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Die toten Seelen (Kritik)


Rezension von Jens Fleischhauer

Autor: Gogol, Nikolai

Gleich zu Beginn sollte vielleicht erwähnt sein, dass dieser Roman unvollständig ist. Er gliedert sich insgesamt in drei Teile, doch der zweite ist nur in kurzen Auszügen vorhanden, den Rest vernichtete Gogol wohl, während auch im dritten Teil Elemente fehlen. Dies ist jedoch kein Problem, lässt sich doch leicht erschließen, was in den fehlenden Passagen gestanden hätte und somit versteht man die Handlung dennoch einwandfrei.

Der erste Teil des Romans setzt damit ein, dass Paul Iwanowitsch Tschitschikow nach M. kommt. Wo M. liegt erfährt man nicht, aber einiges über die Leute in dieser Stadt. Auch wer Tschitschikow genau ist, bleibt lange offen. Erst recht weit am Ende des ersten Teils des Buches, wird auf Tschitschikow näher eingegangen, sodass man auch dessen Vergangenheit erfährt. Anders wird jedoch mit den Beamten und Grundbesitzern in und um M. verfahren. Diese werden, sobald sie auftauchen, ausführlich beschrieben. Dabei tritt vor allem Gogols humorvoller Stil in den Vordergrund, der sehr hintergründig ist und das Buch wie eine große Satire erscheinen lässt. Mir scheint es auch, dass sich hier eine schöne Karikatur der russischen Gesellschaft findet, freilich einer vergangenen Gesellschaft, die noch die Leibeigenschaft kannte.
Dezent oder doch sehr humorvoll beschreibt Gogol die einzelnen Charaktere, vom Beamten, über die Grundbesitzer, bis hin zu den Bauern. Nie wird offen ein satirischer Stil gezeigt, doch tritt er dafür umso stärker, zwischen den Zeilen, zu Tage. Dadurch gewinnt dieses Buch einen sehr tiefgehenden Humor.

Die Geschichte erscheint zunächst unspektakulär und wandelt sich dann ins Absurde. So meint man jedenfalls. Denn Tschitschikow redet mit diesem und jeden Beamten, trifft sich mit allen möglichen Personen aus der Stadt und verkehrt sehr freundschaftlich mit ihnen. Von allen wird er geschätzt und wie er auftreten muss, damit er auch ebenso freundschaftlich geschätzt wird, weiß er genau. So fällt es ihm überhaupt nicht schwer, sich sehr beliebt zu machen. Doch schließlich tritt sein eigentliches Interesse in den Vordergrund. Er reist zu den Grundbesitzern, um ihnen einen Handel vorzuschlagen. Dies ist kein gewöhnlicher Handel und sein Erscheinen im Buch, lässt das Absurde erwarten, denn Tschitschikow will tote Bauern kaufen. Dies klingt erst einmal sehr seltsam, erweist sich aber, im späteren Teil des Buches, als eine geniale Idee.
Das Vorhaben Tschitschikows besteht also darin, dass er den Grundbesitzern die auf dem Papier stehenden Bauern abkaufen will, die bereits verstorben sind. Denn die Grundbesitzer müssen für diese Bauern noch Abgaben zahlen, wodurch sie ihnen zur Last fallen. Gewissermaßen erweist Tschitschikow sich als nobler Freund der Grundbesitzer. Aber einer Dame kommt dies seltsam vor. Sie verkauft und andere verkaufen, aber dennoch hat sie ein komisches Gefühl. Ob sie nicht beim Preis betrogen wurde? So fährt sie nach M., um den Preis für eine tote Seele zu erfragen. Dort wird dann bekannt, was Tschitschikow gemacht hat und plötzlich ist ihm niemand mehr wohl gesonnen. Er wird auf das schlimmste verdächtigt. Mancher wirft ihm sogar vor, der verkleidete Napoleon zu sein. Man muss bedenken, dass der Krieg gegen Napoleon noch nicht all zu lange vorbei ist und somit dieser als Gefahr für Russland noch aktuell erscheint.
Überhastet verlässt Tschitschikow die Stadt, nachdem er bereits vor einigen Tagen die Kaufverträge, über die toten Seelen, gerichtlich bestätigen ließ. Damit endet der erste Teil des Buches.

