Rezension von Jens Fleischhauer
Man stelle sich vor, man stehe morgens auf, frühstücke und verabschiede sich dann von seiner Familie. Danach begibt man sich zu seinem Wagen und fährt zur Arbeit. Während man unterwegs ist, wird man Zeuge eines Unfalls. Ein Fahrer kommt von der Straße ab und rammt frontal einen Baum. Sofort hält man an, läuft zu dem Unfallwagen hin und stellt fest, dass der Fahrer tot ist. Was tun? Ohne ein Handy kann man keine Hilfe rufen, also fährt man los um ein Telefon zu finden oder stattdessen findet man eine Welt vor, die man nicht mehr wieder erkennt. In belebteren Gebieten stehen überall verunfallte Wagen, tote Menschen liegen auf den Straßen und es hat den Anschein als sei jeder tot, nur man selbst nicht. Innerhalb weniger Minuten ist die Menschheit fast komplett ausgerottet worden, gestorben an etwas unerklärlichem, allem Anschein nach Ersticken auf Grund irgendeiner Ursache. Nicht nur die Menschen um einen herum sind tot, alle Menschen die man kannte, ebenso und mit dem Tod dieser Menschen bricht die Infrastruktur zusammen.
Wie gerade beschrieben beginnt „Herbst Beginn“, der Roman von David Moody. Nicht nur eine Person in einer englischen Stadt hat das überlebt, was anscheinend jeden anderen Menschen umgebracht hat, es gibt einige weitere Überlebende. Doch diese zu finden ist wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen und wer denkt schon an Überlebende, wenn er um sich herum den Tod in allen Variationen sieht? Es ist ein gewaltiger Schock, den die Überlebenden erlebt haben und so dauert es einige Zeit, bis sie durch Zufall aufeinander stoßen. Emotional sind sie überfordert, die Trauer hat sie überrollt und man schweigt sich nur an. Niemand kann verarbeiten was passiert ist, niemand kann wirklich das Ausmaß dessen beziffern, was vorgefallen ist. Vor allem kann man das, was man gerade erlebt, nicht in Worte fassen.
Man sollte meinen, dass es keine schlimmere Situation gibt. Aber doch, erst erscheint es nur eine Illusion zu sein, doch dann nimmt es Realität an, nach und nach erheben sich die Toten wieder und beginnen umherzulaufen. Sie sind harmlos, ohne Wahrnehmung und rennen stupide solange geradeaus bis sie an ein Hindernis stoßen. Dennoch ist es verängstigend und unerklärlich.
In der Gruppe der Überlebenden kommt es zu Spannungen. Man ist sich uneins, wie die Lage einzuschätzen ist. Ist man in der Stadt sicher? Droht dort nicht eine hohe Seuchengefahr? Gibt es sicherere Orte? Drei der Überlebenden entschließen sich die Stadt zu verlassen und von ihnen handelt die Geschichte. Es geht um ihre Suche nach einem heilen Ort in einer unheiligen und vollkommen zerstörten Welt, in einer Welt in der nichts mehr so ist wie es einmal war und in der jeder noch Lebende jeden Menschen verloren hat, den er zuvor kannte und liebte. Doch es ist nicht nur der emotionale Ballast, der den drei Personen zu schaffen macht, die neue Welt verändert sich weiter, die auferstandenen Toten beginnen zu handeln, sie agieren zielstrebiger und mit der Zeit entwickeln sie sich zu einer echten Gefahr.
David Moody hat in seinem Roman die Menschheit fast vollständig vernichtet und ein Häuflein emotional schwer verwundeter Überlebender vor die Aufgabe gestellt, in einer pervertierten Welt gegen einen Feind anzukommen, der nicht zu verstehen ist. Es ist nicht nur ein Endzeitroman den Moody geschrieben hat, vielmehr hat er es geschafft, absolute Hilflosigkeit auszudrücken. Ohne große Vorrede startet die Handlung des Romans und konstant verschärft sich die Situation. Die Spannung steigt zusehends und setzt bereits auf hohem Niveau ein. Dabei fährt Moody keine gewöhnlichen Zombies auf, vielmehr lässt er solche erst in der Handlung entstehen, gibt jedoch keine Erklärung darüber ab, was sie eigentlich genau sind und woher sie kommen. Anders als etwa bei Brian Keene sind die Zombies, bei Moody, keine von Außerirdischen besessenen Toten, die mordend durch die Welt ziehen. Es ist nicht der Vernichtungskampf der bösen Zombies gegen das letzte Restchen aufrichtiger Menschen, der geschildert wird. Vielmehr scheinen die Zombies ihre Aggressivität, wenn sie denn überhaupt eine solche haben sollten, rein zufällig besitzen. Sie werden nicht als Wesen beschrieben, die es auf das Töten absehen. Dadurch wirkt die Handlung viel fatalistischer, weil man Niemanden als Ursprung für das Handeln der Zombies veranschlagen könnte. Sie wirken realistischer und Moody muss keine weiteren okkulten Wesen neben den Zombies einführen, um die Zombies zu erklären. Seine Konzeption der Zombies ist extrem überzeugend und sehr eindrucksvoll geschildert.
Brutalität ist kein wesentlicher Aspekt des Romans. Vielmehr stehen psychologische Schilderungen im Vordergrund, mit Charakteren, deren Seelenqualen und Innenleben geschildert wird, mit Akteuren, die nach nachvollziehbaren Motiven handeln. Der Roman ist nicht nur das Bild einer aus den Fugen geratenen Welt, sondern auch eine Zurschaustellung natürlicher Emotionen und der Wirkung extremer Situationen auf den Menschen.
Atmosphärisch schafft es das Buch absolut zu überzeugen und es stellt eine sehr gelungene Horrorerzählung dar, die eine Menge Plausibilität besitzt und lebensnahe Charaktere zeichnet. Zudem hat man nicht nur die Sicht des allwissenden Erzählers, weitere Details erfährt man aus der Sicht einzelner Protagonisten geschildert, wodurch das Handeln der Beteiligten eine stärkere Begründung für den Leser erfährt.
Insgesamt hat David Moody mit „Herbst Beginn“ einen sehr eindrucksvollen und wirkungsstarken Roman abgeliefert, der eine bestechende Endzeitstimmung erzeugt, die einen Hintergrund für eine sehr gelungene Horrorerzählung bietet.