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Die Hexen von Kiew (Kritik)


Rezension von Christoph Mann

Autor: Lusina, Lada; Blum, Christine

Hut ab! Lada Lusina, geboren 1972, erhält krönende Auszeichnungen wie andere nasse Kleider im Herbst: "Beste Journalistin der Ukraine", "beste ukrainische Schriftstellerin", und "eine der schönsten Frauen der Ukraine" - letzteres kann jeder bestätigen, der das Bild der slawischen Schönheit in ihrem ersten ins Deutsche übersetzten Roman "Die Hexen von Kiew" gesehen hat.

Der Roman umfasst satte 527 Seiten inklusive Anhang und kommt in einem so knalligen Pink daher, dass man sich wundern müsste, wäre dahinter ein Stück ernsthafte Literatur. Darauf hat es die Autorin wohl auch nicht angelegt; ihr Hexenroman erinnert doch stark an eine ukrainische Variante von "Charmed" oder "Sex and the city", besticht aber von Beginn an durch eine in diesem Genre ungewöhnliche humorvolle Schreibweise und historische Tiefgängigkeit.

Mascha, Dascha und Katja sind die Namen jener drei völlig unterschiedlichen jungen Damen, welche zufälligerweise Zeugen des Todes der Kiewer Hexe Kyllina werden. Noch vor dem Löffel gibt die sterbende Hexe ihre Zauberkraft ab, und zwar an jene drei Damen: Mascha, die schüchterne Streberin, Dascha, die "markerschütternde" durchgeknallte Sängerin und Katja, die herzlose und eigensüchtige Geschäftsfrau. In ihrem neuen Haus - einer Villa auf einem Kiewer Hügel - werden die drei frischgebackenen Hexen mit einer Realität konfrontiert, die sie erst widerwillig, dann aber freudig annehmen: Katzen können sprechen, der Teufel existiert tatsächlich, der ominöse kahle Hügel Kiews ist Schauplatz von Hexensabbaten, Besen sind auch dazu zu gebrauchen, durch die Lüfte zu fegen, die Vergangenheit ist bereisbar wie die Schwarzmeerküste und das Schicksal der drei "Kiwiezen" (Hexen-Welpen) soll es sein, Kiew vor seinem Untergang zu erretten... Gleichzeitig geschehen höchst merkwürdige Begebenheiten und rituelle, satanische Morde in einer Kiewer Kirche und einem unterirdischen Höhlensystem.

Lada Lusina hat ihre Heldinnen zum Verlieben lebendig gestaltet. Alle drei machen während des Romans persönliche Wandlungen durch, allen voran die schüchterne Mascha, die vom häßlichen Entlein zum strahlenden Schwan wird. Die historischen Recherchen sind der Autorin hoch anzurechnen; und da sie dies dem Leser auch nicht verheimlicht, wird er nach gut 500 Seiten einiges mehr über die Geschichte Kiew wissen. Das Buch ist auch ein sehr emanzipierter Frauenroman, Männer spielen so gut wie überhaupt keine Rolle, und wenn, dann lediglich vom Standpunkt der Frau aus. Ganz anders und wohl viel dialogischer als in gewissen gegenwärtigen deutschen Beststellern plaudern die Damen sich Ansichten über Männer, Liebe und Sex von der Seele - und, natürlich, einige eher schwärmerische oder wegen eines Liebeszaubers unangenehme amoröse Szenen sind auch dabei.

Mit einer oftmals erfrischend augenzwinkernden Selbstironie legt die Autorin ihre wohl eigene Begeisterung von Bulgakows "Der Meister und Margarite" in den Mund der Leseratte Mascha. Anders als in Deutschland scheint es in der russischen Literatur zum guten Ton zu gehören, die alten Meister mehr oder weniger respektvoll durch den Kakao zu ziehen. Im Gegensatz zu Kollegen wie Sorokin geht Lada Lusina sehr respektvoll mit Bulgakow um, der ihr wohl in weiter Hinsicht als Quelle der Inspiration Pate stand. Der Versuch, eine moderne, leichtfüßigere und weiblichere Variante von "Der Meister und Margarite" zu schreiben gelang Lada Lusina trotz guter Ansätze und einiger Paralellen aber nicht. Es verbleibt bei einem manchmal unterhaltsamen, manchmal ungeschickten Versuch. Gerade gegen Ende des Buches wird die ohnehin komplexe und verwirrende Geschichte unnötig verkompliziert, nicht immer sinnvolle historische Exkürschen werden eingeschoben, eher bedeutungslose Szenen in die Länge getrieben und andere verkürzt oder ausgelassen. Dies erweckt zunehmend den Eindruck, gegen Ende des Romans hätte die Autorin unter Motivationsmangel gelitten. Das Einschieben einer nur bedingt nachvollziehbaren historischen Parallelhandlung im letzten Drittel führt diesem Knäuel nur mehr Fransen hinzu anstatt zu erhellen, und auch die Zeitreise von Mascha und Dascha ist weitgehend frei von geschichtstriefendem Flair oder sinnhaftem Bezug zum Rest der Handlung.

Somit handelt es sich bei "Die Hexen von Kiew" um ein zwar unterhaltsames Werk mit erfreulich gut recherchiertem historischen Hintergrund; die Stärken der Autorin liegen aber weit mehr in der Darstellung des modernen weiblichen Lebens und Fühlens in Kiew als im metaphysischen Tiefenbuddeln auf den Spuren Bulgakows oder der konsequenten Verfassung einer klaren Geschichte, weswegen das Buch am Ende sehr verwirrend wird und sich in seinem gewollten philosophisch-religiösen Inhalt im allzu weltlichen Leerlauf wiederholt.


Wertung:

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Verlag:
dtv

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Infos:

Autor:

Lusina, Lada

Co-Autor:

Blum, Christine

Verlag:

dtv

Erschienen:

01.05.2008

Kritiker:

Christoph Mann

Sprache:

Deutsch

ISBN oder
ProduktID:

9783423246699

Seiten:

527

Preis:

16,90 €

Typ:

Taschenbuch

 

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