Im zweiten Teil des Buches, welcher leider sehr kurz ist, lernt Tschitschikow einen alten General kennen und arrangiert eine Hochzeit für dessen Tochter. Im Namen des Generals ist Tschitschikow auch im letzten Teil des Buches unterwegs und beschließt dort sich ein Dorf zu kaufen, um als Gutsbesitzer zu Wohlstand zu kommen.
Über die letzten beiden Teile des Buches soll jedoch nicht zu viel verraten werden, müsste doch dann die Person Tschitschikows und der Grund des Erwerbs der toten Seelen näher beschrieben werden. Beides jedoch machen das Buch zu einem leichten Rätsel, bis man versteht wer die Person ist und welche Motive sie hat. Es würde einige Spannung aus dem Buch nehmen, diese beiden Dinge bereits aufzulösen.
Wie auch schon einige Passagen des dritten Teils des Buches, fehlt auch der Schluss. Dennoch hat man zum Schluss dessen, was vorliegt, den Eindruck, der humoristische Stil würde in den Hintergrund treten und stärker zu einer Kritik werden. Diese Kritik bildet einen schönen Abschluss des Buches und zeigt, dass Gogol nicht nur treffend eine Satire auf die russische Gesellschaft geschrieben hat, sondern auch die Probleme dieser Gesellschaft erkannte.

Sehr detailreich hat Gogol die einzelnen Personen und Orte beschrieben. Mit sehr viel Liebe hat er die Eigenheiten der jeweiligen Personen hervorgehoben und lässt diese kontinuierlich auftauchen. Dadurch wirken die zahlreichen Charaktere des Buches sehr plastisch und der Humor wird verstärkt, wenn man die Charaktere, so wie es im Buch möglich ist, so direkt betrachten kann. Viel des satirischen Stils ist abhängig von den Feinheiten, auf die Gogol eingeht und die sein Buch auszeichnen. Aber nicht nur das Auge fürs Detail, welches selbst auch stark in die Komik eingebunden ist, sorgt dafür, dass der Humor in diesem Buch nicht zu kurz kommt, sondern auch das direkte Wenden des Autors an den Leser. So wird mehrmals der Leser direkt angesprochen und Gogol vermittelt ihm seine Idee des Buches. Auch dies mag ein kleiner Seitenhieb auf die Literatur sein und eine humorvolle Kritik an Modeströmungen, die heldenhafte Protagonisten wählen.
Es findet also nicht nur ein satirischer Umgang mit der russischen Gesellschaft statt, sondern zugleich auch mit der russischen Kultur. Dieses Hauptwerk Gogols ist damit sehr Facettenreich und eine sehr schöne Darstellung Russlands, in einer enorm geistreichen Variante. Wenn man Spaß an geistreichem Humor und einem guten, gewiss nicht immer einfachen, Stil hat, dann wird man dieses Buch lieben. Es vereinigt einen sehr schönen, „klassischen“ Schreibstil, wie man ihn auch bei anderen namhaften Autoren findet, mit tiefsinnigem Humor.

Sprachlich scheint mir die Übersetzung von Franz Xaver Schaffgotsch sehr gut gelungen, wirkt der Text doch sehr fließend und stilecht. Er passt jedenfalls sehr gut zum Inhalt und zum Stil der russischen Literatur, aus Gogols Zeit. Durch diese gute Übersetzung gewinnt das Buch zusätzlich viel an Reiz und erhöht das Lesevergnügen.
Von Rudolf Kasser gibt es ein Nachwort zum Buch, welches in kurzer Form einige Betrachtungen zum Buch wiedergibt und Verweise und Erläuterungen enthält.

Alles in allem empfinde ich dieses Buch als sehr lesenswert, hat doch Gogol nicht nur einen herausragenden Erzählstil, sondern beweist einen sehr treffsicheren Umgang mit Parodie und Satire, sowie einen angenehmen, feinen Humor. Das Buch ist weniger spannend, als das es mit vielen anderen, bereits auf gezählten, Qualitäten glänzt. Somit kann ich nur empfehlen, es zu lesen.
Dass die hier besprochene Ausgabe nun aber schon älter ist, kann ich nicht sagen, wie gelungen andere Übersetzungen sind. Ob dort viele der erwähnten Qualitäten genau so herüberkommen, wie in dieser Ausgabe, weiß ich leider nicht. Aber der wesentliche Humor und Inhalt des Buches, dürfte sich unabhängig von der Übersetzung erweisen und dieses Buch somit in jeglicher guten Übersetzung lesbar sein.


Wertung:

Gesamt:

Anspruch:

Spannung:

Brutalität:

Erotik:

Gefuehl:

Humor:

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Infos:

Autor:

Gogol, Nikolai

Verlag:

List

Erschienen:

01.01.1971

Kritiker:

Jens Fleischhauer

ISBN oder
ProduktID:

3471998357

Seiten:

576

Typ:

Taschenbuch

 

Gogol, Nikolai

Nikolai Gogol wurde 1809 in der Ukraine geboren und starb 1852 in Moskau, Russland. In die Literatur kam er durch den russischen Lyriker Alexander Puschkin, der von Gogols literarischen Arbeiten sehr begeistert war und ihn somit motivierte. [mehr]




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