Wir haben neue Positionen zu besetzen. Derzeit suchen wir Redakteure für: Musik Kino Englischsprachige Fachliteratur und Lektoren
roterdorn ist auch bei:
Horrorbücher aus Russland sind klasse! Mit Sergej Lukianenkos "Wächter"-Zyklos hat Heyne einen großen Erfolg gefeiert, nun versucht der Verlag, diese Geschichte mit Metro 2033 von Dmitry Glukhovsky fortzusetzen. Glukhovsky gilt, so der Heyne-Verlag im Einband, "als einer der neuen Stars der jungen russischen Literatur", und, um das Fass auch voll zu machen, prallt auf dem Buchrücken ein Lob des großen Lukianenkos: "Grandios!". Da kann ja eigentlich nicht mehr viel schiefgehen...
Glukhovsky, der tatsächlich noch relativ jung ist, circa 30, veröffentlicht mit Metro 2033 sein Debüt, zumindest in Deutschland. Und was für ein Debüt: 764 Seiten stark. Die Geschichte spielt in der Zukunft, es gab Atomkriege, Seuchen und schlimmste Umweltverschmutzungen, die Oberfläche der Erde ist unbewohnbar und die Menschen haben sich in den Untergrund zurückgezogen - in die Metro. Der Protagonist des Romans, Artjom, wohl gut 20 Jahre jung, lebt in der Moskauer Metro, Kontakte zu anderen Metros sind nicht vorhanden. Artjom haust an der Station WDNCh, eine Randbastion, hinter der das Nirgendwo der verlassenen Stationen beginnt. Aus diesem Nirgendwo tauchen die "Schwarzen" auf, zombieähnliche Wesen, die eine grauenerregende Furcht verbreiten, aber bislang noch zurückgehalten werden können. Eines Tages taucht ein Mann names Hunter auf, und bevor der im dunklen Nirgendwo verschwindet, gibt er Artjom den Auftrag, in der Polis von den Zombies zu berichten. Die Polis ist der einzige Ort in der Metro, der einer Stadt gleicht und in der Wissen noch Wert besitzt. Allerdings ist sie im Zentrum der Metro verborgen, und für Artjom beginnt also eine wahre Odysee: Durch unabhängige und heruntergekommene Stationen, über den Handelsring der Hanse, durch Stationen in den Händen des organisierten Verbrechens, der Neokommunisten und der Neonazis des "Vierten Reichs", bis er dann endlich am Ziel, in der Polis ist. Hier darf er sogar an die Oberfläche der Erde...
Kein Zweifel: Das Szenario ist prickelnd. Von den Fähigkeiten des Autors kann ich das, trotz beachtlicher Ausnahmen, nicht behaupten. Der Einstieg in diesen 700Seitenplus-Wälzer gestaltet sich denkbar zäh: Eher gestaltlose Protagonisten um Artjom herum erzählen in losen Erzählungen von Gestalt und Geschichten der Metro, und das tun sie in allzu-realismushaften Dialogen. Das bedeutet: Sie reden nicht so, wie man Bücher schreibt, sondern so, wie man eben redet. Das mag ja berechtigt und authentisch sein, manche Theorien gehen sogar davon aus, dass man nur auf diese Weise gewisse Gedankenwelten wiedergeben kann - aber in einem Roman, der vor allem spannend sein möchte, sind realistische Dialoge ziemlich fehl am Platz, da sie in erster Linie vor allem sperrig daherkommen und den Lesefluss hemmen. Meine Befürchtungen, mir würde ein Leseerlebnis bevorstehen, das an den berühmten Trabbi auf dem Kaugummi erinnert, haben sich dann glücklicherweise nicht erfüllt: Sobald die Handlung an Fahrt aufnahm, wurde mit ihr auch Glukhovskys erst noch zähe, lahme Schreibe ebenfalls flotter. Gerade wenn sich die Ereignisse überschlagen, baut Glukhovsky die fetzenden Nebensätze aufeinander und macht Tempo. Geradezu begeistert war ich von dem Buch, als Artjom die ersten zwei Tunnel durchquerte und seine Begleiter von einem unheimlichen, persönlichkeitsfressenden Grauen erfasst wurden. Meisterlich baut der Debütautor aus der Dunkelheit der Metrotunnel ein gelungenes Gruseln auf. Genauso spannend und fasziniert war ich, als ich die Stationen, die Artjom auf dem Weg zur Polis durchquerte, auf einer Karte im Umschlag des Buches nachverfolgte und mir ausmalte, was noch alles kommen würde: Kommunisten, Verbrecher, Faschisten, Gelehrte, mentale Gefahren...die Metro als Mikrokosmos der Gesellschaft, ein düsterer Ort, an dem nur Pilze und Schweine (bzw. Ratten-)fleisch gegessen wird, man mit Kugeln bezahlt und im Prinzip alle wie Penner leben. Wow, genial.
Leider nur wird Glukhovsky diesen selbstgestickten Erwartungen nicht gerecht. Die Qualität des Gruselns in den ersten beiden Tunneldurchgängen erreicht er fortan nicht mehr, so als hätte er sein Pulver bereits auf Seite 150 verschossen und müsste sich die restlichen 500 Seite mit dem Taschenmesser durchboxen. Die Kommunisten, Nazis und Verbrecher sind reichlich langweilig, viel zu reibungslos durchquert Artjom die Stationen, und auch wenn er im Kugelhagel aus ihnen flüchtet oder gerade noch rechtzeitig vom Galgen der Nazis gerettet wird - die Stimmung, die ein solches Szenario möglich gemacht hätte, wird bei weitem nicht erreicht.
Abgesehen davon, dass der größte Teil von Artjoms Reise weniger stimmungsvoll als unmotiviert beschrieben wird: Unzählige Nebencharakter treten auf, sagen ein, zwei mehr oder weniger interessante Dinge und verschwinden dann wieder. Wirkliche Charaktere sind sie nicht, und Artjom bleibt alleine. Das Lesevergnügen, das soziale Beziehungen entfalten können, nimmt Glukhovsky nicht in Anspruch. Zudem langweilte mich ein wenig, dass Frauen überhaupt keine Rolle spielen. Das ist nun nicht emanzipatorisch gemeint, es hätte das Buch nur ein wenig interessanter gemacht, wenn hin- und wieder auch ein paar Vertreterinnen der Damenwelt zu Wort gekommen wären, immerhin ist Artjom ein Mitzwanziger, ein Twenty.
Also, um die Rezension mit einer komprimierten Meinung anzuschließen: Metro 2033 ist eine brilliante Idee, ein geniales Szenario, was unglaublich viel hergeben könnte. Dies macht der Roman leider nur an ganz wenigen, wirklich sehr gelungenen Stellen. Ansonsten ist das Buch eher langweilig.
Gesamt:
Anspruch:
Spannung:
Brutalität:
Aufmachung:
Erotik:
Gefuehl:
Humor:
Bestellen bei: AMAZON
Produkte (Glukhovsky, Dmitry):Metro 2034
NavigationZurückDruckerversion
Autor:
Glukhovsky, Dmitry
Co-Autor:
Drevs, David
Verlag:
Heyne
Erschienen:
01.01.2009
Kritiker:
Christoph Mann
Sprache:
Deutsch
ISBN oderProduktID:
978-3453532984
Seiten:
784
Preis:
14 €
Typ:
Taschenbuch
Feencon 2010 von Joanna Lenc
Trix Solier
Michael Jackson – Ein Leben zwischen Schwarz und Weiß von Noelle
Thomas A. Ruhk über Zonenkrieger von Johanna Grabow
Detektive
Ausgabe 2: Detektive