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Der Ego-Tunnel. Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik (Kritik)


Rezension von Thomas Sch

Autor: Metzinger, Thomas

Das Bewusstsein ist spätestens seit René Descartes eines der wichtigsten Themen, eine der wichtigsten Fragestellungen, der Philosophie. Größen, wie Immanuel Kant und Jean-Paul Sartre haben Theorien über die Ursprünge und die Funktion des Ichs gesponnen. Thomas Metzinger, Professor für Philosophie an der Universität Mainz, hebt die Diskussion auf eine materialistische Ebene. In seinem populärwissenschaftlichen Buch „Der Ego-Tunnel. Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik“, beim Berlin Verlag erschienen, verknüpft er die modernen Erkenntnisse der Neurobiologie mit der Philosophie des Geistes.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Der erste Teil, „Das Bewusstseinsproblem“, erklärt Metzingers Ansichten des Bewusstseins und seine grundsätzliche Theorie des Ego-Tunnels. Bewusstsein ist das Erscheinen einer Welt. Ein Ego, ein Ich, das durch die neuronale Informationsübermittlung im Gehirn entstanden ist, baut sich einen Tunnel in die Welt hinein, in dem es sein ganzes bewusstes Leben lang bleibt, einen so genannten „Ego-Tunnel“. Die Welt außerhalb dieses Tunnels könne man nie wahrnehmen, man würde sich seine eigene Welt mit der Art, wie man die Welt betrachtet, erschaffen. Dabei täuscht sich das Bewusstsein stets selbst. Es glaubt, in einem Jetzt zu sein, die Gegenwart einer realen Welt zu erleben, und es glaubt in einer angeborenen Naivität, die Welt so zu sehen, wie sie ist.
Tatsächlich ist die Welt anders. Was wir sehen, ist nur unser eigener Tunnel, der wohl durch sein Dasein in der Welt, in Kontakt mit der Außenwelt steht, der aber trotzdem in sich geschlossen ist. Dass wir nicht in der Gegenwart sein können, steht fest, da die Informationsverarbeitung bereits Zeit verbraucht und dadurch stets eine Verzögerung zwischen dem tatsächlichen und dem erlebten Moment besteht.
Im zweiten Teil „Neue Ideen und neue Entdeckungen“ führt Metzinger einige interessante Experimente der Hirnforschung an, darunter das Gummihand-Phänomen. Probanden glauben, wenn sie lange genug durch Reize getäuscht werden, eine Gummihand sei Teil ihres Körpers, und nehmen diese Gummihand in ihr „Selbstmodell“, so Metzinger, auf. Er wirft etwa die Möglichkeit in den Raum, dass es so auch möglich sein könnte, das Bewusstsein von Menschen zur Gänze auf andere Körper hinzuprojizieren, wie es James Camerons 3D-Filmspektakel „Avatar“ etwa auch vorführt oder Menschen in virtuelle Welten zu integrieren und sie ein Leben in einem computergenerierten Selbst leben zu lassen. Geschildert wird auch das Phänomen außerkörperlicher Erfahrungen (umgangssprachlich teils auch „Astralprojektion“ genannt) oder das Gebiet luzides Träumen – Klarträume, also Träume als vollkommene, bewusste Realität zu erleben –, das die Grenzen des Bewusstseins illustriert und das einem vor Augen hält, dass jederzeit ein Aufwachmoment erfolgen könnte, dass jede Realität ein Klartraum sein könnte. Metzinger beschreibt zudem die Funktion von kanonischen Neuronen und Spiegelneuronen, die maßgeblich zum evolutionären Erfolg des Menschen und zu dessen komplexen Gesellschaftsformen beigetragen haben.
Der letzte Teil des Buches versucht sich an ethischen Problemstellungen, die sich aus den Errungenschaften der Neurologie ergeben. Wenn es bereits in gewissem Maße möglich ist das Gehirn extern zu steuern, indem man bestimmte Bereiche des Gehirns, die jeweils ihre Funktion haben, manipuliert, soll man manipulieren dürfen? Wenn es möglich ist, Menschen einem durchgehenden Zustand der Glücklichkeit auszusetzen, sollte man dies tun? Wenn es durch Pharmazeutika möglich ist, Spiritualität oder zunehmendes Konzentrationsvermögen hervorzurufen, sollten diese frei zugänglich sein? Sollte die Hirnforschung an derartigen Substanzen weiterforschen, selbst wenn sie stark missbraucht werden könnten? Kontrovers dürfte Metzingers Forderung der Legalisierung bestimmter Drogen sein, um Interessierten außergewöhnliche Bewusstseinszustände zu ermöglichen.
Metzingers Buch ist ein, auch für Laien der Naturwissenschaft, leicht verständliches Buch, das durch seine Vielfalt an unterschiedlichen Informationen schlicht und einfach fasziniert. Es liest sich fast wie ein Einblick in eine Auswahl der Kollektion eines Wissenssammlers und ist dadurch ein persönliches Buch, wie eine liebevolle Einführung für den Betrachter der Sammlung. Metzingers Theorien lassen sich teils auf, wie er selbst schreibt, autobiografische Ursachen zurückführen, etwa auf seine eigenen Erfahrungen mit außerkörperlichen Erfahrungen. Unterbrochen wird diese persönliche Haltung durch drei Interviews, die der Autor zu respektiven Themen geführt hat, eines mit Neurophysiologen Wolf Singer über die grundsätzliche Sichtweise der aktuellen Forschung auf das Bewusstsein, eines mit dem Neurophysiologen Allan Hobson über Träume und eines mit Vittorio Gallese, dem Entdecker der Spiegelneuronen. Originell ist das Werk vor allem in seinen Fragen und in seiner philosophischen Fantasie. So verblüfft etwa die Vorstellung, in anderen Teilen des Universums könnten Wesen mit einer vollkommen anderen Zeitwahrnehmung leben. „Vielleicht sind sie eingefroren in einem ewigen Jetzt oder besitzen eine phantastisch hohe Auflösung, vielleicht leben sie nur für die Dauer einiger weniger Erdminuten und erleben trotzdem mehr und intensivere einzelne Momente, als eine Million menschlicher Wesen in ihrem ganzen Leben.“
In einem assoziativen Schreibstil verknüpft der Autor alle Themen und Theorien zu einem großen Ganzen. So ganz mag „Der Ego-Tunnel“ nach der Lektüre aber nicht erscheinen. Eine Bewusstseinsrevolution, wie Metzinger sie fordert, eine breite Diskussion der neurobiologischen Erkenntnisse, ist das Buch nicht, es ist lediglich die Forderung für eine solche.

Auch wenn die Conclusio des Buches und vor allem die Versuche, eine Bewusstseinsethik zu formulieren, holprig sind: Mit interessanten Fragen und Anregungen, sich intensiver mit einzelnen angesprochenen Gebieten zu befassen, ist „Der Ego-Tunnel“ eine Lektüre mit Nachwirkung.


Wertung:

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Produkte (Metzinger, Thomas):
Bewußtsein - Beiträg...hie

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Infos:

Autor:

Metzinger, Thomas

Verlag:

Berlin Verlag

Erschienen:

01.09.2009

Kritiker:

Thomas Sch

Sprache:

Deutsch

ISBN oder
ProduktID:

9783827006301

Seiten:

352

Preis:

26,00 €

Typ:

Hardcover