Huan Vu

15. Juli 2014 von Marcus Pohlmann

The Dreamlands

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Veranstaltungsdatum: 01.01.1970

Huan Vu, Regisseur der mehrfach ausgezeichneten Lovecraft-Verfilmung Die Farbe, bleibt auch mit seinem nächsten Film dem Werk des US-amerikanischen Autors treu. Derzeit laufen die Arbeiten an seinem neuen Projekt Die Traumlande auf Hochtouren, das Elemente aus so unterschiedlichen Stories wie Celephaïs, Das Weiße Schiff oder auch Die Traumsuche nach dem unbekannten Kadath aufgreift um daraus eine zusammenhängende Geschichte zu machen. Trotzdem hat er die Zeit gefunden und konnte mir einige Fragen zu seiner Arbeit beantworten.

Regisseur Huan Vu bei der Arbeit

Regisseur Huan Vu bei der Arbeit

Zum ersten Mal aufgefallen ist mir Deine Arbeit bei dem (höchst inoffiziellen und mittlerweile verschollenen) Warhammer 40.000-Film DAMNATUS. Wie bist Du in Berührung mit diesem Spieleuniversum gekommen? Hast Du einen Bezug zu den dazugehörigen Tabletop-Spielen, dem Rollenspiel-Bereich oder hat Dich einfach der Hintergrund gereizt?
Ich bin schon als kleiner Junge auf das Spieleuniversum von Games Workshop aufmerksam geworden – die Fernsehwerbung für das von GW mit MB entwickelte Brettspiel StarQuest hatte einen starken Eindruck auf mich und ich quängelte so lange, bis meine Eltern es mir irgendwann zu Weihnachten geschenkt haben.
Zu Warhammer 40.000 bin ich dann aber erst viel später als Jugendlicher gekommen, als ich über Freunde herausfand, dass StarQuest nur ein Ableger eines viel größeren Spielsystems mit Miniaturen war – was in der deutschen Übersetzung von StarQuest aber auch ziemlich unterging. Da wurde alles umbenannt, was zu brutal wirkte.
So bin ich dann auf jeden Fall zum leidenschaftlichen Wh40k-Spieler geworden und führte mit dem Sphärentor (www.sphaerentor.com) über viele Jahre die größte und bekannteste deutschsprachige Fan-Seite zu dem Hobby, die sich zudem den Matrix-Filmen und dem Fantasy-Autor Tolkien gewidmet hat und noch widmet.
Als dann der Wunsch immer stärker wurde, sich als Filmemacher zu versuchen, führte das eine zum anderen – da es noch keinen großen Wh40k-Fanfilm gab, aber bereits durchaus ansehnliche aus den Fankreisen zu Star Wars und Star Trek, wurde daraus DAMNATUS geboren. Leider konnten wir den Film nicht veröffentlichen, da es rechtliche Bedenken von Seiten Games Workshops gab. Die unveräußerlichen deutschen Urheberrechte waren den Briten suspekt und ein paar Jahre später erschien ein offizieller Animationsfilm. Gut möglich also, dass die Rechtsabteilung von GW hier lieber auf Nummer Sicher gehen wollte. Mittlerweile sind sie glücklicherweise etwas liberaler im Umgang mit Fanprojekten – ein deutscher Filmemacher arbeitet derzeit am animierten Kurzfilm The Lord Inquisitor und hat glücklicherweise grünes Licht erhalten.

Sieht man sich ein wenig im Netz um, so finden sich zuhauf Spiele, T-Shirts, Figuren, Filme und allerlei andere Dinge mit Bezug auf Cthulhu. Hast Du eine Erklärung dafür, dass H.P. Lovecraft und seine Schöpfung fast 80 Jahre nach seinem Tod so populär sind wie niemals zuvor?
Ich schätze das belegt, wie einzigartig und einflussreich Lovecrafts Werke eben sind. Wenn man quasi nicht drumherum kommt, ihn zu zitieren, wenn es darum geht, nihilistischen Grusel und völlige Hoffnungslosigkeit bezüglich dem Schicksal der Menschheit auszudrücken, dann muss da wohl was dran sein. Dass Cthulhu so populär geworden ist, dass wir heute nun verniedlichende Plüschpuppen von ihm kaufen können und allerlei T-Shirts, die Lovecraft ein wenig auf die Schippe nehmen, das gehört zu diesem Phänomen dazu.
Es mag daran liegen, dass die heutige moderne Gesellschaft zunehmend verwissenschaftlicht, technisiert und selbstbestimmt ich-bezogen ist. Da schlägt Lovecrafts ‚kosmischer Schrecken‘ in eine dankbare Kerbe: Was, wenn unser wissenschaftliches Weltbild doch nicht stimmt? Was, wenn wir als frei und bedeutsam fühlende Menschen am Ende doch nur Sklaven einer finsteren höheren Ordnung sind, in deren Rechnung wir keinerlei Rolle spielen, oder zumindest keine Rolle, die unserem Eigenbild gerecht wird?

