Joanna
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« am: 05 April 2005, 12:28:47 » |
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Hagen stand hinter der Theke und spülte die Krüge aus. Jetzt hatte er Zeit dazu, denn so spät abends war in seiner Schenke nicht mehr viel los. Nur noch wenige Gäste saßen vereinzelt an den Tischen und tranken ihr letztes oder vorletztes Bier. Doch Hagen störte das nicht. Im Gegenteil, er war froh, seine Ruhe zu haben. Den ganzen Tag über waren schon genug Gäste dagewesen. Fast schon zu viele. So anstrengende Tage hatte er nur selten im Jahr. Allerdings hatte er auch nur selten solch ertragreichen Tage. Bei dem Gedanken an den Gewinn dieses Tages freute er sich. Noch ein paar Tage wie dieser, und er konnte seiner Frau Mirya beim Goldschmied endlich einen schönen Ring anfertigen lassen, wie sie ihn sich schon immer wünschte. Als er so seinen Gedanken nachhing, wehte plötzlich ein Schwall eiskalter Luft herein. Er schaute von dem Krug auf, den er gerade in den Händen hielt. Im Eingang stand ein Fremder. An der Art der Kleidung konnte Hagen erkennen, daß er von weit her kommen mußte. Er schien auch wohlhabend zu sein, denn die Kleidung war fein geschnitten. An der rechten Seite war an seinem Gürtel ein großer Lederbeutel befestigt, an der anderen hing ein mittellanges Schwert mit mystischen Verzierungen. Hinter dem Fremden stand eine schlanke, junge Frau. Ihre Kleidung war weit einfacher, als die des Mannes. Sie war auch sehr viel schmutziger. Die langen, gewellten, braunen Haare der Frau waren etwas zerzaust, auch wenn man sehen konnte, daß die Besitzerin offensichtlich viel Zeit und Mühe investiert hatte, sie gepflegt aussehen zu lassen. Trotz der zerschlissenen Kleidung und der heruntergekommenen Erscheinung war sie eine Frau von atemberaubender Schönheit. Der ruhige, selbstsichere, stechende Blick in ihren großen, grünen Augen irritierte Hagen. Die selbstbewußte Körperhaltung strahlte eine unglaubliche innere Stärke aus. Die Muskeln, die man durch die löchrige Kleidung sehen konnte, verrieten, daß sie durchaus kräftig war. Hagen erkannte sie sofort als eine der Huren, die am Stadtrand ihr Viertel hatten. Die meisten Bewohner der Stadt hielten sie für eine Hexe. Aber da sich ihrer Faszination kaum jemand entziehen konnte, fand sich dennoch reichlich Kundschaft für sie. Hagen ging ihr nach Möglichkeit aus dem Weg. Er wußte nicht, ob sie eine Hexe war, er hatte noch keinen Beweis dafür gesehen. Dennoch war sie auch ihm unheimlich. Der Fremde hatte ihr wohl ein gutes Angebot gemacht. Hagen war es egal. Es ging ihn nichts an, was die Gäste auf den Zimmern machten, solange sie nichts beschädigten oder andere Gäste belästigten. Wenn sie friedlich blieben und zahlten, war er zufrieden. Wenn nicht, wurde er unangenehm.
