Die Farbe der Kritik: Seid doch alle mal etwas kritischer!

24. Juni 2016 von Averan

Schwarz und Weiß, etwas anderes scheint es nicht zu geben. Ganz egal mit welchen Themen wir uns befassen, überall gibt es zwei Fraktionen. Sie driften so extrem auseinander, dass sie ohne Hasskommentare nicht mehr auskommen. Bewegen wir uns in der Politik, sind es die Lager Rechts und Links. Bewegen wir uns in den Medien mit seinem gesamten Spektrum, sind es die Fans und die Hater. Bewegen wir uns in der Thematik der Verschwörungstheorien haben wir die Wissenschaftler und die Aluhutträger. Versuchen wir uns selbst mittig zu positionieren, finden beide Seiten Argumente um uns entweder auf die eine oder auf die andere Seite zu schieben.

Ein Beispiel ist „Ich habe nichts gegen Flüchtlinge, aber…“ Oh, das kann ja nur von einem Nazi kommen, da braucht man sich den Rest, der nach dem aber folgt, gar nicht anhören. Hat die Totschlagkeule einmal zugeschlagen und möchte der Klügere nachgeben, hat er beweisen, dass er tatsächlich einer ist. (Meine politische Meinung lasse ich hier mal aus, das dient nur als Beispiel aufgrund der Aktualität.)

Lob oder Kritik, ist das hier die Frage?

Immer muss es ins Extreme gehen. Wer sich nicht für eine der beiden Seiten entscheiden kann, hat gar keine Meinung. Oder er ist einfach nicht fähig klare Stellung zu beziehen. Entweder ich schwimme mit oder gegen den Strom, wer kurz verharrt… Ja was ist mit dem? Der wird gar nicht erst wahrgenommen. Je nachdem, zu welcher der beiden Gruppen eine Person neigt, bekommt sie entsprechend mehr von dieser Seite mit. Wir leben schließlich alle in unserer eigenen kleinen Blase. Wer sich also unter Kritikern aufhält, bekommt mehr Kritik als Lob zu hören. Wer sich bei den Fans aufhält, bekommt nur die Lobeshymnen mit. Habe ich eine andere Meinung, habe ich diese eben nicht. Ich habe dann einfach keine Ahnung.  Ich habe nicht verstanden, worum es geht oder gar die – vorhandene, oder nicht existierende – Genialität des Schöpfers nicht erkannt.

Nun veröffentlichte Thomas Michalski vor wenigen Tagen sein kleines Plädoyer zu diesem Thema. Auch ich konnte beobachten, wie schnell sich jeder eine Meinung bildet. Besonders schlimm finde ich das nicht, es sei denn, die Person hat sich gar nicht mit der Materie befasst. Ein Beispiel hier wäre Tommy Krappweis und seine Mara. Unabhängig davon, wie gut oder wie schlecht man den Film persönlich finden mag, ich finde es unmöglich, dass noch vor dem Kinostart die ersten Stimmen gegen den Film laut wurden. Ein deutscher Fantasyfilm kann ja nichts werden, die Amis können das doch viel besser. Ich habe den damals jüngsten amerikanischen Fantasy-Film gesehen (Seventh Son) und kann nur widersprechen. Nein, sie können es nicht besser! Zumindest erlaube ich mir mein öffentlich niedergeschriebenes Urteil aber erst, nachdem ich den Film gesehen habe, nicht schon vorher.

Eine Meinung macht kein Urteil aus

Sicherlich gibt es auch jetzt schon Filme, von denen ich weiß, dass ich sie in naher Zukunft gar nicht sehen möchte. Der neue Ghostbusters ist einer davon. Vielleicht werde ich das irgendwann, im Fernsehen in ein paar Jahren, aber definitiv nicht im Kino. Der Trailer hat ausgereicht mir den Film madig zu machen. Der Humor ist mir etwas zu plump und die Feminismuskeule zu groß. Es ist meine persönliche Meinung und ich schäme mich nicht dafür. Letztendlich ist es aber auch keine Wertung über den Film, schließlich weiß ich nicht wie gut oder schlecht er ist.

Schaue ich nun aber bei YouTube die Kommentare an, weint der Kritiker in mir. 35 Millionen haben sich den Trailer angesehen, knapp 250.000 haben ihn positiv bewertet und fast eine Million negativ. Würde man diese Wertung nur auf den Trailer beziehen, ist das für mich ok. Aber die Menschheit neigt dazu die Wertung auf den ganzen Film zu beziehen, dies wird deutlich, wenn die Kommentare dazu berücksichtigt werden.

