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Wasserscheu (Kritik)


Rezension von Jens Fleischhauer

Autor: Korb, Markus K.

Meistens bringt man Sommer und Horror nicht sofort in einen Zusammenhang. Man hat eher Düsternis, Dunkelheit, Kälte und Nebel als Assoziationen mit „Horror“, aber nicht strahlenden Sonnenschein, Wärme und Freibäder. Markus Korb möchte den Leser mit seinem vorliegenden Buch nun dazu bringen, auch den Sommer mit Horror in Verbindung zu bringen. Die schöne Jahreszeit soll nun auch dem Schrecken und der Düsternis anheim fallen. Ohne weiteres ist das aber nicht möglich, hegt man doch als Leser Assoziationen die von Korb erst einmal überboten werden müssen, damit seine Geschichten ihre Wirkungen entfalten können. Je nachdem wie sehr man den Sommer liebt, kann man nun sagen, dass es eine mehr oder weniger schwierige Aufgabe ist, die sich der Autor gesetzt hat, denn in einem nicht gerate prototypischen Rahmen für eine bestimmte atmosphärische Handlung, muss genau diese Atmosphäre erzeugt werden.
„Wasserscheu“, so der Name des vorliegenden Buches, beinhaltet zwölf Sommer-Horror-Stories, vier für jeden Sommermonat. Elf dieser Geschichten stammen von Markus Korb, eine weitere Christine Guthann verfasst und stellt eine Fortsetzung der Erzählung „Der Pool“ dar, welche von Markus Korb stammt. „Der Pool“ und dessen Fortsetzung „Frau Truegers letzter Tag“ sind beide in diesem Buch abgedruckt und beschreiben den Tod von Herrn und Frau Trueger. Während Markus Korb in seiner Geschichte von Herr Trueger das Opfer sein lässt, welches verstirbt, ist es bei Christine Guthann die Ehefrau die verstirbt. Beide Male hat der von Herrn Trueger angelegte Naturpool einen bedeutenden Anteil an der Handlung und vor allem die dort drin lebenden Algen, die sich nicht so verhalten, wie man es von Vertretern ihrer Art erwarten würde.
Wasser ist immer ein Thema in einigen der Geschichten, wohl auch deshalb, weil man Schwimmen und Baden mit gutem und heißem Wetter, eben Sommer, verbindet. Aber das Wasser ist auch etwas was Beängstigen kann und worin sich etwas verstecken könnte. In „Wasserscheu“, der ersten Geschichte des Bandes, ist es nicht etwas, was sich im Wasser versteckt, sondern jemand versteckt Dinge im Wasser. Zufällig stoßen Kinder darauf und aus diesem Grund erfahren sie, warum man ihnen immer verboten hatte, in einem bestimmten Teil eines Badesees zu schwimmen. Weniger zentral ist das Wasser in der Erzählung „In der Unterführung“ in das Geschehen involviert, wenn auch der Protagonist auf dem Weg zu einem Badesee ist und dort etwas erlebt, was ihn sehr verstört. Doch zuvor muss er eine stinkende Unterführung durchqueren und erfährt dort ein Geheimnis des Lebens, denn in den Schatten lauert etwas, was man als Überrest menschlichen Lebens bezeichnen könnte.
Auch die Texte „Die perfekte Welle“, „Im verlassenen Capri“, „Das Ding aus dem Weiher“ und „Schiffswrack“ sind allesamt um das nasse Element angesiedelt, wobei wir von diesen die an zweiter Stelle genannte Erzählung am besten gefällt. In dieser fährt ein Jugendlicher in ein mittlerweile geschlossenes Freibad, in dem er in seiner Kindheit sehr oft war. Aus nostalgischen Gründen wollte er dort noch einmal hin, bevor er sein Heimatdorf verlässt und in die große Stadt zieht. Im Bad wirkt alles etwas verwahrlost, als dann aber plötzlich ein alter Plattenspieler, so wie früher, Musik macht, wird klar, dass irgendetwas vorgeht. Wer hat den Plattenspieler angemacht? Also schleicht der Junge an den alten Kiosk heran, in dem immer der Plattenspieler stand und findet diesen laufend vor. Da er sich früher nie in den Kiosk hineinbegeben hatte, überrascht ihn das auffinden einer Bodenluke etwas, die in einen Keller hineinführt. Allem Anschein nach, so lässt es der Keller vermuten, wurden seltsamste Dinge dort zelebriert, die absonderliche sexuelle Gelüste befriedigen sollten. Entsetzt will sich der Junge abwenden, doch da bekommt er mit, dass außer ihm noch jemand im Keller ist.