Die beiden kamen herein und setzten sich an einen Tisch am Rand. Hagen stand auf und ging zu ihnen rüber. "Was darf ich euch bringen?" "Einen Krug Wein und zwei Becher. Und habt ihr zu so später Stunde noch einen Laib Brot und ein ordentliches Stück Schinken für uns?" "Sehr wohl der Herr. Kommt sofort." Hagen drehte sich um und ging wieder hinter seine Theke. An der Tür zur Vorratskammer machte er kurz halt. "Mirya, hol einen Laib Brot und ein Stück Schinken, und bringe sie den beiden am Tisch in der Ecke! Und beeile Dich etwas, der Herr sieht wohlhabend aus!" Dann holte er einen Krug und zwei Becher unter der Theke hervor. Die Becher stellte er auf ein Brett vor sich, den Krug füllte er aus einem Faß hinter ihm mit Wein und stellte es neben die Becher. Er nahm das Brett und brachte es dem Fremden. Dieser bedankte sich. Als Hagen gerade wieder gehen wollte, drehte der Mann sich zu ihm um. "Habt ihr noch ein Zimmer frei?" "Ja, mehrere sogar." "Dann nehme ich das Zimmer mit dem größten und bequemsten Bett. Und bereitet mir für morgen früh ein ordentliches Frühstück, ich möchte zeitig weiter." "Jawohl." Der Fremde öffnete den Beutel an seinem Gürtel. "Ich würde gerne jetzt schon zahlen, damit ich morgen gleich aufbrechen kann." "Das macht dann zwei Silberlinge für das Zimmer, fünf Heller für den Wein, fünf Kreuzer für das Brot und den Schinken, und noch einmal zwei Heller für das Frühstück, also zusammen zwei Silberlinge, sieben Heller und fünf Kreuzer." Der Mann zählte aus dem Beutel den genannten Betrag auf den Tisch. Hagen zählte die Summe noch einmal nach, nahm die Münzen und bewegte sich wieder auf die Theke zu. Auf halbem Weg kam ihm Mirya mit dem Brot und dem Schinken entgegen. "Du kannst noch das große Zimmer an der Vorderseite für die beiden vorbereiten. Du weißt schon, die extraweichen Kissen und Decken für edle Kundschaft." Hagen beschäftigte sich wieder mit seinen Krügen. Dabei beobachtete er die beiden. Sie schienen sich gut zu verstehen. Beide leerten ihren Wein mit kräftigen Zügen. Zu Hagens Vergnügen konnte er bei dem Fremden einen wohlwollenden Ausdruck erkennen, während er den Becher wieder abstellte. Als der Fremde der Frau von dem Brot und dem Schinken anbot, lehnte sie jedoch ab. Nachdem er beides verzehrt hatte, standen sie auf und gingen zu Hagen hinüber. "Wenn ihr uns jetzt unser Zimmer zeigen würdet." Hagen stellte einen Krug an seinen Platz unter der Theke. "Bitte folgt mir!" Er nahm eine Kerze aus einer Kiste neben dem Weinfaß, zündete sie an einer Fackel, die an der Wand befestigt war, an und ging zur Treppe. Nachdem er noch einmal nachgesehen hatte, ob die zwei ihm auch folgten, stieg er hinauf. Oben angekommen, wandte er sich nach rechts und ging weiter, bis er am Ende des Ganges angelangt war. Er öffnete die Tür und sah, daß Mirya bereits alles hergerichtet hatte. Sie hatte sogar zwei Kerzen aufgestellt. Hagen drehte sich um. "Ihr seid zwar gewiß besseres gewöhnt, aber dies ist das Beste, was ich euch anbieten kann." Der Fremde sah sich kurz in dem Zimmer um, dann blickte er wieder Hagen an. "Es ist zwar recht einfach, aber auf meiner Reise habe ich weitaus schlimmeres gesehen. Ich bin damit zufrieden." Hagen lächelte. "Das ehrt mich." Dann überließ er die beiden sich selbst und ging wieder in den Schankraum. Mirya war gerade dabei, den letzten Gast abzukassieren. Hagen spülte noch die letzten drei Krüge aus und stellte sie an ihre Plätze. Währenddessen verriegelte seine Frau die Eingangstür. Dann blickten sie sich an. "Das war ein reger Betrieb heute. Da bin ich froh, daß endlich wieder Ruhe ist. Laß uns noch eben das Frühstück für den edlen Herrn vorbereiten, dann können wir schlafen gehen." Sie stimmte ihm zu. "Ja, ich bin auch schon so müde, daß ich am liebsten sofort einschlafen würde." Die beiden legten Brot, Schinken, Käse und Eßgeschirr für zwei Personen, sowie zwei Becher und einen großen Krug zurecht. Als alles an Ort und Stelle war, lächelten sie sich gegenseitig an. Hagen gab Mirya einen zärtlichen Kuß. "Endlich haben wir diesen anstrengenden Tag hinter uns gebracht." Sie stiegen die Treppe hinauf und gingen auf ihr Zimmer, das gleich neben dem Zimmer lag, welches sie dem Fremden gegeben hatten. Er nahm einen Schlüssel aus der Tasche und öffnete die Tür. Als sie drinnen waren, schloß er sie und versperrte sie mit einem Riegel. Dann gingen sie schlafen.