Das vernichtende Urteil der Ignoranten

Bestes Beispiel ist das aktuelle Album der Band U2. Ausverkaufte Hallen, Jahrzehnte der Musikgeschichte, Milliarden auf den Konten, niemand kann sagen, dass diese Band nicht erfolgreich wäre. Und dann „verschenkt“ iTunes das neue Album einfach an jeden. Es kostet nichts? Also ist es scheiße. Punkt. Und solche Aussagen kamen von Menschen, die nicht einmal reingehört haben. Schlimmer noch, wenn kein Geld reingesteckt wird, heißt es gleich von fast allen Seiten, dass es nur schlecht sein kann. Wieder Mara: es sind ja nur 6,5 Millionen reingeflossen, zu billig. Aber wenn ich eine 20 Zentimeter lange Kupferstange bei Ebay für 3000 Euro anbiete, die ich angeblich während eines Vollmonds um genau 3 Minuten nach 2 Uhr morgens in einen See getaucht habe, dann will es jeder haben. (Ich habe es nicht ausprobiert, sollte ich aber vielleicht mal? Vielleicht brauche ich selbst eine, um mich vor den bösen Chemtrails zu schützen.)

Vermerk auf den verifzierten Kauf bei Amazon

Vermerk auf den verifzierten Kauf bei Amazon

Es gab eine Zeit, da konnte eine Person eine Bewertung bei Amazon abgeben noch bevor das Produkt erschienen war. Ich erinnere mich da an einige Games für PC und Playstation. Es gab noch keine Beta, aber die ersten Sterne. Entweder es war super, weil die Vorgänger schon super waren, oder aber richtig schlecht, weil sich die Reihe nicht in die bevorzugte Richtung entwickeln könnte. Kurz darauf kam aber der Vermerk „Verifizierter Kauf“ hinzu, sodass diese Bewertungen von den echten unterschiedenen werden konnten. Ich finde es in Ordnung eine Meinung zu haben. Ganz egal wo sie herkommt, es ist nur eine Meinung. Etwas anderes ist es aber ein Urteil auszusprechen.

Immer diese Schönrederei

Was Thomas Michalski beobachtet hat, konnte ich ebenfalls sehen. Es gibt da aber auch die andere Seite der Medaille: Für meinen Geschmack wird auch viel zu viel schön geredet. Der größte Rotz verkauft sich wie blöd und wird in den Himmel gelobt. 50 Shades of Grey verkaufte sich millionenfach und führte dazu, dass Kabelbinder in sämtlichen Bauhäusern ausverkauft waren. Frauen ließen sich sogar scheiden, weil ihre Männer sie nicht schlagen wollten.

Angebliche unabhängige Quellen lassen sich durch Geld beeinflussen. Gestandene Musikmagazine machen Werbung für Bands, die gar nicht so gut sein können, wie sie gelobt werden. Titelthema, ausverkaufte Konzerte und gekaufte Facebook-Fans in fünfstelliger Höhe reichen aus um den Erfolg zu garantieren. Und das, obwohl es noch gar kein Album gibt und gerade mal ein Song veröffentlicht wurde – vor wenigen Minuten. Man könnte sich auch einfach mal die Liste der Newcomer oder Act des Monats anschauen, besonders die, die ca. vor einem oder zwei Jahren auf dem Cover und mit einer Titelgeschichte bedacht wurden. Und dann schauen wir mal, wo die Bands heute stehen. Und sowas nennt sich Musikjournalismus und Unabhängigkeit.

Schrei nach Erfolg

Spricht da aus mir der Neid? Vielleicht, vielleicht ein bisschen. Seit fast 20 Jahren nun schreibe ich so unabhängig wie möglich, versuche fundiert Kritikpunkte und Lob zu vereinen. Natürlich gelingt mir das nicht immer, niemand ist perfekt. Nichts ist perfekt. Daher kann es auch nichts geben, dass 100%ig gut oder 0%ig schlecht ist. Das ist mit ein Grund, warum mir die Sternebewertungen auf den Keks gehen, die Texte werden gar nicht mehr gelesen, Begründungen werden ignoriert. Hauptsache der Schrei nach Aufmerksamkeit wird gehört, egal ob positiv oder negativ, irgendwer wird sich schon finden, dem das gefällt. Oder warum sind die ganzen YouTube-Stars so beliebt? Die können sogar Un- und Halbwahrheiten von sich geben, je lauter sie in die Kamera geschrien werden, desto mehr Fans kommen an. Anders kann ich mir 3 Millionen Follower nicht erklären. Und diese Menschen verdienen auch noch richtig viel Geld mit der Grütze, die sie produzieren.