Sowohl Die Farbe als auch die Geschichten aus den Traumlanden gehören ja nicht unbedingt zu Lovecrafts zugänglichsten Stories. Was hat Dich dazu gebracht grade diese, eher versponnenen, abstrakten, Geschichten zu verfilmen und nicht ein gradliniges Stück wie beispielsweise Der Flüsterer im Dunkeln?
Von der Geschichte gibt es zum einen schon eine sehr gute Verfilmung unserer Kollegen von der H.P. Lovecraft Historical Society. Ansonsten: Ja, ich habe da sicher eher ein Faible für die versponneren Geschichten. Und mir ist es auch immer wichtig, etwas Neues zu schaffen. Von The Colour Out of Space gab es ja bis zu unserem Auftreten keine wirklich adäquate Verfilmung mit einem visuellen Konzept für die Andersartigkeit der Farbe aus dem All, also hatte ich das Gefühl, dass wir hier Neuland betreten könnten. Und aus dem Traumlande-Zyklus wurde wiederum bisher noch nie filmisch etwas gemacht, es gibt nur ein paar animierte Kurzfilme. Auch hier besteht also die Chance etwas Neues zu erschaffen, zum ersten Mal bestimmte Orte und Geschehnisse zu erzählen.

Plakat zu Die Traumlande

Plakat zu Die Traumlande

Du bist, neben Deiner Regiearbeit und der Produktion, auch für das Drehbuch zu Die Traumlande verantwortlich. Können wir eine werktreue Umsetzung der Geschichten erwarten oder lässt Du Dir selbst einen großzügigen kreativen Spielraum?
Wir haben nicht vor, die Geschichten eins zu eins zu verfilmen. Da würde auch keine kohärente Handlung herauskommen, denn die einzelnen Traumlande-Geschichten sind von Lovecraft ja auch eigentlich nie als zusammenhängendes Werk geplant gewesen. Sie spielen lediglich in derselben Welt und beschreiben sie uns. Von daher nehme ich mir da auf jeden Fall Spielraum, das ist auch sehr wichtig, um filmisch daraus etwas machen zu können.
Lovecraft selbst hat es Zeit seines Lebens ausdrücklich begrüßt, seine Werke aufzugreifen und weiterzuentwickeln. Und die Traumlande laden besonders dazu ein, da diese entrückte Traumwelt ohnehin ihren eigenen Gesetzen folgt.

Der fertige Film dürfte frühestens Ende 2016 auf den Markt kommen. Arbeitest Du in dieser Zeit noch an anderen Filmen oder investierst Du Deine gesamte Energie in die Umsetzung von Die Traumlande?
Ich denke da wird keine Luft für andere Projekte sein, da ich dann auch stark in die Postproduktion des Films involviert sein werde. Unsere Finanzierungsphase hat sich ja nun deutlich verlängert, ich schätze es wird daher wohl am Ende eher auf 2017 hinauslaufen.

Für die Finanzierung des Filmes hast Du Dich für eine Mischung aus Crowdfunding und „klassischen“ Investoren entschieden. Wie schwierig ist es für solch ein kleines ambitioniertes Projekt wie Deines, kleine und große Geldgeber für die Realisierung zu finden?
Die Umstrukturierung hin zum Crowdinvestment war wichtig, da wir nicht die Reichweite besitzen, um eine wirklich breite Masse anzusprechen. Die regulären Medien berichten über so etwas eher nicht, H.P. Lovecraft ist dafür dann doch zu speziell. Aber es hat sich herausgestellt, dass es durchaus einige Fans gibt, die bereit sind für solch einen Film auch größere Summen zu investieren – wenn sie dafür an zukünftigen Einnahmen beteiligt werden. Das ist ein großer Vertrauensbeweis und ich schätze, dass die Qualität des Trailers dafür ausschlaggebend war, denn er zeigt gut, in welche Richtung der Film gehen wird und auf welchem Niveau wir uns mittlerweile seit Die Farbe befinden.

