Schneewittchen und die Kunst des Tötens

1. September 2015 von Marcus Pohlmann

Schneewittchen

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ISBN: 3944154329

Format: Softcover

Seiten: 144

Preis: 9,95

Erscheinungsdatum: 11.09.2015

Sprache: Deutsch

Ich bin immer recht misstrauisch, wenn der Name des Autors auf dem Umschlag größer geschrieben wird als der eigentliche Titel des Romans. Doch nachdem das Debüt von Luci van Org mich durchaus überzeugen konnte, griff ich auch bei ihrem zweiten Werk Schneewittchen und die Kunst des Tötens ohne langes Zögern zu. Veröffentlicht wird der, mit 144 Seiten recht kurz ausgefallene, Softcover-Band wieder vom U-Line Verlag, der auch schon Frau Hölle auf den Markt gebracht hat.

Schon auf den ersten Seiten des Romans wird der Leser mit einem perfiden Mord konfrontiert. Maél Enders, der erste der drei Hauptcharaktere, räumt im zarten Alter von elf Jahren seinen eigenen Vater aus dem Weg, und legt damit den Grundstein für eine später höchst erfolgreiche Karriere als Serienmörder. Das zweite Kapitel macht einen zeitlichen Sprung von vielleicht 25 Jahren in die Gegenwart und wir treffen die eigentliche Protagonistin und Namensgeberin des Romans im Keller eines Berliner Mietshauses. Die 19jährige Nina hängt nackt, gefesselt und geknebelt an Heizungsrohren und wird übel malträtiert, was aus Sicht der dritten Hauptperson, Ivo-Alexander Jäger, einem Koch und verkappten Dom, geschildert wird. Diese vermeintliche Folterszene stellt sich jedoch schon bald als relativ harmlose BDSM-Session herausstellt, wobei Nina der eigentlich fordernde Part ist. Nach einem heftigen Streit mit ihrer Mutter und Ivos Chefin, der Restaurantbetreiberin Regina Witte, hat sich die junge Frau im Keller des Hauses niedergelassen, in dem der Koch mit seinen Mitbewohnern, sieben Liverollenspielern mit einer Vorliebe für Zwergencharakteren, wohnt.
Aus Maél Enders ist mittlerweile ein brillanter Pathologe und Killer geworden, der danach bestrebt ist die Kunst des Tötens zu perfektionieren. Seine bevorzugte Methode ist es dabei, in einem entsprechend präparierten Keller, seine Opfer in einem Glassarg mit Kohlendioxid zu ersticken. Auf diese Weise kann er die Reaktionen seiner Kunstwerke penibel verfolgen und diese gleichzeitig in seinem kleinen Notizbuch dokumentieren.
Die Wege von Maél und Nina kreuzen sich schließlich, als die junge Frau kurz nach dem Besuch einer SM-Party mit einer Überdosis und stark unterkühlt fälschlicherweise in der Pathologie landet. Damit beschert sie dem Arzt ein unerwartetes aber nicht unwillkommenes Anschauungsobjekt. Zu Dr. Enders Entsetzen zeigt Nina aber nicht die üblichen Verhaltensmuster seiner sonstigen „Gäste“: kein Flehen, kein Zetern und auch kein Hilfeschrei. Stattdessen freut sich Nina auf ihr baldiges, möglichst qualvolles, Ableben, was Maél den ganzen Spaß an seiner Arbeit verleidet. Frustriert lässt er sich auf ein Gespräch mit seinem Opfer ein, in dessen Verlauf er immer mehr davon überzeugt ist, in der jungen Frau eine Seelenverwandte und die zukünftige Mutter seiner Kinder gefunden zu haben.
Währenddessen muss sich Ivo den Avancen von Regina Witte erwehren. Die dominante Dame zeigt keine Spur von Trauer um ihre Tochter und sperrt den jungen Mann in ihren Keller ein, um ihn gefügig zu machen. In seiner Verzweiflung versucht er mittels Betäubungspillen und Alkohol seinem Leben ein Ende zu machen, was allerdings nicht sonderlich gut funktioniert. Auch Nina ist in Begleitung des Doktors ist auf dem Weg ins Elternhaus, um dort Ausweispapiere und Geld für eine Flucht nach Uruguay zu besorgen, da die beiden dort eine neue Übermenschenrasse gründen wollen. Dabei kommt es im Keller zum unverhofften Wiedersehen mit dem jungen Koch, was dieser allerdings, immer noch betäubt von Alkohol und Drogen, als Vision seiner toten Angebeteten abtut.
Wieder zurück im „Arbeitszimmer“ des mörderischen Pathologen kommt es zu einer letzten Aussprache zwischen Maél und Nina. Das eigentliche Finale, und damit auch das recht überraschende Happy End, der Geschichte bekommt der Leser schließlich in Form von Vernehmungsprotokollen der sieben LARP-Zwerge und einem kurzen Epilog präsentiert.

Einen großartigen literarischen Anspruch hat Schneewittchen und die Kunst des Tötens erwartungsgemäß nicht, jedoch gelingt es dem, leider viel zu kurzen, Roman sehr gut zu unterhalten. Obwohl die Hauptcharaktere, der kultivierte Psychokiller, die suizidale, unnahbare Schönheit und der etwas weltfremde Nerd, weitgehend den gängigen Klischees entsprechen, schafft es Luci van Org diese drei, doch ziemlich gestörten, Personen menschlich und beinahe liebenswert erscheinen zu lassen. Was mir ebenfalls sehr gut gefällt, sind die vielen kleinen Details der verschiedenen Subkulturen die in der Geschichte zu finden sind, auch wenn Frau van Org diese häufig arg überspitzt. Ein Happy End hätte ich, zumindest in dieser Form, nicht erwartet, doch passt es letztendlich sehr gut zur Geschichte und auch zu den Protagonisten.
Kurze Kapitel, ein lockerer Schreibstil und eine gradlinige Story sorgen dafür, dass sich der Roman sehr gut und kurzweilig liest. Damit bietet er hervorragende Unterhaltung für den Weg zur Arbeit oder als Nachtlektüre. Zudem hält das Buch für den Leser einige wichtige Lektionen bereit, beispielsweise das ein Drogenjunkie nicht zu scharf essen darf und Rohrstöcke vor der Spanking-Session gewässert werden sollten. Dies alles entschädigt fast völlig für teilweise recht ruppigen Sprünge in der Handlung, was sich grade zum Ende hin etwas störend bemerkbar macht.

Ein schwarzhumoriges, stellenweise auch bitterböses Lesevergnügen, flott und mit (teils beängstigend) viel Liebe zum Detail geschrieben.

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