Mitmachen!

Wir haben neue Positionen zu besetzen. Derzeit suchen wir Redakteure für:
Musik
Kino
Englischsprachige Fachliteratur
und Lektoren


Social Networking

roterdorn ist auch bei:

Twittertwitter
Facebookfacebook

Vor dem Incal (Kritik)


Rezension von Arielen

Autor: Jodorowsky, Alexandro; Janjetov, Zoltan


Mit der Saga um den „Incal“ schufen der chilenischstämmige, heute in Paris lebende Szenarist, Schriftsteller, Performancekünstler und Filmregisseur Alexandro Jodorowski und Jean Giraud, besser bekannt als „Moebius“, einen nicht unbedeutenden französischen Comic-Klassiker, der vermutlich einige Filmemacher wie etwa Luc Besson beeinflusste.

In der Geschichte um den abgehalfterten Privatdetektiv der Klasse R, der seine Aufträge in der futuristischen und in Ebenen aufgeteilten Höhlenstadt Terra 21 erledigt und dann in eine Verschwörung von kosmischen Ausmaßen gerät, verbanden sie die abenteuerliche Action der Space Opera und den Retro-Charme der Fantasy mit der Spannung eines Kriminalromans, klassischer Gesellschaftkritik und einem Schuß Esoterik.

Bereits kurz danach stellte Alexandro Jodorowski fest, dass es weit mehr aus der Welt des John Difool zu erzählen gab als gedacht: War der Privatdetektiv der Klasse R wirklich schon immer der desillusionierte Versager, der erst durch den Incal über sich hinaus wachsen musste? Und gibt es nicht noch mehr in der Schachstadt zu entdecken als bereits gezeigt?

Zusammen mit dem Künstler Zoltan Janjetov entwickelte er eine sechsbändige Saga, die diese Lücken füllt und auch eine ähnlich epische Vorgeschichte erzählt: „Vor dem Incal“.

In der Ehapa Comic-Collection hat man diese sechs Alben mit den Titeln

1. Wie alles begann (1988)

2. Privatdetektiv Klasse R (1990)

3. Kuik (1991)

4. Anarcho Psychoten (1992)

5. Ein Quiski, Bitte und Homöos (1993)

6. Soluna (1995)

nun in einem limitierten Sammelband noch einmal aufgelegt, ähnlich wie im Jahr 2007 auch die Urserie. Das edel aufgemachte Hardcover weiß im Bücherschrank zu gefallen.


Irgendwo im All, in ferner Zukunft existiert Erde 2014, ein weitestgehend künstlicher Zufluchtsort der Menschen und befreundeter Spezies im All. Die sogenannte „Schachtstadt“ wird zu einem Schmelztiegel der Völker. Die Ebenen der Stadt legen auch gleich den gesellschaftlichen Status fest. Je tiefer man im Abgrund lebt, desto niedriger steht man in der sozialen Rangordnung. Ganz unten befindet sich der Säresee, in dem die Körper der Selbstmörder aufgelöst werden.

An der Spitze stehen die Aristos – mit einem leuchtenden Heiligenschein ausgestattete Übermenschen, die ihr Leben ohne besondere Mühen und in vollen Zügen genießen können. Voller Abscheu und Arroganz blicken sie auf alle anderen hinab, seien es nun die für sie arbeitenden Massen, die mit Unterhaltung und Drogen ruhig gestellt werden, oder die Ausgestoßenen und Mutanten, die keinen Halt mehr haben und ihr Leben auf der untersten Ebene - und noch tiefer - fristen. Aufstände und Unruhen speziell der Gruppierungen, die allesamt als „Anarcho-Psychoten“ bezeichnet werden, werden schnell von den Robotbullen und „Buckligen“ niedergeschlagen.

Die Aristos zieht es trotz aller Gefahren immer wieder in den Roten Ring, in dem Vergnügungen aller Art auf sie warten. Das Elend der Ärmsten zu betrachten gilt als perverses Vergnügen, der Sturz von Selbstmördern in einen Säuresee wird zu einem inszenierten Schauspiel.

Dort wächst auch John Difool auf. Sein Vater ist ein Dauergast im Gefängnis, seine Mutter führt und arbeitet im „Dare Devil“. Einem Etablissement, in dem die Gäste alle möglichen Vergnügungen nachgehen können, auch und vor allem Sex. Der Junge treibt sich mit anderen auf der Straße herum, um die Zeit totzuschlagen. Kurz nachdem die Freunde ihn zum Sex verführt haben, rettet er einer kleinen Betonschwalbe das Leben, die von nun an nicht mehr von seiner Seite weichen wird: Dipo.

