Rezension von Arielen
Die 1974 geborene und heute in Norddeutschland lebende Corina Bomann hat sich nach elf Jahren Arbeit im medizinischen Bereich ganz ihrem Hobby verschrieben und die Schriftstellerei zum Beruf gemacht. Nach „Der Pfad der Roten Träume“ und „Die Spionin“ liegt nun ihr dritter historischer Roman für Jugendliche vor.
Im Jahr 1628 ist der bereits viele Jahre währende Glaubenskampf zwischen Katholiken und Protestanten, der von den Fürsten beider Lager nicht nur aus religiösen Gründen geführt wird und den man später den „Dreißigjährigen Krieg“ nennen wird, für die Bürger von Stralsund noch eine ferne Bedrohung, die man weit sich weit weg wünscht und das Leben scheint so wie immer zu verlaufen.
In dieser Zeit erlebt die junge Anneke Thießen einen Schicksalsschlag, der ihr Leben grundlegend verändern wird. Als ihre Mutter Johanna stirbt, steht die Fünfzehnjährige alleine da. Zu diesem Zeitpunkt taucht ein Fremder auf und behauptet, ihr Vater zu sein und nur nicht zu ihr gestanden zu haben, weil die Mutter es so wollte.
Anneke staunt nicht schlecht, denn das bedeutet, das sie keine Waise ist, deren Vater vor ihrer Geburt starb, sondern das Kind einer außerehelichen Beziehung. Da das Leben alleine für ein Mädchen sehr schwer werden dürfte, bleibt ihr gar nichts anderes übrig, als das Angebot anzunehmen und in das Haus des wohlhabenden Kaufmanns Roland Martens zu ziehen. Bis auf dessen jüngeren Sohn Hinrich, nehmen sie alle freundlich auf und kümmern sich nach besten Wissen und Gewissen um sie. Anneke muss sich an einige ihr fremde Dinge gewöhnen – das Tragen eines Stütz- und Schnürmieders etwa, und Benimmregeln die sie vorher noch nicht kannte. Ihr Leben verändert sich schrittweise.
Dann aber greift der Krieg nach Stralsund und Roland Martens beschließt, seine Tochter zu seiner Schwester nach Stockholm zu schicken. Er möchte nicht, dass sie durch die Soldaten ein Schicksal erleidet, dass schlimmer ist als der Tod.
Doch in der schwedischen Hauptstadt erwartet Anneke kein freundlicher Empfang. Frieda Bollerstrue macht sehr schnell deutlich, was sie von dem „Bankert ihres Bruders“ hält und bringt das Mädchen dazu, das Haus zu verlassen und sich anderswo Unterkommen zu suchen. Doch genau das ist das Beste, was ihr passieren kann, denn so bekommt sie immer wieder Informationen aus ihrer Heimat und lernt schließlich auch Ingmar, die Liebe ihres Lebens kennen - einen jungen Schiffsbauer, der in die Fußstapfen seines Vaters getreten ist.
„Sturmsegel“ verknüpft historische Ereignisse wie den „Dreißigjährigen Krieg“, seine Auswirkungen auf den Nord- und Ostsee-Raum und dessen Bewohner, und lokale Legenden und Mythen mit der fiktiven Geschichte eines jungen Mädchens, das zwar zunächst eher am Rande der Gesellschaft lebt, dadurch aber überraschende Freiheiten genießt, die ihr später dabei helfen, in Stockholm zu überleben.
Anhand der kleinen und etwas besser gestellten Leute der Stadt macht sie deutlich, welche Auswirkungen der Vorstoß Wallensteins auf Stralsund hat und welche Machenschaften sich im Schatten des Machtwechsels abspielen können. Denn zum Ende hin wird die Geschichte noch einmal durch eine Rettungsaktion recht spannend, in der ein Huhn die Hauptrolle spielt, das eng mit Annekes Schicksal verknüpft ist.
Die Erlebnisse der jungen Heldin sind jugendgerecht aufgearbeitet und dürften vor allem Leserinnen zwischen zwölf und fünfzehn Jahren ansprechen, die eine gute Mischung aus Freundschaft, Abenteuer und Liebe mögen. Dabei bleibt die Geschichte des Mädchens stimmig, denn auch wenn Anneke eine selbstbewusste junge Frau ist, so fügt sie sich doch den Konventionen ihrer Zeit, wenn es sein muss.
Kleine Details schaffen Atmosphäre und betten die Geschichte fest in die Zeit ein. Da ist einmal die Sage vom Rattenkönig, die deutlich macht, dass die Stadt mit einer Rattenplage kämpft, die schon bald durch die eingeschleppte Pest dramatischere Folgen haben wird. Klaus Störtebeker wird ebenfalls erwähnt. In Schweden erfährt man mehr über den berühmten schwedischen Soldatenkönig, aber auch über das Debakel, das dem Untergang seines neuen Flaggschiffes „Vasa“ folgte.
Alles in allem ist „Sturmsegel“ ein vielleicht nicht gerade actionreicher, aber dennoch spannender und stimmungsvoller Einblick in eine Zeit der Wirren, die gerade der Ostseeraum anders erlebte als der Rest von Deutschland.