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Hobo Nation (Kritik)


Rezension von Jens Fleischhauer

Autor: Shepard, Lucius


Aus der Reihe "kuk"

In der Literatur gehören zwei Dinge zusammen: ein interessantes Thema und ein guter Autor. Lucius Shepard ist ein solcher Autor, der sich mit seinen Fantasy-, Science Fiction- und Horrorerzählungen einen guten Namen gemacht hat. Das Thema des vorliegenden Buchs von ihm, scheint nicht so ganz von ihm erwählt worden sein, sondern wurde ihm gebracht. In den späten 1990er Jahren gab es das Gerücht in den USA, dass es eine so genannte Hobo-Mafia gibt. Hobos sind Tramper, die auf Güterzügen reisen. Viele von ihnen haben keinen festen Wohnsitz, sind somit eine Art Obdachlose, andere dagegen sehen dies nur als eine spannende Erfahrung an und haben ansonsten ein normales Leben.
Hobos gibt es seit längerer Zeit in den USA. Im Bürgerkrieg kam diese Art des Reisens auf, als Soldaten nicht anders nach Hause fahren konnten, da sie kein Geld besaßen und man sich nicht mehr um sie kümmerte. Später wandelte sich dieses Bild, bis es dann zu dem Gerücht kam, es gäbe eine Verbindung von Hobos, die unter anderem Drogen schmuggelt, Morde begeht und als kriminelle Vereinigung zu gelten habe. Dies passte nicht ganz zu dem romantischen Bild der Hobos, das in der Literatur von namhaften Autoren gezeichnet wurde. Shepard begab sich nun selbst in diese Welt der Hobos, reiste auf Zügen mit und traf diese Güterzugreisenden auf Güterbahnhöfen. Er recherchierte für einen Artikel über die angebliche kriminelle Verbindung von Hobos.
Genau dieser Artikel stellt den ersten Beitrag in diesem Buch dar. Er beschreibt Shepards Kontakte mit den Hobos, die sich ihm als eine teilweise eigenwillige Gemeinschaft von Leuten zeigt, die sicherlich nicht per se der beschuldigten Verbrechen schuldig sind. Aber es sind Personen am Rande der Gesellschaft, die illegal reisen, die hin und wieder klauen, sich prügeln, zuviel trinken und auch Drogen nehmen. Sicherlich gibt es unter ihnen schwarze Schafe und darunter noch einmal welche, die wirklich harte Verbrechen begehen. Außerhalb der Hobo-Kreise findet man aber dieselbe Art von Leuten, denn auch in der „normalen“ Gesellschaft werden Morde begangen.
Shepards Artikel ist sehr interessant, aber vieles wird man über die Hobos nicht verstehen. Sie stellen eine ganz eigene Gruppe dar, die nicht willkürlich miteinander agiert, Fremden gegenüber - besonders solchen, die journalistisch tätig sind - verschlossen ist. Man kann Shepards Schwierigkeiten, Informationen zu erhalten, deutlich sehen. Man kann aber auch sehr gut verstehen, warum dies so ist. Denn immer wieder lässt Shepard einen Polizisten zu Wort kommen, der die Verfolgung der Hobos als sein Lebenswerk betrachtet.
Der Artikel stellt einen Einblick darin dar, was denn Hobos sind und wie sie leben. Er ist eine sehr gute Grundlage, um die zwei Erzählungen, die Shepard zu diesem Buch noch beigesteuert hat, verstehen zu können, denn in ihnen stellen Hobos die Hauptcharaktere dar. Die erste Erzählung trägt den Titel Drüben und beschreibt eine wilde Science-Fiction-Phantasie, über eine Welt, die jenseits der uns bekannten Welt liegt und in die man nur mittels Güterzügen gelangen kann. Es sind somit nur Hobos, die in diese Welt gelangen, doch von ihnen auch nur wenige. Die, die das Glück oder Pech haben, stellen seltsame Dinge fest. Die Züge, mit denen sie fahren, scheinen fast lebendig zu sein. Sie selbst, die Hobos, merken Veränderungen an sich. So fühlen sie sich besser als je zuvor und ihre Körper weder wieder zu gesunden menschlichen Anatomien. Schließlich gelangen sie in eine unwirtliche Welt, in der vielerlei Gefahren herrschen. Die Hobos haben es sich dort einigermaßen eingerichtet und nennen diesen Ort nur „Drüben“. Darüber, was dieses „Drüben“ sein soll, haben sie verschiedene Theorien, aber es heißt, dass es weitere Orte geben soll, die man dann erreicht, wenn man von „Drüben“ aus weiter mit den Zügen fährt. Aber noch nie, so heißt es, sei jemand von dort, wo auch immer dies ist, nach „Drüben“ zurückgekehrt.
Die zweite Erzählung trägt den Titel Die Ausreißerin und handelt von einem Hobo, der eines Abends von einem jungen Mädchen angesprochen wird. Sie bittet ihn, an seinem Feuer Platz nehmen zu können, denn sie habe Angst. Der Mann, mit dem sie eben noch zusammen gesessen habe, sei gerade von jemandem erschlagen worden. Da dies wohl die Polizei aufmerksam machen wird, beschließt der Hobo lieber zu fliehen, doch das Mädchen klammert sich an ihn und möchte ihn begleiten. So erteilt er ihr die ersten Lektionen, die ein Hobo kennen muss, wenn er auf einem Zug mitfahren will.
Das Mädchen erzählt wirre Geschichten über reiche Verwandte, doch der Hobo hat kein gutes Gefühl bei ihr. Etwas kommt ihm seltsam vor und doch entwickelt sich zwischen beiden etwas. Nach und nach scheint es aber, dass etwas nicht mehr ganz in der Spur läuft. Der Hobo ist sich nicht sicher, ob er alle Phasen der Realität bewusst wahrnimmt oder ob er vielleicht Aussetzer hat. Aussetzer die ihn gefährlich werden lassen. Oder manipuliert das Mädchen ihn? Die Beziehung zwischen beiden wird kompliziert und eskaliert schließlich.