Hagen wachte auf. Er hatte einen lauten Schrei gehört. Er sah nach Mirya. Sie war ebenfalls aufgewacht. Dann hörte er wieder diesen Schrei. Er kam aus dem Zimmer nebenan. "Das war der Fremde. Ihm muß etwas passiert sein." Sie standen auf und warfen sich schnell ihre Kleidung über. "Warte hier Mirya, ich hole schnell die Stadtwache." Hagen rannte aus dem Zimmer und die Treppe hinunter. Als er unten ankam, hörte er ein lautes Klopfen an der Tür. "Aufmachen, hier ist die königliche Garde!" Er schob schnell den Riegel zurück und öffnete. Fünf Mann der Garde drangen mit gezogenen Schwertern ein. Der Hauptmann wandte sich an Hagen. "Was ist hier los?" "Ich weiß es nicht, ich wollte gerade loslaufen, um die Stadtwache zu alarmieren." Wieder ertönte der Schrei. Hagen rannte die Treppe hinauf, gefolgt von der Garde. Mirya stand schon nervös vor dem Zimmer. Der Hauptmann drängelte sich vor und versuchte, die Tür zu öffnen. Sie war jedoch verriegelt. Er klopfte energisch dagegen. Hagen schob sich vor. "Wenn ich mal kurz randürfte." Er machte sich kurz an der Wand zu schaffen, dann stieß er die Tür auf. Der Anblick war schrecklich. Der Fremde lag quer auf dem Bett. Seine blutgetränkte Kleidung hing in Fetzen an ihm herunter. Er röchelte nur noch. Neben ihm kniete nackt die junge Frau. Mit einer Hand drückte sie ihm den Kopf in das Kissen, die andere hatte sie in seinen Bauch gekrallt. Ihr Kopf verschwand irgendwo unter ihrer wallenden Haarpracht. Als die Tür aufging, riß sie den Kopf zurück, daß ihre Haare auf ihren Rücken peitschten. Ihr Mund stand offen, von ihren ungewöhnlich langen und spitzen Eckzähnen lief Blut über Kinn und Hals herab. Ihre grüngelb glühenden Augen starrten Hagen an. Der Hauptmann stürmte in den Raum, hob sein Schwert und schlug nach ihr. Aber sie war schneller. Mit einer fließenden Bewegung rollte sie sich über das Bett und landete auf allen Vieren auf dem Boden. Noch bevor der Gardist ein zweites Mal nach ihr schlagen konnte, war sie wieder auf den Beinen. Sie sprang vor, griff nach seinem Kopf und riß ihn nach hinten. Ein lautes Knacken beendete jede Gegenwehr. Als sie ihn losließ, fiel er zu Boden und rührte sich nicht mehr. Sie starrte die anderen an, die vor Schreck wie gelähmt waren, dann sankt sie auf den Boden und verwandelte sich vor den entsetzten Augen der Anwesenden in einen Wolf. Als sie sich umdrehte und aus dem Fenster sprang, kam wieder Leben in Hagen und die Gardisten. Sie stürzten ans Fenster und sahen hinaus, aber der verschneite Platz unter ihnen war leer.
-------------------------------------------------------------------------------- © 1999 Kaneda
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