Rezension von Arielen
Der 1925 geborene Brian W. Aldiss gehört nicht nur zu den angesehensten Science Fiction-Autoren sondern auch zu den bekanntesten Gegenwartsautoren Großbritanniens. Er ließ es sich nicht nehmen, immer wieder auch die heutige Gesellschaft auf den Prüfstand zu stellen und entsprechende Entwicklungen weiter zu spinnen und nicht nur die positiven Seiten des Fortschritts zu sehen. Zusammen mit Michael Moorcock und J. G. Ballard begründete er in den späten 1960er Jahren die „New Wave/Inner Space“-Bewegung im phantastischen Genre, durch das auch immer mehr experimentelle Texte veröffentlicht wurden, die sich dem Leser nicht sofort auf den ersten Blick erschlossen, sondern zum Nachdenken zwangen. In seinem Alterswerk „Terror“ beschäftigt er sich nun mit einem besonders brisanten und aktuellen Thema: Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Paranoia.
In einer nicht näher definierten Zukunft ist Großbritannien zu einem strengen Überwachungsstaat geworden. Die verschiedenen Terrrorakte nach dem 11.09.2001 haben die Regierung dazu gezwungen, härter durchzugreifen und vor allem die Menschen unter die Lupe zu nehmen, die aus anderen Ländern kommen. Dass dabei auch unschuldige Bürger des Landes unter die Räder geraten wird in Kauf genommen.
Paul Fadhil Abbas Ali, der zwar lange in England gelebt hat, aber muslimische Wurzeln besitzt, gerät zwischen die Fronten, als er in einem satirischen Text die Ermordung des Premierministers durch einen radikalen Terrorakt persifliert. Man verhaftet ihn und bringt ihn in ein Hochsicherheitsgefängnis.
Dort beginnen Tage voller Qual, in denen er stundenlang verhört, erniedrigt, gefoltert und psychisch gequält wird. Man versucht zunächst herauszubekommen, ob und inwieweit er Kontakt zu islamistischen Gruppen hat, um später nur noch ein Geständnis zu erpressen. Doch der junge Mann widersteht, denn er flüchtet sich in seiner Phantasie auf einen anderen Planeten, auf dem es all diese Probleme nicht mehr zu geben scheint und die Ordnung der Gesellschaft jedem Sicherheit schenkt, der sich ihr fügt. Rassengrenzen scheinen aufgehoben zu sein, ebenso wie die Erinnerung an das Leben auf der Erde. Diesmal findet er in seinem Kampf gegen den Tyrannen allerdings Verbündete.
Doch auch in seiner Phantasie werden die demokratischen Grundrechte des Menschen langsam außer Kraft gesetzt und ein tyrannisches Regime beginnt ihn und seine Freunde zu quälen und zu vernichten. Und so muss sich der Schriftsteller nun endlich der Wahrheit und Realität stellen.
Sicherlich ist die heutige Gesellschaft noch nicht ganz so weit, wie in diesem Buch geschildert, aber Brian W. Aldiss greift doch erste und in der Realität nicht zu übersehende Ansätze auf. Natürlich verlangt der zunehmende Terror steigende Sicherheitsmaßnahmen, um den Menschen ein Gefühl der Sicherheit zu geben. Doch wenn dem so ist, wie weit darf man dann gehen? Wie schnell ist die Grenze zu Auswüchsen überschritten, die man bereits aus den faschistischen Regimen des 20. Jahrhunderts kennt? Wann geht die Menschlichkeit verloren und bestimmt Paranoia den Umgang mit Menschen, die eigentlich nur in einem anderen Land geboren sind oder vielleicht nicht die übliche Religion haben, sich aber ansonsten in nicht viel von ihrem Nachbarn unterscheiden?
Durch die fiktive Gesellschaft des Planeten Stygia, die in guten Absichten geplant wurde und doch wieder in nur all zu menschliche Neigungen zurückverfällt, zeigt Aldiss – manchmal vielleicht etwas übertrieben, aber dann doch um so eindringlicher – wie es letztendlich dazu kommen kann. Die Erkenntnis ist nüchtern: Solange der Mensch gewisse Eigenarten seines Ichs nicht unter Kontrolle bekommt, wird sich auch – trotz aller Beteuerungen – nicht viel ändern.
Alles in allem führt der Autor gerade in den Szenen aus der realen Welt dem Leser vor Augen, dass Guantanamo-Bay und andere Gefängnisse nur der Anfang von Entwicklungen sind, die sich in den kommenden Jahren noch verschärfen können, und hohe moralische Werte oder Menschlichkeit dann nicht mehr viel zählen.
Das macht „Terror“ zu einem berührend und ernsten Buch, das der heutigen Welt nicht nur einen dunklen Spiegel vorhält, sondern auch den Leser zum Nach- und Überdenken zwingt und daran erinnert, dass „Sicherheitsmaßnahmen“ sich eines Tages auch gegen die zu beschützenden Menschen kehren können.
Wertung:Gesamt:
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Brutalität:
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Infos:Autor:
Aldiss, Brian W.
Verlag:
Edition Phantasia
Erschienen:
01.08.2009
Kritiker:
Arielen
Sprache:
Deutsch
ISBN oder ProduktID:
9783937897356
Seiten:
214
Preis:
14,90 €
Typ:
Taschenbuch