Herbst in der Hose

01.10.2017 von Marcus Pohlmann

Herbst in der Hose

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ISBN: 978-3498035754

Format: Hardcover

Seiten: 176

Preis: 22,95

Erscheinungsdatum: 23.06.2017

Sprache: Deutsch

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In der Regel sind Comic-Figuren alterslos – so ist Dagobert Duck bereits seit 70 Jahren ein Greis und Bruce Wayne hat sich seit den 1930ern auch ziemlich gut gehalten. Ralf König geht mit seinen beiden Charakteren Konrad und Paul, ihr erster Auftritt war um das Jahr 1990 herum, dagegen einen ganz anderen Weg. Herbst in der Hose, von Rowohlt als Hardcover-Band veröffentlicht, begleitet das schwule Paar aus Köln auf ihrem Weg durch die Jahrzehnte.

Der Band erzählt einzelne Episoden aus dem Leben der beiden, beginnend im Jahr 2017. Zu Beginn sind die Geschichten zeitlich relativ beieinander angeordnet; mit fortschreitendem Alter vergeht die Zeit, fast wie im richtigen Leben, immer schneller und die Sprünge werden größer. Ein leichter Fokus liegt dabei auf Paul, zu Beginn des Bandes 48 Jahre alt, dem promiskeren Teil des Paares.
Als wir ihn treffen ist er grade bei einem winterlichen Bummel durch die Kölner Innenstadt. Dort läuft er einem seiner, schon etwas länger zurückliegenden, Online-Dates über den Weg. Doch statt die flüchtige Romanze wieder aufleben zu lassen, jammert der ehemalige Liebhaber über den eingeklemmten Ischiasnerv, Monogamie und graue Brustbehaarung. Zeitgleich versucht Konrad (bereits über 50) sein gut 15 Jahre altes Handy durch ein anderes Mobiltelefon zu ersetzen. Das Verkaufsgespräch gestaltet sich jedoch etwas schwierig, da die extrem hippe Verkäufergeneration die Bedürfnisse des etwas reiferen Herren nicht versteht. So ist die Stimmung der beiden ohnehin nicht die beste als sie von einer Freundin von der Andropause erfahren. Dieses männliche Äquivalent zu den weiblichen Wechseljahren bringt zahlreiche körperliche Veränderungen mit sich. Bei einer anschließenden Internet-Recherche werden die Symptome, beispielsweise der Anstieg des Körperfettanteils, die Verringerung des Hodenvolumens oder höhere Reizbarkeit mit der eigenen Lebenswirklichkeit abgeglichen. Und tatsächlich, einige der Punkte auf der Liste treffen zu.
Sogar der Kölner Karneval, schon häufiger in den Konrad und Paul-Geschichten thematisiert, hat seinen Reiz weitgehend verloren. Die enge Lederhose will nicht mehr passen, der Lärmpegel wird mit Rücksicht auf die Nachbarn heruntergefahren und schnelle Nummern in engen Seitengassen sind auch nicht mehr drin. Zwischendurch bemüht Ralf König die griechische Mythologie, bei der Paul für den Leser dient einspringt. Die überlieferte Geschichte handelt vom Zyklopen Andropaus, der aus jungen, knackigen Männern faltige, kraftlose Greise macht.
Die Geschichte macht einen Sprung zu Pauls 50sten Geburtstag, den das Paar auf Gran Canaria feiert. War dies in früheren Geschichten immer eine Gelegenheit für Ausschweifungen, so liegen die Protagonisten nun am Hotelpool und philosophieren über Musik, Kunst und das Älterwerden selbst. Dagegen steht, in einer Rückblende, einer der frühen Urlaube, in denen sich Konrad für Kultur und Sehenswürdigkeiten interessiert, während Paul sich hemmungslos mit ständig wechselnden Partnern vergnügt.
Nach dieser kurzen, wehmütigen Erinnerung an alte Zeiten holt die Realität die beiden ein. Paul braucht eine Brille, im Freundeskreis mehren sich die alterstypischen Erkrankungen und auch die Kerle auf den Tanzflächen sehen über ihn hinweg – noch nicht einmal die getönte Brustbehaarung kann da helfen. Doch nicht nur die beiden Hauptfiguren altern, auch das Umfeld wird nicht jünger. So ist Konrads Mutter dement, schwärmt verflossenen Liebschaften hinterher und erkennt ihren Sohn nicht mehr, während Pauls (mittlerweile verwitweter) Vater eine Affäre mit einer Mitbewohnerin im Altersheim anfängt. Paul hat zwischenzeitlich die 55 erreicht und steckt in einer tiefen Sinnkrise – einer seiner Lover findet ihn zu alt, und lässt ihn alleine im Flur stehen. Auch die Bilder und Beschreibungen auf den Dating-Portalen spiegeln die Wirklichkeit nicht mehr treffend wieder, was von mehreren Freunden bestätigt wird.
Schließlich findet sich der Leser im letzten Kapitel wieder. Konrad und Paul sind nun selbst im Altersheim einquartiert und begehen ihr 50jähriges Beziehungsjubiläum. Leckere Pfleger leiten die Sitztanzgruppe, auf den Fluren wird Viagra gedealt und die ramponierte Bandscheibe schränkt die Verkehrsmöglichkeiten erheblich ein.

Älter werden (egal ob nun bei Homos oder Heteros) ist kein Spaß – dies ist die Lehre, die sich vordergründig aus Herbst in der Hose ziehen lässt. Die Wehwehchen häufen sich, die Haare werden grau oder fallen gleich ganz aus und auch sonst funktioniert nicht mehr alles so wie früher. Allerdings gelingt es Ralf König sehr schön, diese eigentlich nicht ganz so lustigen Tatsachen für den Leser unterhaltsam zu erzählen. Vor allem die Balance zwischen nachdenklichen Themen, witziger Umsetzung und Ernsthaftigkeit gelingt dem Autor und Zeichner hervorragend. Wird die Stimmung beim Leser etwas gedrückter, so folgt in der Regel rasch eine aufmunternde, lustige, manchmal auch ironische Pointe.
Die Zeichnungen sind in recht einfachen Strichen gehalten und verzichten auf übermäßig viele Details. Ein Stil, den Ralf König schon seit seinen frühen Werken pflegt und der seine schwulen Knollennasen unverkennbar macht. Sehr gut hat mir dabei das allmähliche Altern der Figuren gefallen. Mit Bauchansatz, Faltenwurf und schütterem Haar verändern sich Konrad und Paul von Kapitel zu Kapitel unmerklich, bis hin zum krassen Sprung gegen Ende.

Ralf König legt mit Herbst in der Hose ein leicht wehmütiges, aber ziemlich lustiges „Alterswerk“ vor, in dem sich der männliche Leser über vierzig durchaus wiederfindet.

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