Sascha
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« am: 04 April 2007, 21:08:18 » |
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Ich dachte, ich gebe meinen Einstand einfach mit einer kleinen Geschichte aus meiner Feder. Kritik ist gern gesehen.
Das verwitterte Tor stand offen. Der linke Flügel hing nur noch an einer Angel und es war nur eine Frage der Zeit, bis das rostige Metall unter seinem eigenen Gewicht nachgeben würde. Er bahnte sich seinen Weg durch die Äste der Büsche, die einst sauber gestutzt den schmalen Weg säumten, nun aber durch die, in den vergangenen Jahrzehnten vernachlässigte Pflege wild wucherten. Beinahe wäre er über eines der Grasbüschel gestolpert, die sich aus den Fugen des Pflasters schoben und mit ihrem Grün das Grau der glatten Steine verdeckten. Der Schein seiner Laterne reichte nur wenige Schritte ins Dunkel, denn die Nacht war wolkenverhangen und so kam er nur langsam voran. Den Kragen seines Mantels schlug er hoch, denn der vom Meer kommende feucht kalte Wind ließ ihn frösteln. Fast schien es als würde die dichte Vegetation kein Ende nehmen und er glaubte sich den ganzen Weg zum Haus freikämpfen zu müssen. Grade, als er diesen Gedanken und einen weiteren Schlag zu Ende gebracht hatte, gaben die letzten Zweige den Blick auf einen wilden Obstgarten frei.
In Viererreihen zu je zehn standen Kirschbäume in voller Blüte, denn es war grade Saison. Just, als hätte er auf das Ende seines Kampfes mit den nun wilden Büschen gewartet, schob sich der beinahe volle Mond hinter den Wolken hervor und tauchte das Areal unter sich in kaltes, silbriges Licht. Die weißen Blüten wogen sanft mit dem Wind, der von der See herüber getragen wurde. Er hatte den Garten von der einen Längsseite betreten. Die gegenüberliegende fiel steil hinab zum raunenden Meer. Zu seiner Linken erhob sich stumm und dunkel die Silhouette des alten Herrenhauses. Majestätisch reckte es sich in die Nacht und starrte aus toten Fenstern hinaus in den wie verzaubert daliegenden Garten. Zu seiner Rechten endete der Garten in einem Halbrund, an dessen Scheitelpunkt ein überwachsener Pavillon thronte, bevor auch hier die Felsen steil hinab in die See fielen. Obwohl ihn der Pavillon, sowie das Haus auf eine magische Art anzogen, obsiegte doch die Neugier und seine Begeisterung für alte Gemäuer, weshalb er sich in Richtung Haus wandte. Das dichte, üppige Gras war weich und obwohl es abwegig schien – wußte er doch, daß schon seit Jahren niemand mehr hier gewesen war –, sah es doch gepflegt aus. So legte er die gut siebzig Meter zur Terrasse mit Leichtigkeit zurück, immer den leichten Duft der Kirschblüten in der Nase und das leise Rauschen der Blätter in den Ohren.
Schlagartig, ganz als würde der Schatten des Hauses jedes Geräusch verschlingen, verstummte das leise Murmeln des Windes und bedrückende Stille legte sich über alles. Kein Blatt regte sich mehr. Der Duft von Blüten war dem modrigem Geruch von aufgequollenem Holz gewichen, der kalt und schwer, wie Morgennebel in der Luft lag. Seine Stiefel klickten leise auf den Marmorfliesen der Terrasse, die er über eine Treppe erreichte, die sich über deren gesamte Breite hinzog und das Haus mit dem Garten verband. Der Fuß der Treppe wurde auf beiden Seiten von steinernen Löwen bewacht, die vom Zahn der Zeit wenig pfleglich behandelt worden waren und stur zu den blühenden Bäumen starrten. Details waren vom feuchten Seewind hinfort geleckt worden und konnten deswegen und auch wegen des bescheidenen Lichts seiner Lampe nur erahnt werden. Den Kopf der Treppe hatten einst zwei schwere Blumentöpfe gesäumt, von denen aber nur noch der rechte, ähnlich behandelt, wie die Löwenfiguren, übrig geblieben war. Der Linke lag zerschlagen auf dem schmutzigen Fliesen der Terrasse, in deren Fugen verschiedene Kräuter wucherten. Das Haus selbst präsentierte sich ihm durch die scheibenlosen Gerippe großer Terrassentüren, die ihn, weit offen, zum Eintreten einluden.
