Joanna
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« am: 05 April 2005, 12:16:10 » |
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Sheppard war den Tränen nahe. Und das war etwas besonderes. Es war das erste mal in seinem Leben, daß er den Tränen so nahe war wie jetzt. Er hatte nie mehr geweint, seid er Zwölf geworden war. Mit Vierzehn hatte er sich das Bein gebrochen, und er hatte nicht geweint. Mit Siebzehn hatte er einen schweren Autounfall gehabt. Er hatte nicht geweint. Auch wenn er um ein Haar verblutet wäre. Er hatte drei Stunden auf der Strasse gelegen, sein Auto neben ihm. Er hatte sich dreimal überschlagen, seinen linken Arm beinahe verloren, und zwölf Rippenbrüche erlitten. Er hatte nicht geweint. Mit Zwanzig war er in die Armee der vereinten Europäischen Staaten eingetreten. Mit Dreiundzwanzig hatte er bei einem Übungsmanöver einen Durchschuß durch die Schulter hinnehmen müssen. Er hatte nicht geweint. Als er Fünfundzwanzig war, war seine Frau durch einen Nuklearwaffenangriff ums Leben gekommen. Er hatte auch damals nicht geweint. Keine Träne hatte er vergossen, aber in seinem Inneren war er hart geworden. Und rachsüchtig. Inzwischen war er ein einflussreicher Mann im Militär, und er hatte voller Rachegelüste den Gegenschlag angeordnet. Mit Achtundzwanzig schleifte er sich aus den Trümmern eines zerstörten Bunkers, ein Arm fehlte ihm. Seine Organe hingen ihm aus dem Leib. Aber er hatte seine Heckler und Koch Impulspistole gen Himmel gestreckt und in die Luft geschossen. Vor Freude. Weil der Gegner vernichtet war. Er hatte den Bunker nicht nehmen können. Mit Zweiunddreißig verlor er beinahe sein Leben in einem Strassenkampf im zerstörten Berlin. Zwölf Cyberimplantate waren nötig, um ihn am Leben zu erhalten. Mit Vierzig noch hatte er Leute erschossen, und war mehrere Male im Dienste seines Vaterlandes fast getötet worden. Mit Zweiundvierzig leitete er selber den Sturm auf das letzte der vom Feind besetzten Gebäude. Drei Wochen später erlaubten ihm die Ärzte wieder aufzustehen, nachdem er über zwanzig Kugeln in seinem Leib getragen hatte. Aber er war nicht zusammengebrochen, bevor das Gebäude erstürmt war, und der letzte der Feinde unter seiner Impulswaffe zusammenbrach. Mit Vierundvierzig hörte er zu, als die Armee der vereinten Europäischen Staaten die Alleinherschafft über die gesamte Erde bekannt gab. Shepard hatte im Verlauf des gesamten Krieges über fünfhundert Menschen erschossen. Er war ein Held. Und dabei war es ihm nur um die Rache an seiner Frau gegangen. Und er hatte nie geweint. Er hatte Härte gezeigt. Und doch. Jetzt - mit über fünfzig Jahren - sollte er anfangen zu weinen. Er würde mehrere Tage nicht damit aufhören. Und dann würde er sterben. Er würde sich erschiessen. Mit jener Impulspistole, die er damals im Krieg getragen hatte. Doch das wusste er zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Was er wusste war das vor ihm dieses kleine Mädchen stand. Es war vielleicht zwölf Jahre alt. Ihr Gesicht war rund und weich geschnitten. Ihre Augen waren groß und unglaublich süß. Sie war engelsgleich. Und unschuldig. Sie war vom Kriege geistig verwirrt, aber das wusste Shepard nicht. Sie hatte ihn zum Weinen gebracht. Nicht wegen ihrem Aussehen, sondern wegen ihren Worten. Als Shepard sie gefragt hatte, was sie wohl alleine hier in den Trümmern der Stadt mache, hatte sie mit feuchten Augen geantwortet: "Ich suche meinen Vater, ich möchte ihm aufhelfen. Es heißt er wäre hier gefallen."
by: Andreas Heese
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