Nicht mit Wasser hat die Geschichte „Der Schnitter hinter den Reihen“ zu tun, in der es um eine Vogelscheuche in einem Maisfeld geht. Drei Jungen werden auf sie aufmerksam und zwei von ihnen wollen sie sich aus der Nähe ansehen. Aber der dritte Junge bekommt mit, dass die Vogelscheuche plötzlich verschwunden ist und zugleich sich noch jemand im Maisfeld bewegt. So stürzt auch er ins Feld hinein, um seine Freunde zu warnen. Aber vor wem? Vor einer lebenden Vogelscheuche oder einem verrückten Menschen?
Nicht immer geht es um unerklärliche, düstere Geschehnisse, bisweilen ist auch einfach Rache ein Motiv der Geschichten. Dies findet man etwa in „Geo-Caching“ und „Sommer-Eis“ vor, zwei Geschichten in denen jemand das Opfer von Racheaktionen wird. Bisweilen sind es sehr perfide Aktionen, denen sich das Opfer gegenüber sieht, mal kaltblütig ausgeführt, mal kühl kalkuliert.
Alle zwölf Geschichten dieses Buches weisen starke Unterschiede zueinander auf. Man hat keinesfalls das Gefühl, dass man immer nur Variationen ein und derselben Handlungslinie lesen würde und die Erzählungen sind einander auch gar nicht so ähnlich. Die Schauplätze variieren, die Geschehnisse stellen andere Arten von „Sommerhorror“ dar und auch die Weisen, in der Markus Korb die Geschichten verfasst hat, unterscheiden sich. Mal sind die Geschichten eher ausführlich erzählt und lassen die Ereignisse eher langsam zum dramatischen Höhepunkt aufsteigen, andere Geschichten sind kurz und gegen direkt in media res. Dann variiert auch der Erzählstil, es geht persönliche und unpersönliche Erzähler, zudem überlebende und sterbende Protagonisten. Nur weil es einen Protagonisten gibt, muss dieser die Erzählung nicht überleben. Diese Berechenbarkeit findet man in den Erzählungen dieses Buches nicht, was mir sehr entgegen kam. Viele Autoren lassen gerne jeden sterben, nur ihre Protagonisten nicht. Markus Korb hat zum Glück anders gehandelt.
Die Schwierigkeit von Sommer-Horror-Stories, die eingangs angeführt habe, war für mich ein Reiz an diesem Buch. Kann jemand, so fragte ich mich, so über den Sommer schreiben, dass meine ganzen positiven Assoziationen von einer düsteren Atmosphäre überdeckt werden können? Wenn ich ehrlich bin, dann muss ich sowohl Ja als auch Nein antworten. Nicht alle Geschichten sind spezifisch für den Sommer und sicherlich hätten sie genau so im Winter oder ohne Nennung einer Jahreszeit spielen können. Andere Geschichten passen sehr gut in den Sommer, besonders gut greifen sie Erlebnisse aus dem Sommer auf. Diese Geschichten finde ich atmosphärisch gelungen und ich glaube nun, dass man mir den Sommer verleiden könnte, mit weiteren solchen Geschichten, wobei man dann weitere gute Horrorerzählungen gewonnen hätte. Wenn mich auch nicht alle Geschichten absolut begeistern, sind sie doch alle sehr gut zu lesen und einige Erzählungen finde ich sehr gelungen. Insgesamt erweist sich der Band als gute Horroranthologie, wie aber wohl immer bei solchen Bänden, stößt nicht jeder Beitrag auf große Gegenliebe, aber keiner erscheint mir unpassend. Mein Gesamteindruck ist sehr gut und sicherlich stellt „Wasserscheu“ eine zu empfehlende Horroranthologie dar, die auch die schöne Jahreszeit mit Düsternis zu überziehen weiß, dabei sind es aber eher angedeutete dramatische Geschehnisse, als hochtrabende, markerschütternde Effekte, die für die Atmosphäre des dezenten Horror sorgen.


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Brutalität:

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Infos:

Autor:

Korb, Markus K.

Verlag:

Atlantis

Erschienen:

01.08.2007

Kritiker:

Jens Fleischhauer

ISBN oder
ProduktID:

9783946742848

Seiten:

160

Preis:

11,90 €

Typ:

Taschenbuch

 

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