange Zeit wird ein Schreiner verdächtigt, der zur Tatzeit eines Mordes in eine Laube eingebrochen ist. Irgendwann fällt der Verdacht auf Ogorzow, und er wird vorgeladen. Doch er hält den Verhören lange stand. Lüdtke aber kann ihn, von Mann zu Mann, das Geständnis entlocken. Ogorzow gesteht und wird verurteilt. 24 Tage nach seinem letzten Mord wird er als "Volksschädling, dumpf und triebhaft" hingerichtet. Das Tier, der S-Bahn-Mörder, der die Strecke nach Erkner jahrelang terrorisierte, ist tot.
Zwei Seiten zeigt der Roman: auf der einen Seite der blendend recherchierte Fall mit einer ausführlichen und mitreißenden Erzählung von Ogorzows Leben, auf der anderen Seite eine mittelprächtige Darstellung der Umstände im Dritten Reich sowie sehr blasse Nebencharaktere. Allein Lüdtke mag der Präsenz von Paul Ogorzow standhalten, den Nebenrollen und Stichwortgebern schenkt "-ky" kaum Beachtung, wenngleich er es mit Berlinerisch und Anekdoten zu kaschieren versucht. Über ausführliches Material zum Fall Ogorzow darf sich der Leser freuen - es finden sich die original Tatortzeichnungen, ein Bild von Paul Ogorzow und Zeitungsausschnitte sowie Dokumente, vom selbstverfassten Lebenslauf des Mörders bis hin zu dessen Verurteilung. Spannend und spektakulär geht es nicht zu - man weiß, wer der Mörder ist, und man weiß auch, dass er gefasst wird. Dass dies aus dem Geständnis heraus geschieht, erhöht die Spannung auf den 336 Seiten nicht. "-ky" verzichtet jedoch auf eine genauere Umschreibung der Greueltaten Ogorzows an den Frauen, wohlwissend, dass dies nur Effekthascherei gewesen wäre.
"Wie ein Tier" ist kein gewöhnlicher Krimi, er ist ein Zeitbericht. Allein für den Mörder baut man Sympathien, vielleicht Mitleid, am wahrscheinlichsten aber Abscheu, auf. Für Fans historischer Krimis wird hier ein Leseschmaus präsentiert, andere Krimifans werden den Mangel an Spannung kritisieren. Zum Schluss knistert es nicht, aber man erhält einen blendenden Einblick in die Gefühlswelt eines Mörders, den es wirklich gegeben hat.
Gesamt:
Anspruch:
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Brutalität:
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Verlag:dtv
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Ort:
Deutschland, Drittes Reich
Zeit:
40er Jahre
Autor:
Bosetzky, Horst
Verlag:
dtv
Erschienen:
01.12.2002
Kritiker:
Schwertfang
ISBN oderProduktID:
3-423-20021-9
Typ:
Taschenbuch
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