*Tante Edit betritt den Raum:
Wahnsinn, tatsächlich gibt es Menschen, die diesen Beitrag bis hierhin gelesen haben. Danke dafür!
Dass YouTube ein Medium ist das doch sehr polarisiert, habe ich heute leider über Umwege erfahren müssen. Es sind nicht pauschal sämtliche YouTuber mit meiner Kritik gemeint, und das sollte so auch nicht rüberkommen. Schwarz und Weiß und so. Es gibt sicherlich auch welche, die durchaus fundiert und gekonnt zu unterhalten wissen. Aber leider auch sehr viele, die trotz Inkompetenz und regelrechter Idiotie mit billigen Tricks, die wir alle kennen, auf erfolgreiche Abonnentenjagd gehen. Und ja, es muss erlaubt sein diese Art, diesen Schlag YouTuber scheiße zu finden. Trotz allem, es sind natürlich nicht alle als negativ zu bewerten. Natürlich nicht.*

Kritik darf keine Werbung sein

Werbung ist für mich total legitim. Werbung darf alles, Behauptungen aufstellen, die geschönt werden, das ist für mich in Ordnung, schließlich weiß ich ja, dass es nur Werbung ist, die verspricht mehr, als das Produkt halten kann. Sonst wäre jedes Waschmittel, jedes Fahrzeug, jedes Mineralwasser das Beste auf dem Markt. Wer könnte sich da noch entscheiden? Eben dafür gibt es die Kritiker, die sich ausgiebig mit einem Produkt beschäftigen und dann das Für und Wider abwägen.

Und ich bin sehr froh darum, dass es sie gibt, denn sie helfen mir dabei die Flunkerei in der Werbung zu erkennen. Schaue ich mir die Bewertungen bei einem Produkt auf Amazon an, dann achte ich nur auf die kritischen Stimmen, blende die 5- und 1-Stern-Bewertungen komplett aus. Je nach Produkt schaue ich mir fundierte Tests an. Möchte ich gar einen neuen Fernseher kaufen, gehe ich zum Fachhandel (nicht die großen Ketten wie Media Markt oder Saturn) und lasse mich dort beraten. Für Kopfhörer bringe ich meine eigene Musik mit. Ich teste, ob das so klingt, wie ich es haben möchte, bevor ich einen vierstelligen Betrag auf den Tisch lege. Da können um mich herum noch so viele schreien wie sie wollen. Ich bilde mir mein eigenes Urteil. Und genau das erwarte ich auch vom Journalismus, egal wie professionell dieser betrieben wird.

Bring Farbe in dein Leben, sei kritisch!

Nein, das ist kein Neid, das ist der Frust, der aus mir spricht. Ich bin in erster Linie nämlich kein Kritiker oder Journalist, ich bin Konsument! Und ich muss richtig viel Arbeit investieren, um die Perlen in dem ganzen Misthaufen zu finden. Egal in welchem Umfeld ich mich aufhalte, selbst im Beruf muss ich gegen diese „Geiz ist Geil“-Mentalität ankämpfen. Der Konsument von heute möchte doch das Beste für den geringsten Preis haben. Milliarden in die Entwicklung reinstecken aber bitte für einen Apfel und Ei kaufen können. Musik, Filme und mittlerweile sogar E-Books günstig streamen, statt den vollen Preis an der Kinokasse oder im Handel zu bezahlen. Die neuste Mode haben wollen, aber bitte nur von der Stange aus dem nächsten Primark oder Outlet-Verkauf. Nur umsonst darf es nicht sein, schließlich möchte man noch voller Stolz und Würde sagen können, dass man es immerhin bezahlt hat.

Als Web-Designerin muss ich mich dafür rechtfertigen, warum ich eine komplett individuelle Webseite mit einer Arbeitszeit von 300 Stunden nicht für 1500 Euro verkaufen kann, während die Agentur nebenan ein vorgefertigtes Layout für 50 Euro erwirbt und für das 30fache weiterverkauft. Ich würde auch gerne eine S-Klasse für den Preis eines Dacia kaufen wollen.

Unabhängig von der Schwierigkeit oder des Umfangs dieser Thematik; unabhängig vom eigenen Geschmack, von der eigenen Meinung.
Ob ihr nun auf der hellen oder auf der dunklen Seite steht, schaut euch um! Es gibt mehr als nur das eine oder andere. Das Leben besteht aus vielen bunten Farben mit nahezu unendlich vielen Zwischentönen. Und diese sind viel schöner als das Schwarz und Weiß in den Fraktionen, in die wir ständig geschoben werden.

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