Graue Scherben knirschten unter seinen Füßen, als er das Haus durch den Ballsaal betrat. Durch die wenigen vom Schmutz blinden Scheiben und die sich in der Überzahl befindlichen Löcher drang gedämpftes Mondlicht. Bei weitem nicht genug Helligkeit, um viel zu erkennen, wohl aber genug die ungefähren Dimensionen der Räumlichkeit erahnen zu können. Er hielt die Lampe am ausgestreckten Arm in die Luft und drehte sich langsam um die eigene Achse. Rund dreißig Meter lagen zwischen den Terrassentüren und der gegenüberliegenden Wand, die die Verbindung zum restlichen Haus war. Eine Doppeltür, von der die ehemals weiße Farbe schon fast gänzlich abgeblättert war führte in die Empfangshalle. Eine kleinere Einzeltür verband den Saal mit der Küche. Die Längsseiten, rund zwanzig Meter von einander entfernt, wurden von einer Reihe schmaler, hoher Fenster flankiert, von denen meist nur noch die inneren Gitter übrig waren. Zwischen jedem Fenster fand ein Wandleuchter, der in Form einer Halbschale in die Wand eingearbeitet war, Platz. Die hohe Decke ruhte auf schlichten, gut vier Meter hohen Säulen, in genügend Abstand zueinander, so das zwischen ihnen Platz für zwei Fenster war. Sie trugen eine flache Bogendecke und hielten gut drei Meter Abstand von den Fensterwänden, die mit ihnen durch eine kleinere Version der Hauptdecke verbunden waren. Fünf große, fünfstrahlige Kronleuchter dominierten den Mittelgang. Ihr kunstvolles Metall war über die Jahre schwarz korrodiert und die Spinnweben zwischen den Streben und den Winkeln des Saales hingen ebenso reglos, wie die fadenscheinigen Überreste der wenigen, verbliebenen Gardinen. Es war kalt und eine bedrückende Stille lag auf allem, deswegen zog er es vor, den Raum schnell zu durchqueren. Der Bodenbelag aus Staub, Dreck, Schutt und Glasscherben quittierte jeden Schritt mit lautem Knirschen und wies damit auf die Abwesenheit von jedweden anderen Geräuschquellen hin.
Die Eingangshalle und das damit verbundene Treppenhaus waren in einem ähnlich desolatem Zustand. Jahrelang und ohne Pflege der feuchtem Seeluft ausgesetzt, waren die Eingangstüren aufgequollen und so sehr er sich auch abmühte, sie blieben verschlossen. Der breiten, hölzernen Treppe, die sich auf halber Höhe teilte und in die obere Etage führte, war es nicht anders ergangen und er verzichtete darauf sich ihrer Tragfähigkeit anzuvertrauen. In großen Flocken schälte sich der vormals weiße Anstrich von der welligen, aufgedunsenen Oberfläche. Ein aufwendig gearbeiteter, leerer Rahmen, in dem noch die letzten Fetzen von Leinwand zu sehen waren, thronte über dem Ende des ersten Treppenabschnitts und erzählten von der prunkvollen Vergangenheit dieses Ortes. Auf beiden Seiten der Treppe führten Türen in den Bereich des Hauses, der vorrangig von den Bediensteten genutzt worden war. Das eigentliche Ziel seines Besuchs lag aber jenseits der vor ihm liegenden dunklen Doppeltür, auf der gegenüberliegenden Seite der Tür, durch die er gekommen war.
