Joanna
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« am: 05 April 2005, 12:16:59 » |
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Der Regen fiel sanft. Die Tropfen waren irgendwie lang und fein, waren auf Haut und Kleidung kaum zu spüren. Trotzdem bildete sich über dem Boden weißlicher Nebel, und die Luft war vom sanften Rauschen des kühlen Wassers erfüllt. In einigen Metern Entfernung bereits legte sich ein grauer Schleier über alles, und mehr als zwanzig Meter konnte man dank dem Regen nicht sehen. Die schwarze Friedhofserde schien seltsam frisch, als hätte er die letzten so heißen Monate nur auf diesen Moment gewartet, um aufzublühen und sich zu entfalten. Die kalten, harten Grabsteine, die sich links und rechts in endlosen Reihen erstreckten, schienen durch den Regen weich. An ihren Seiten rann das Wasser herab, wusch die Spuren der Zeit, Staub und Dreck ab, und ermöglichte es ihnen, dem Zahn der Zeit wenigstens für den Moment zu trotzen. Dunkle, traurige Glockenklänge hallten dumpf von weit her, und eine sanfte, hohe Orgelmelodie aus einer anderen Richtung ergänzte die Töne zu einer wundervollen Symphonie der Trauer. Es war ein unglaublich schönes Lied, klagend und doch hoffend, Traurigkeit und Stärke zugleich vermittelnd. Und doch berührte es die schwarze Gestalt nicht, die an einem der Gräber kniete. Ihr Plastilinanzug war wasserdicht. Der Regen rann in großen Strömen an ihrem Rücken herab. Quer über die Schulter hing ein Sturmgewehr. Es war schäbig und alt, und doch sah man, daß die Waffe gut gepflegt war. Sie war geladen. Das lange Kurzgeschoßmagazin ragte unten aus dem Griff, auf das elegant ein großes "M" graviert war. Auf dem Lauf kündete eine Schrift vom Hersteller, und dem Produktionsjahr: 2047. Auch die Waffe war von Regen naß, und ein kleines Rinnsaal tropfte vom großen Schlapphut, den die Gestalt trug, auf sie herab. Die Hände der Gestalt fuhren in die Tasche, kramten und zogen etwas hervor. Die Finger waren in schwarzes Leder gehüllt. Zwischen den Fingern lag ein Taschentuch. Die Gestalt fuhr sich über das Gesicht, wischte Regen und Tränen gleichermaßen weg. Über dem linken Auge lag ein grünlicher Schimmer. Winzige Zahlenreihen fuhren in unablässigem Eifer direkt über die Netzhaut der Person. Ein Informationsstrom, eine Frucht der Technik. Die Gestalt drehte sich um, schritt davon, platschende und schmatzende Geräusche in der nassen Erde hinterlassend. Zurück blieb nur das Grab, der Regen und die leise Melodie. Das Grab war schlicht. Keine Blumen, keine Kerzen schmückten es. Auch der Grabstein war einfach. Alles was darauf zu sehen war war ein Name. Und eine Widmung. "In ewiger Liebe", stand da. Und darunter ein kunstvoll in den Stein graviertes "M". Sonst nichts. Kein Schmuck. Keine Kerzen. Keine Blumen. Nur der Regen, die Melodie und das Grab. Und ein Schmerz, der so uralt war wie die Menschen selber.
by: Andreas Heese
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