Doch schon bald, bricht seine Welt mit einem Mal zusammen. Seine Mutter entschließt sich aus ihm unbekannten Gründen zum Freitod, sein Vater macht wieder einmal Ärger und wird zur Bewusstseinslöschung verurteilt. John selbst wird von einem mit der Familie befreundeten Mutanten gerettet und in eine Welt eingeführt, die im Gegensatz zum Rest der Menschen ein Gefühl nicht vergessen hat – die Liebe. Doch auch diese Momente des Glücks in einem verborgenen Tempel sind flüchtig, denn eine Armee von Buckligen stürmt die Anlage und tötet alle bis auf den Jungen.

Erst im Versteck des Robots Kolbo-S gibt es für John Difool ihn eine länger währende Zuflucht. Der junge Mann erhält nicht nur die Möglichkeit ein neues Leben zu beginnen und seine Chancen zu nutzen, er lernt auch das Gesellschaftssystem zu hinterfragen, das er bisher klaglos hingenommen hat, sowie hinter die Kulissen zu schauen. Denn eines beschäftigt ihn und Kolbo schon seit langem. Warum gibt es nur so wenig Kinder im Roten Ring. Wohin verschwinden die schwangeren Huren und was geschieht mit ihren Kindern? Da John selbst als eine der wenigen Ausnahmen aufgewachsen ist, will er herausfinden, was die Regierung und der Techno-Papst den Massen verschweigen.

Dann aber schlägt die Liebe unerbittlich zu. Ausgerechnet die schnippische Aristo-Schönheit Louz ist die Auserwählte. Sie bringt John in allergrößte Schwierigkeiten.


Vielleicht ist „Vor dem Incal“ nicht ganz so anspruchsvoll wie die Ur-Serie, aber nicht minder vielschichtig und versponnen. Noch einmal zieht Jodorowsky zusammen mit Zoltan Janjetov alle Register und stellt die Schachtstadt in all ihrer perversen und schrecklichen Schönheit dar, die weder hell und strahlend noch für alle Menschen der Himmel ist.

Man geht im „Roten Ring“ nicht gerade sanft miteinander um, Gewalt und Demütigungen sind an der Tagesordnung. Auch die Sprache ist derb, stellenweise recht vulgär. Auch John ist ein Kind seiner Schicht und betrachtet Gewalt als einen Teil seines Lebens, auch wenn er weniger verroht als der Rest der Menschen zu sein scheint. Er ist einer der wenigen, die noch lieben können, Mitgefühl empfinden und etwas verändern wollen – zumindest bevor er zum dem wird, was er im „Incal“ ist.

Die beiden Künstler sparen nicht mit zynischen Anspielungen auf unsere heutige Gesellschaft, in denen sich die Massen durch den schönen Schein einlullen lassen und die Medien bewusst ein falsches Bild in den Köpfen der Zuschauer schaffen, wie man immer wieder an den Kommentaren der Zuschauer merkt. Sie überzeichnen nicht selten die perverse Freude der Reichen an der Armut und dem Elend anderer, was durchaus auch in unserer Welt zu finden ist, wenn man nur einmal genau hinschaut.

Das alles ist in opulente und detailreiche Zeichnungen gepackt und in einer spannenden Handlung zusammengefasst, die man aber auch erst nach dem zweiten Lesen durchschaut. Dazu kommen nicht nur skurrile Kreaturen sondern auch ebenso schräge Einfälle. Wie auch in anderen Werken liebt es Jodorowsky, den Leser mit zunächst abwegigen aber dann doch logischen Einfällen zu überraschen und der Geschichte dadurch eine überraschende Wendung zu geben.

Dadurch erhält auch „Vor dem Incal“ eine unverwechselbare morbid-verrückte und nicht zuletzt eigenwillig-verspielte Atmosphäre, die man sich noch am ehesten wie in Luc Bessons „Das 5. Element“ vorstellen kann.


Vielleicht ist der Sammelband des sechsbändigen Epos „Vor dem Incal“ nicht gerade billig, aber immer noch günstiger und edler als die einzelnen Alben, die heute nur noch antiquarisch zu bekommen sind. Für Jodorowski-Fans und Leser des „Incal“ ist die Serie sicherlich ein Muss, für den normalen Comic-Leser eine durchaus spannende und ungewohnt vielschichtige Lektüre, der man ruhig einmal eine Chance geben sollte.


Wertung:

Gesamt:

Anspruch:

Spannung:

Brutalität:

Aufmachung:

Erotik:

Gefuehl:

Humor:

Links:

Bestellen bei: AMAZON

Produkte (Jodorowsky, Alexandro):
Dayal - Der erste Vorfahre

Verlag:
Ehapa Comic Collection

Navigation
Zurück
Druckerversion

Infos:

Autor:

Jodorowsky, Alexandro

Co-Autor:

Janjetov, Zoltan

Verlag:

Ehapa Comic Collection

Erschienen:

01.09.2008

Kritiker:

Arielen

Sprache:

Deutsch

ISBN oder
ProduktID:

9783770432233

Seiten:

294

Preis:

68 €

Typ:

Hardcover (Comic)