Ein Projekt dieser Größenordnung kann niemand alleine stemmen. Wer sind Deine wichtigsten Helfer und wie funktioniert die Arbeit im Team über solch einen langen Zeitraum?
Das Kern-Team von Die Farbe ist auf jeden Fall wieder mit dabei, mal schauen wie wir dieses Mal die interne Kommunikation gestalten werden. Bisher haben wir das immer über ein Online-Forum gemacht, vielleicht wechseln wir für Die Traumlande auf ein Projekt-Management-Tool.

Die imposante Kulisse

Die imposante Kulisse

Die deutsche Film- und Fernsehlandschaft wird dominiert von zumeist seichten Komödien, Beziehungsgeschichten und Krimis, phantastische Stoffe sind eher Mangelware. Wirft man jedoch einen Blick auf die Besucherzahlen der Herr der Ringe-Filme oder die Einschaltquoten von A Game of Thrones so zeigt sich, dass auch hierzulande ein Markt dafür vorhanden ist. Warum haben deutsche Regisseure und Produktionsfirmen so große Probleme mit diesem Genre?
Das liegt meiner Auffassung nach an zahlreichen geschichtlichen und kulturell-gesellschaftlichen Faktoren, auf der Website der Initiative Neuer Deutscher Genrefilm (www.genrefilm.net) gibt es hierzu eine Artikelreihe von mir, die sich unter anderem damit beschäftigt. Im großen Ganzen zeigt sich, dass Phantastik bereits seit der Kaiserzeit in Deutschland beziehungsweise dem Deutschen Reich schon immer als Kulturform niederen Rangs und über weite Strecken der deutschen Geschichte von den meisten Geistlichen, Lehrern, Politikern und sonstigen Ordnungshütern als schädlich und minderwertig betrachtet wurde. Auch in der Nachkriegszeit wurde es nicht besser, in den hochpolitisierten 60er Jahren warf man Tolkien faschistoide Tendenzen vor, Michael Ende wiederum wurde von Kritikern dafür angegriffen, Jugendliche und Kinder in Phantasiewelten zu entführen und ihrer Entwicklung zu schaden – mit frappierend ähnlichen Argumenten wie man in der Kaiserzeit Groschenhefte versucht hat von den Schulhöfen zu verbannen, oder später dann Comics.
Die deutsche Filmindustrie ist wiederum stark abhängig von staatlicher Finanzierung. Entsprechend kommt das eine zum anderen – wenn die Filmförderungen und Fernsehanstalten bestimmte Geschichten und Genres als weniger relevant betrachten, oder bei den seltenen Testballons und Ausflügen dann Filmemacher beauftragen, die in diesen Genres nicht wirklich zuhause sind oder auf der Höhe der internationalen Entwicklung stehen, kommt eben auch nichts Nachhaltiges heraus.

Die Traumlande wird auf englisch gedreht und erst nachträglich synchronisiert. Wie groß schätzt Du das Potential ein, dass der Film im Ausland haben wird? Lassen sich aus der Resonanz auf Die Farbe schon Rückschlüsse ziehen?
Wir haben vor allem aus den USA sehr großen Zuspruch erhalten, und das obwohl der Film überwiegend auf Deutsch ist. Die Entscheidung war nicht leicht, nun auf Englisch zu wechseln, aber vermarktungstechnisch macht es einfach mehr Sinn so. Wir können so ein viel größeres Publikum erreichen und deutsche Zuschauer sind synchronisierte Filme zum Glück ja gewöhnt.

Wie sehen Deine weiteren beruflichen Pläne aus? Können wir auch in Zukunft mit ungewöhnlichen Literaturverfilmungen von Dir rechnen?
Gut möglich, dass ich weiter Lovecraft treu bleibe, aber ich stehe beispielsweise auch in Kontakt zu interessanten phantastischen Autoren aus hiesigen Landen, da gibt es noch viele ungehobene Schätze. Ansonsten gibt es auch noch einige andere eigene Stoffe, die derzeit im Hinterkopf herumschwirren und auf ihre Zeit warten. Ein reiner Science-Fiction-Film wäre z.B. auch mal was, das gab es hierzulande auch schon länger nicht mehr.

Huan, vielen Dank dafür, dass Du Dir die Zeit genommen hast meine Fragen zu beantworten. Ansonsten bleibt mir eigentlich nur noch Dir, und natürlich auch Deiner Crew, alles Gute für Die Traumlande zu wünschen und ich bin sehr gespannt wie der fertige Film dann letztendlich ausschaut. Zumindest die Trailer sind ja schon recht vielversprechend und machen Appetit auf mehr.