Das Kernstück des Buchs machen die beiden Erzählungen aus, da sie insgesamt den meisten Raum einnehmen. Sie sind genau so undurchsichtig wie die Hobo-Gesellschaft selbst und die Enden der beiden Geschichten bleiben jeweils offen. Beide Erzählungen spiegeln sehr gut Shepards Stil wieder, wie er sich in seinen andere Arbeiten zeigt. Sprachlich sind die Texte sehr gut ausgearbeitet und wunderbar zu lesen. Hinzu kommt, dass das Buch durchgehend ein Grundmotiv aufweist, welches einmal in einem Tatsachenbericht und in zwei grundsätzlich verschiedenen Erzählungen verarbeitet wird. Gerade vor dem Hintergrund des Berichts lassen sich die Erzählungen wunderbar lesen und auch verstehen. Man merkt deutlich, dass Shepard das, was er in seinem Bericht beschreibt, detailreich auch in seinen Erzählungen umsetzt, um somit eine authentische Stimmung zu entwerfen.
Gerade dadurch, dass der Aufhänger des Buchs ein Bericht über Hobos ist, den Shepard für die Zeitschrift Spin geschrieben hat, stehen die Erzählungen auf einem anderen Fundament. Sie wirken glaubhafter und erscheinen - dies aber auf Grund des Inhalts der Erzählungen - nicht als romantische Verklärungen des Leben eines Eisenbahntramps. Thematisch ein sehr spannendes und stilistisch ein wirklich ausgereiftes und überzeugendes Buch, welches nicht nur in der Fangemeinde Shepards Anklang finden dürfte.


Wertung:

Gesamt:

Anspruch:

Spannung:

Brutalität:

Aufmachung:

Erotik:

Gefuehl:

Humor:

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Produkte (Shepard, Lucius):
Aztech
Endstation Louisiana
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Infos:

Serie:

kuk

Autor:

Shepard, Lucius

Verlag:

Edition Phantasia

Erschienen:

01.05.2008

Kritiker:

Jens Fleischhauer

Sprache:

Deutsch.

ISBN oder
ProduktID:

9783937897295

Seiten:

207

Preis:

19,00 €

Typ:

Hardcover

 

Shepard, Lucius

Lucius Shepard wurde am 21. August 1947 in Lynchburg, Virginia geboren. Er ist als Autor von Science Fiction und Fanatsy Literatur bekannt und hat zahlreiche Erzählungen veröffentlicht, die teilweise auch in deutscher Übersetzung erhältlich sind. Für seine Geschichte und Romans ist Shepard mit mehreren Preisen ausgezeichnet worden [mehr]




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