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Der Barbier von Bagdad: Leben, Sterben, Glauben im Irak (Kritik)


Rezension von Astrid Hintermeier

Autor: Flieder, Paul

Der gebürtige Wiener Paul Flieder wurde 1997 in Tirana vom Bürgerkrieg überrascht und berichtete live für den ORF. Seither besuchte er immer wieder den Irak für seine Reportagen, bereiste aber auch den Balkan, die Mongolei und den Nahen und Mittleren Osten. Seine Berichte zeichnen sich durch die klare Sprache, den Wahrheitsgehalt und vor allem die Gespräche mit den wirklichen Bewohnern aus.

Was Paul Flieder hier geschrieben hat, lässt sich nur schwer beschreiben. Er berichtet von seiner letzten Reise in den Irak, hochaktuell, brisant und humorvoll. Die meisten Berichte aus Bagdad kommen aus der „Grünen Zone“, einem sicheren Bereich in der Stadt, der durch strengste Sicherheitskontrollen vom Rest des Landes getrennt ist und in dem man tatsächlich sicher ist. Es gibt weder Bombenattentate, noch Entführungen innerhalb der Zone, keine Armut und erst recht keine Extremisten. Dementsprechend haben die Reporter, die nur hier berichten, nichts vom Land gesehen und erst recht nicht mit seiner Bevölkerung gesprochen. Paul Flieder hingegen wohnt mitten in Bagdad, mischt sich unter die Leute (allein schon, um nicht entführt zu werden) und sucht den Austausch. Dreh- und Angelpunkt seines Buches ist der Laden von Khalid, dem „Barbier von Bagdad“. Da es keine Restaurants und Bars mehr gibt, werden auch die Orte, an denen man gesellig zusammenkommt, immer weniger. Der Barbiersalon ist eine der letzten Bastionen der alten orientalischen Kultur, hier wird diskutiert wie eh und je. Und durch Khalid lernt Paul Flieder auch Menschen kennen, die ihm vertrauen und vom wahren Leben im Irak berichten. Von der ständigen Angst vor Attentaten, von dem Leben mit den vielen behinderten Familienmitgliedern, vom stark steigenden Analphabetismus, dem Mangel an gebildeten Fachkräften und dem Kampf um eine freie Religion. Immer wieder kommt zum Ausdruck, dass die normalen Einwohner ihrer eigenen Polizei nicht trauen, die zum Großteil korrupt ist und oft die am besten durchgeführten Entführungen organisieren.
Besonders am Herzen liegt dem Autor die zunehmende kulturelle Verarmung Bagdads. Waren die Iraker früher noch stolz auf ihre Aussage: „Die Jordanier schreiben die Bücher, die Libanesen drucken sie und wir lesen sie“, kann man heute schon froh sein, wenn junge Menschen überhaupt lesen können. Englisch wird zwar unterrichtet, aber nicht gesprochen und hat somit auch keine Bedeutung. Besonders schwierig wird so natürlich die Unterhaltung, da arabisch extrem auslegungsfrei ist und man einen Dolmetscher braucht, der die europäische Kultur kennt.

Trotz aller Widrigkeiten, besonders was die Sprache betrifft, hat Paul Flieder hier einen faszinierenden Bericht verfasst. Erlebnisreportagen von ausländischen Reportern sind sehr mit Vorsicht zu genießen, da sie, wie beschrieben, meist die Grüne Zone nicht verlassen und vor allem nie mit Einheimischen ins Gespräch kommen. Auch Flieder spricht immer wieder von den großen Problemen, überhaupt Menschen zu einem Interview überreden zu können. Das Vertrauen in Fremde ist gefährlich. Und auch, wenn Gespräche stattfinden, ist fraglich, wie viel des Erzählten der Wahrheit entspricht. Der Übersetzer war hier stark gefordert und immer wieder wird dessen Einschätzung wiedergegeben, damit der Leser sich selbst ein Bild machen kann. Oft zweifelt man, genau wie der Autor, zunächst an den Geschichten. Man mag nicht glauben, wie sich eine Regierung der eigenen Bevölkerung gegenüber verhält. Man kann nicht glauben, wie willkürlich die amerikanische Armee immer wieder handelt. Und doch häufen und ähneln sich die Augenzeugenberichte.
Es ist schwierig, bei Flieders trockener Sprache und dem noch trockeneren Humor, nicht laut loszulachen, wenn er von den Verhören der Regierungsbeamten und Polizisten spricht, die er erlebt hat. Doch dann wird einem plötzlich mit Schrecken bewusst, was die Menschen, die in Bagdad leben, tagtäglich ertragen müssen. Man fragt sich, wie die Familien es aushalten, ein Kind nach dem anderen zu verlieren, sich um die vielen Bombenopfer zu kümmern und immer wieder die horrenden Mietpreise zahlen zu können. Nur um dann den letzten Rest in die teuren Arztbesuche zu investieren, die natürlich nicht von der Regierung übernommen werden.
Die farbigen Fotos zeigen die Hauptpersonen des Buches, die Lebenssituation Khalids und einige Straßenzüge, so dass man sich ein Bild vom Alltag machen kann.

Dieses Buch ist großartig. Es ist lebensnah, es ist echt, es ist fair. Der Autor schreibt ehrlich, er zeigt offen auf Lücken, die er nicht klären konnte und stellt Vermutungen an. Es ist ein realistischer Bericht über die aktuelle Situation des Irak.


Wertung:

Gesamt:

Anspruch:

Spannung:

Brutalität:

Aufmachung:

Gefuehl:

Humor:

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Infos:

Autor:

Flieder, Paul

Verlag:

Residenz

Erschienen:

01.09.2009

Kritiker:

Astrid Hintermeier

Sprache:

Deutsch

ISBN oder
ProduktID:

978-3701731480

Seiten:

204

Preis:

19,90 €

Typ:

Taschenbuch

 

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