Wer weitere Informationen zum Film, zu den Beteiligten und zum Fortschritt der Dreharbeiten haben möchte findet all dies auf www.the-dreamlands.com. Natürlich gibt es dort auch schon die ersten Trailer zu bewundern.

Der Traumlande-Zyklus
Howard Philips Lovecraft hat keine einzelne große Geschichte zu den Traumlanden geschrieben, sondern auf viele kurze Stories gesetzt, die in diesem fantastischen Reich angesiedelt sind. Die Grundidee dabei war, dass es sehr jungen oder besonders begabten Träumern möglich ist, in eben jenes Land zu reisen und dieses auch mittels ihrer Gedanken zu beeinflussen, und die letztendlich sogar von der normalen Welt gänzlich in die Traumlande überwechseln können. Die einzelnen Geschichten haben, wenn überhaupt, nur einen lockeren Zusammenhang und lassen sich nur schwer mit seinen anderen Erzählungen vergleichen. Ein guter Einstieg für den Leser wäre beispielsweise Der Silberschlüssel, aber auch Das merkwürdige hochgelegene Haus im Nebel (das eindrucksvoll im Trailer in Szene gesetzt wird) oder Iranons Suche, vermitteln einen guten Einblick in diese teils bizarre, teils idealisierte Welt.

Der Film

Der Protagonist des Films

Der Protagonist des Films

Die Traumlande nimmt nun Kernelemente aus einigen Geschichten die den Zyklus bilden und formt daraus den eigentlichen Plot um den Protagonisten Roland.
Hier die kurze, offizielle Beschreibung vom Film:
Roland, ein Waisenjunge mit einer schwierigen Vergangenheit, wird von einem mysteriösen alten Mann in eine andere Welt geführt, die über Jahrtausende hinweg von den großen Träumern der Menschheit im Schlaf erschaffen wurde. Dort herrscht der alte Mann als König und er möchte Roland zu seinem Nachfolger ausbilden.
Doch Roland gelingt es nicht den dunklen Schatten zu überwinden, der auf ihm lastet, und er muss sich entscheiden, ob er seine Fähigkeiten dafür einsetzen will, um die Traumlande weiter zu vergrößern, oder um zu zerstören, was andere errichtet haben.

Der Regisseur
Huan Vu, Jahrgang 1982, arbeitete von 2003 bis 2007 als Produzent, Autor und Regisseur an DAMNATUS, einem ambitionierten non-profit Warhammer 40.000-Fanfilm. Der fertige Spielfilm durfte jedoch am Ende aufgrund von urheberrechtlichen Bedenken seitens Games Workshops, dem Besitzer des Warhammer 40.000 Spiele-Universums, nicht veröffentlicht werden – trotz weltweiter Proteste der auf den Film wartenden Warhammer 40.000 Fans.
Danach begann Huan Vu während des Studiums an der Hochschule der Medien in Stuttgart-Vaihingen mit der Arbeit an Die Farbe, einer Verfilmung von H.P. Lovecrafts The Colour Out of Space. Zunächst als Diplomfilm, doch als das Projekt zu groß für den Rahmen der Abschlussarbeit wurde, entschieden Co-Produzent Jan Roth und er es im Anschluss an das Studium mit eigenen Mitteln umzusetzen. Die Dreharbeiten fanden 2008 im Schwäbisch-Fränkischen Wald und Umgebung statt und Die Farbe wurde schließlich nach zweijähriger Postproduktion an Heimcomputern Ende 2010 fertiggestellt und im Eigenvertrieb sowie über Vertriebspartner in Nordamerika, Schweden und Finnland veröffentlicht. Bisher glücklicherweise ohne urheberrechtliche Streitigkeiten. Auf einschlägigen Festivals konnte der Film zahlreiche Auszeichnungen gewinnen und erfreut sich bei Fans nach wie vor großer Beliebtheit.

In Entwicklung befinden sich derzeit, neben Die Traumlande, ein skurril-erotisch-okkulter Abenteuerfilm in den Berliner und Wiener 20er Jahren, ein SciFi-DeepSpace-Thriller, ein deutsch-vietnamesischer MartialArts-Revenge-Gangsterfilm, ein Mystery-Krimi nach einem noch unveröffentlichten Roman von Kai Meyer, sowie ein Historiendrama vor dem Hintergrund der Deutschen Revolution von 1848/49.

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