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Als Lew Tolstoi dieses Büchlein schrieb, war er kaum 40 Jahre alt. Die schriftstellerische Frühreife war eine Tragödie in seinem Leben: Er hatte bereits seine monumentalen Werke "Krieg und Frieden" sowie "Anna Kerenina" verfasst und dafür den verdienten Ruhm erhalten. Was folgte war eine moralische Sinnkrise und Orientierungslosigkeit, welche den älteren Tolstoi zum schlechten Gewissen der russischen Gesellschaft des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts machen sollte.
Ein zentrales Moment dieser Sinnkrise stellt "Der Tod des Iwan Iljitsch" dar - das Straucheln im Gegebenen, das Abwerfen jener Moral, welche ihm seine gesellschaftlichen Schicht anbot. Tolstoi deckt in dieser Geschichte weniger den Schrecken des Todes auf, als dass er das ganz normale, das übliche Lebensmodell radikal in Frage stellt: "Die Lebensgeschichte von Iwan iljitsch war die einfachste, gewöhnlichste und gleichzeitig schrecklichste gewesen." Weil Leben und Tod untrennbar miteinander verbunden sind, kann Tolstoi dieses ganz gewöhnliche Leben auf seine grundlegendste und notwendigste Funktion befragen: Rechtfertigt es den Tod? Macht es ihn zum sinnvollen Abschluss einer sinnvollen Einheit?
Iwan Iljitsch ist ein erfolgreicher Anwalt, er hat eine Familie gegründet, einen standesgemäßen Haushalt geführt und sich gesellschaftliches Ansehen erarbeitet. Kurz: Er führte mit viel Erfolg all das aus, was ihm die Gesellschaft als ausführenswert empfohlen hatte. Doch viel zu früh, mit 45 Jahren, schleicht sich eine unheilbare Krankheit in sein Leben. Mit ihrem Wachsen reift in Iwan Iljitsch auch der Tod heran, der Tod als Gedanke, der Tod als gräßliches Loch, vor dem es keine Rettung gibt. Dies Hoffnungslosigkeit, welche Tolstoi erbarmungslos wie ein Strick um den Hals von Iwan Iljitsch schnürt, geht einher mit einem verblendeten Mitleid, welches in dem Sterbenden eine quälende Hoffnung entfachen möchte. Tolstoi zeigt die Grenzen des menschlichen Mitleids, welches sich ab einem gewissen Punkt in ein Genervtsein von dem dahinscheidenden Vater oder Gemahl verwandelt, in kühle Geschäftstätigkeit der Ärzte, in eine ärgerliche Konvention der Freunde. Vor allem aber und überall: Alle wollen sie den Tod vor Iwan Iljitschs Augen hinter einem Netz aus Lügen verstecken. Iwan Iljitsch kann die verlogene Gesellschaft der Familie nicht länger ertragen. Trost bringt ihm einzig und allein der Diener Gerassim, dessen Unschuld und Treuherzigkeit in großer Selbstlosigkeit unfähig zur Lüge ist, dessen Lebendigkeit und Kraft das Auge des Iwan Iljitsch nicht beleidigt, nicht auf seine eigene Schwäche hinweist, sondern Ruhe und Geborgenheit spenden kann. Hier zeigt sich die in der russischen klassischen Literatur verbreitete Liebe der Schriftsteller zum Landleben, zum gemeinen Mann, zum Volk, in welchem die reine, naive und gute russische Seele steckt, welche in der höheren Gesellschaft längst von einer verkommenen Kultur mit Egoismus und Konvention ausgetrieben wurde.
Je mehr in Iwan Iljitsch der Tod die Hoffnung besiegt, umso deutlicher muss ihm sein Leben werden. Rechtfertigt es den Tod? Kann es über den Schrecken hinwegtrösten, das Nichts, in welches er stürzt, mit Sinn erfüllen? Er aber findet keine angenehmen Erinnerungen in seinem scheinbar so richtigen Leben, immer stärker drängt sich ihm die Frage auf und wird zu seiner letzten Obsession: "Vielleicht habe ich nicht so gelebt wie ich sollte?" - stets gefolgt von einer Gegenfrage: "Wie wäre es aber möglich, da ich doch alles tat, wie es in der Gesellschaft verlangt wurde?"
Dass es dem Leben des Iwan Iljitsch nicht möglich ist, dem Tod einen Sinn zu geben, dass dieses so gewöhnliche und entsetzliche Leben an seiner wichtigsten Aufgabe gescheitert ist - dies macht den "Tod des Iwan Iljitsch" zu einem grausamen, sinnentleerten und quälenden Ereignis, und es macht die Lektüre dieses Büchleins unangenehm, hoffnungslos und schmerzhaft.
Erheiternd ist "Der Tod des Iwan Iljitsch" also an keiner einzigen Stelle. Es ist die brutale Schilderung des Todes als der von Lügen umschwärmten größtmöglichen Ohnmacht des Lebens. Tolstoi wäre aber nicht der Moraliker, als der er bekannt ist, würde es ihm nicht gelingen, diese Grausamkeit auf die das Leben deformierende Gesellschaft zurückzuführen. In dieser Überlegung findet Tolstoi Anlass zu einer Hoffnung: Das Leben kann den Tod doch rechtfertigen, wenn es nur richtig gelebt wird.
Gesamt:
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Autor:
Tolstoi, Lew
Co-Autor:
Goldbaum, Julie
Verlag:
Anaconda
Erschienen:
01.01.2008
Kritiker:
Christoph Mann
Sprache:
Deutsch
ISBN oderProduktID:
978-3866472433
Seiten:
109
Preis:
2,95 €
Typ:
Hardcover
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