Rezension von Christoph Mann Autor: Gogol, Nikolai ; Eliasberg, Alexander
In der russischen Literaturgeschichte nimmt Nikolai Wassiljewitsch Gogol (1809-1852) eine Rolle ein, deren Gewichtigkeit in heftigem Gegensatz zur Leichtigkeit seiner Feder steht. Denn so wie Puschkin das Bein in der Türe zu exakter Schlichtheit, Dostojevski zu fiebriger Intensität und Tolstoi zum Moralismus war, so wurde seit Gogol „die russische Literatur komisch“, wie bereits Thomas Mann bemerkte – und der muss es ja wissen...
Gogols eher dürftiges, nur selten den Umfang von Romanen erreichendes Werk ist durchdrungen vom Satirischen; die psychologisch exakte Karrikatur erreichte in seinem Roman „Die Toten Seelen“ einen Höhepunkt der Weltliteratur überhaupt. Leider verbrannte der Autor den dritten Teil seines grandiosen Hauptwerkes, da er unter dem Einfluss eines exaltierten Priesters in Palästina bekehrt worden war und aus aus dieser Perspektive sein Werk als Scheitern des Glaubens betrachtete. Überhaupt ist sowohl in Gogols persönlichem Werdegang wie auch in seinem Werk das Scheitern allgegenwärtig und als treibende Kraft zu betrachten, durch welche jene satirisch und augenzwinkernd erzählten Geschichten um vom Schicksal zum Narren gehaltener Charaktere und verirrter Persönlichkeiten erst möglich wurden. In gewisser Weise war Gogol der Arzt verletzter Seelen, der aus Versagen, Pech und Enttäuschung die Tragik und das Mitleid herausoperierte und die Wunden liebevoll mit Humor und Sarkasmus verband.
Diese Medizin fließt auch in den beiden kurzen Geschichten „Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen“ und „Der Newski-Prospekt“ in nicht geringen Mengen – und das spricht für ein glückliches Auswahl-Händchen beim Anaconda-Verlag, der eine Sammlung weltbedeutender Texte zum Preis von je 2,95 Euro herausgibt.
Die „Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen“ erzählen auf 25 Seiten in Brief- bzw. Tagebuchform davon, wie ein Ministerialbeamter von Liebe und Unterordnung in den Wahnsinn getrieben wird. Dabei gelingt es Gogol, Absurditäten in die Aufzeichnungen eindringen zu lassen und diese dann systematisch auf die Spitze zu treiben. Je weiter die Geschichte fortschreitet, desto größer wird die Kluft zwischen Erzähler und Leser, bis schließlich am „34tum Februar 349“ die Worte des bemitleidenswerten Wahnsinnigen in aller Deutlichkeit vom Irrenhaus berichten, ohne dass er dieses in seinen größenwahnsinnigen Illusionen begreifen kann. Unübersehbar ist die Anspielung auf Goethes Werther, dessen Liebe allerdings durch das Absurde an sich ersetzt und so in die Parodie geführt wird.
Ebenfalls auf Gegensätzen errichtet ist der „Newski-Prospekt“, jene wichtige Promenadenstraße in St. Petersburg (zu Gogols Zeiten noch Hauptstadt des russischen Zarenreiches). In der Tradition der Landschaftsmalerei der Romantik, von der sich Nikolai Gogol niemals hatte lösen können, nimmt die Beschreibung des stets menschenerfüllten Prospektes ein erstes Drittel der Geschichte ein. Diese hierdurch erzeugte heiter-herrliche Langsamkeit schwingt auch noch auf die den Prospekt betretenden Protagonisten über: Sowohl der lebensfrohe Leutnant Pirogow wie auch der verträumte Maler Piskarjow sind auf Frauensuche; beide erblicken auf dem Newski-Prospekt die Damen ihrer Wünsche und eilen ihnen, beschwingt von der Herrlichkeit der Möglichkeiten dieser Prachtpromenade, hinterher. Gogol hält an romantischen Sprachbildern fest und parodiert diese zugleich, indem er seine Helden zunehmend verzweifelt an ihren Träumen festhalten lässt, während die Wirklichkeit diese Seifenblasen schon längst zum Platzen gebracht hat: Die Auserwählte des Malers Piskarjow entpuppt sich als rohe Unterschichten-Schöheit, deren glänzende Augen auch bei dem idealisierenden Künstler nicht die allgegenwärtige Verachtung des Volkes überwinden können – in der Folge verliert sich dieser mehr und mehr in seinen Träumen. Die Erwählte des lebenslustigen Leutnants hingegen ist bereits verheiratet. Und zwar mit einem Deutschen, einem Schwaben namens Schiller, der von Gogol mit einer zum Brüllen komischen Klischeehaftigkeit gezeichnet wird, wodurch auch hier das Plumpe und Lächerliche ironisierend in die Idylle der Romantik hereinplatzt.
Nikolai Gogol ist es gelungen, auf dem kurzen Raum zweier Geschichten von insgesamt 78 Seiten eine konsequente Parodisierung zeitgenössischer Stile zu betreiben. Der sprühende Humor zeigt bereits in diesen Frühwerken deutlich Gogols scharfes Auge für das Absurde sowie seine meisterhafte Fähigkeit der grotesken Überzeichnung von Akteuren. Von daher: Als Einstieg in die Welt von Nikolai Gogol ist dieses Büchlein von Anaconda sehr zu empfehlen, wer es gelesen hat wird die Hintergründe des oft sarkastischen Humors russischer Literatur, wie er auch heute noch bei z.B. Boris Akunin begegnet, besser verstehen.