Er hatte befürchtet, daß sich die Türen zur Bibliothek ebenso klemmen würden, wie die des Haupteingangs, doch zu seinem Glück hatten sie offen gestanden, so dass sie jetzt nicht mehr richtig schlossen, ihm aber den Zugang ermöglichten. Der Gestank von Fäulnis schlug über ihm zusammen. Die Bibliothek als solches war genauso proportioniert, wie der Saal, durch den er das Haus betreten hatte. Doch gab es weder Fenster auf der Giebelseite, noch auf der zum Meer hin zugewandten. Der Giebel wurde von einem wuchtigen Kamin dominiert, welcher aus grob behauenen Blöcken zusammengesetzt war. Davor lagen die Überreste eines schweren Schreibtischs, von dem einzig schwammige Beinstümpfe und die dicke Schreibplatte übrig geblieben waren. Regale voll mit verfaulten Büchern drängten sich an der fensterlosen Wand zusammen und wurden nur in der Mitte von einem großen Spiegel getrennt. Als sein Blick auf diesen Spiegel fiel, vergaß er das restliche Haus um sich herum und wie ein mondsüchtiger Schlafwandler hielt er darauf zu. Größer und breiter als ein gut gebauter Mann war das an den Rändern erblindete, rechteckige Glas in ebenholzschwarzes Holz gefaßt, welches zu seiner Verwunderung kaum Spuren von Verwitterung aufwies. Der hölzerne Rahmen des Spielgels war kunstvoll den Dornenranken, die man bei Kletterrosen finden kann, nachempfunden und es schien beinahe, als wäre er vom Fuß bis zum Kopf von selbst gewachsen und nicht von Künstlerhand geschaffen. Gedankenverloren spielten seine Finger über die glatte, harte Oberfläche und nur ein kurzes, leises Klicken verriet, daß dabei etwas in Gang gesetzt worden war. Vielleicht war es die Aura des Hauses, vielleicht war es aber auch der perfekt gearbeitete, verborgenen Mechanismus, doch als der Spiegel aufschwang und den Blick auf eine gewundene Treppe frei gab, war nicht das geringste Geräusch zu hören.
Die Treppe wand sich tief in den Fels der Klippe, auf dem das Anwesen gebaut worden war und mündete in einen rechteckigen Raum. Schwarzer Marmor, weiß geädert, schien jede der quadratischen Fliesen, mit denen er ausgekleidet war das Bild eines Blitzes in sich zu tragen. Das Flackern zweier Flammenschalen links und rechts tauchte den Wächter des Ortes in ein bedrohliches Licht: Ein aus rein schwarzem Marmor gearbeiteter Engel, gekleidet in die schlichten Kutte eines Mönches, deren Kapuze ihn jeglicher Gesichtszüge beraubte. Mit der linken Hand preßte er, in Nachahmung eines Predigers ein Buch an den Leib, während die Rechte bedrohlich ein, mit der Spitze zum Boden gerichtetes Schwert präsentierte. Sein Blick, dass ließ die Kapuze erkennen, war aber auf das Objekt seines Schutzes gerichtet. Vor ihm, gleich einem weißem Gegenstück zu ihm befand sich ein Sarkophag. Ebenso schlicht und zierlos in der Form, wie der Raum gehalten war. Nur Deckel zeigte ein meisterhaft gearbeitetes Relief einer einzelnen Rose. Wie schon beim Spiegel zuvor fühlte er sich von dieser letzten Ruhestätte angezogen und legte, wie in Trance die wenigen Schritte zum Sarkophag zurück.
Als seine Finger den glatten, weißen Marmor berührten, durchfuhr es ihn wie ein elektrischer Schlag. Die Lampe entglitt seinen tauben Fingern und er fiel auf die Knie. Gefühle – nie endende Liebe und endloser Schmerz – stürzten gleichermaßen auf ihn ein, wie Fetzen von Erinnerungen. Gesichter konnte er nicht ausmachen, doch konnte er die maßlose Freude und das brustsprengende Herzklopfen während des ersten Treffens, so wie das Leid und die Verzweiflung des darauf folgenden Abschieds fühlen. Der Duft von fremdem Haar, das sanft über Haut strich, Lippen die einander fanden und geflüsterte Worte. Verzweiflung über das was war und nicht sein konnte und die Hoffnung auf das Unmögliche kämpften in ihm ihre Schlachten, raubten ihm den Atem. Ihm wurde Schwarz vor Augen. Liebe rang mit Leiden, immer in dem Bewußtsein, dass das Eine nie ohne das Andere existieren würde – ein Krieg ohne Ende, dann brach er bewußtlos auf dem Deckel des Sarkophags zusammen, glücklich in die schwarze Leere fliehend.
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